Süddeutsche Zeitung

Bloggerin kämpft für Meinungsfreiheit in Ägypten:Seht her, ich bin nackt, akzeptiert mich!

Sie trägt nur rote Schuhe und Netzstrümpfe: Ihre Nacktbilder will Aliaa Magda Elmahdy als Protest gegen die Zensur in Ägypten verstanden wissen. Blogger wie sie haben mitgeholfen, das Mubarak-Regime zu stürzen. Jetzt erleben sie, wie das Land trotzdem immer konservativer wird. Die Internetaktivisten wollen das ändern - aber viele Liberale fürchten, das helfe eher den Islamisten.

Schlecht belichtet und lieblos in Szene gesetzt sind die Fotos, die derzeit viele Ägypter in Aufregung versetzen. Der künstlerische Wert ist nebensächlich. Was zählt, ist das Motiv: eine Frau, beinahe nackt, nur mit Netzstrümpfen und roten Schuhen bekleidet. Ein Pin-up-Girl, wie es im Internet auf Tausenden Websites zu sehen ist. Auch in Ägypten.

Doch dieses Bild ist anders. Die Frau, die hier posiert, ist kein anonymes Nacktmodell, dass islamistische Konservative als Erscheinung westlicher Verkommenheit verdammen könnten. Die Frau ist Ägypterin, sie lebt in Ägypten. Zumindest gibt sie das an. Sie hat die Fotos auf ihrem Blog unter ihrem Namen veröffentlicht. Sie heißt Aliaa Magda Elmahdy und sagt: "Mein Körper gehört mir."

Mubarak ist weg, die Tabus sind geblieben

Das Bild ist ein Affront, denn in Ägypten herrscht Zensur. Das war unter dem Mubarak-Regime so, und es ist nach dem Sturz des Diktators unter dem jetzt herrschenden Militärrat nicht viel besser geworden. Presse- und Meinungsfreiheit sind weiterhin eingeschränkt. Nacktheit und Sexualität sind gesellschaftliche Tabus. Wer darüber spricht, muss um seine Sicherheit fürchten. Das gilt für Aliaa Magda Elmahdy und für andere Aktivisten, die im Internet aufbegehren.

Blogger und Twitter-Nutzer hatten maßgeblichen Anteil daran, dass das Mubarak-Regime zusammenfiel. Nun müssen sie einsehen, dass der Sturz des Herrschers nicht automatisch das gesellschaftliche Klima verändert hat. Ägypten bleibt konservativ. Und der Einfluss der Religion wächst.

Fernsehshows religiöser Prediger erfreuen sich großer Beliebtheit. Die Zahl der Kopftücher in der Öffentlichkeit steigt, wie ein Video auf Youtube eindrücklich zeigt. Zu sehen sind die Absolventinnen der Universität Kairo im Laufe der Zeit - zunehmend verschleiert.

Mubarak hatte sich gegenüber dem Westen stets damit gerühmt, die Islamisten in die Schranken gewiesen zu haben. Er ließ die Muslimbrüder einsperren. Aber andere religiöse Strömungen wie die Salafisten hatten weitgehend freie Hand. Solange sie keine politische Teilnahme einforderten, ließ das Regime sie gewähren. Nach dem Sturz beanspruchen sie nun beides: politischen und gesellschaftlichen Einfluss.

Hinzu kommt, dass viele Ägypter, die einst als Gastarbeiter in Saudi-Arabien arbeiteten, in ihr Land zurückkehren. Sie bringen nicht nur Geld mit, sondern auch die konservative wahhabitische Auslegung des Islam, wie sie in Saudi-Arabien gelebt wird.

Tritte für das Kopftuch

Mit zunehmendem Selbstbewusstsein vertreten islamistische Konservative ihre radikalen Ansichten. So verlangte Abdel Monem al-Shahat, der Sprecher einer salafistischen Gruppe, von einer Fernsehmoderatorin, dass diese ein Kopftuch anziehen müsse. Andernfalls werde er ihr kein Interview geben.

Es sind solche religiösen Eiferer, die Aliaa Magda Elmahdy provozieren möchte. In einem der Bilder bedecken gelbe Balken ihre Augen, ihren Mund und ihre Scham. "Die Balken sollen unsere Zensur von Wissen, Ausdruck und Sexualität darstellen", erklärt die Bloggerin. Auf ihrer Facebook-Seite legt sie nach. Dort tritt sie auf einem Bild mit ihrem Schuh auf ein am Boden liegendes Kopftuch.

Schuhe zu zeigen allein gilt in der islamischen Welt schon als Beleidigung. Damit auf ein religiöses Symbol wie das Kopftuch zu treten, ist für viele Ägypter unfassbar. Sie werde in der Hölle landen, heißt es in einigen Kommentaren unter den Bildern. Wie solle man Respekt vor ihr haben, wenn sie selbst keinen Respekt vor anderen und deren Religion habe?

Liberale fürchten wegen Nacktfotos um ihren Ruf

Elmahdys Antwort: "Ich trete auf niemanden. Ich trete auf ein Stück Stoff, dass die Versklavung von Frauen repräsentiert." Sie wende sich gegen die Gesellschaft, die auf "Gewalt, Rassismus, sexueller Belästigung und Heuchelei" aufgebaut sei. Laut ihres Profils bei Twitter sieht sich Elmahdy als "säkulare, liberale, feministische, vegetarische, individualistische Ägypterin". Außerdem ist sie nach eigenen Angaben seit ihrem sechzehnten Lebensjahr Atheistin.

Wer sich so outet, begeht gesellschaftlichen Suizid. Auf Atheismus oder den "Abfall vom Glauben" steht im Islam die Todesstrafe. Säkular und liberal sind für die Konservativen Reizworte, Feminismus sowieso. Vegetarier ist man allenfalls, weil man sich kein Fleisch leisten kann. Und vor dem Individualismus stehen in Ägypten traditionell der starke Bezug zur Familie und zur Gemeinschaft. Elmahdy aber schreibt: "Meine Familie hat kein Anrecht auf meinen Körper oder meine Handlungen."

Nackt sei nicht gleich frei, heißt es immer wieder

Die Reaktionen sind zwiespältig. Während viele Kommentatoren im Internet den Mut der Aktivistin bewundern, halten andere die Identität der Frau für eine Fälschung. Andere verachten Elmahdy und werfen ihr vor, bloß süchtig nach Aufmerksamkeit zu sein.

Sich so zu zeigen, sei kein Zeichen für Mut, sondern für fehlende Bescheidenheit, schreibt Twitter-Userin @reemAwad. Nackt sei nicht gleich frei, heißt es immer wieder. User @Elna7as_pasha schreibt: "Sollte sie so auf die Straße gehen, würde ich das als Einschränkung meiner eigenen Freiheit sehen."

Einige fürchten gar, Elmahdys Nacktbilder gefährdeten den Ruf der Liberalen. Sie liefere Islamisten genügend Material, um den Ruf der liberalen Aktivisten zu schädigen. Wenn das Nacktsein Liberalismus bedeute, würden sich viele von liberalen Ideen abwenden, zitiert die Online-Zeitung Bikyamasr einen Aktivisten. Der Trend zum Konservativen werde sich verstärken.

Kopftücher auch für Männer!

Elmahdy schreckt das nicht ab. Und sie ist nicht allein. In ihrem Blog hat sie auch ein Foto eines nackten Mannes hochgeladen. Bei Facebook forderte sie Männer dazu auf, wie Frauen Kopftücher zu tragen, um Solidarität mit diesen zu zeigen. Nach dem Motto: Gleiche Rechte und Pflichten für alle.

Eine neu gegründete Facebook-Gruppe fordert mehr Rechte für Homosexuelle in Ägypten. Ihr sind schon mehr als 1300 Mitglieder beigetreten - wenn auch teils nur deshalb, um Hasstiraden gegen Schwule und Lesben veröffentlichen zu können. Die Initiatoren haben angekündigt, am 1. Januar den Tahrir-Platz in Kairo besetzen zu wollen, der als Symbol für die Befreiung vom Mubarak-Regime gilt.

Sie fordern das Gleiche wie Aliaa Magda Elmahdy: Freiheit und Selbstbestimmung

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