Besuch in Japan Merkel versucht es mit höflicher Kritik

Der kleine Roboter Asimo hüpfte und tanzte für Angela Merkel - ihren freundlichen Handschlag konnte er aber nicht entgegnen.

(Foto: AFP)
  • Japan und Deutschland treten normalerweise Seite an Seite auf - doch bei ihrem Besuch hat die Kanzlerin auch einige kritische Themen im Gepäck.
  • Japan will trotz Fukushima nicht aus der Atomenergie aussteigen und ignoriert seine Verantwortung für Kriegsverbrechen.
  • Merkel beklagt beides, allerdings nur indirekt und sehr höflich.
Von Robert Roßmann, Tokio

Angela Merkel ist das zehnte Jahr Kanzlerin, sie war auf Hunderten Auslandsreisen - aber so ist sie vermutlich noch nie begrüßt worden. "Good Morning, Madam Chancellor", sagt der kleine Mann. Er heiße Asimo und könne vieles, was auch normale Menschen können. Dann fängt Asimo an, das auch zu beweisen. Er marschiert durch den Raum, tritt einen Fußball, hüpft und rennt, dass es eine wahre Freude ist. Die Kanzlerin ist begeistert. Denn Asimo ist kein Mensch, sondern ein humanoider Roboter.

Merkel ist gerade in Tokio gelandet, ihr erster Termin hat sie ins Zukunftsmuseum geführt. Und dank Asimo kommt die technikbegeisterte Kanzlerin auf ihre Kosten. Als sich der Roboter von ihr verabschiedet, geht Merkel entzückt auf Asimo zu, um ihm die Hand zu reichen. Aber ausgerechnet das kann der Roboter nicht. Asimo steht da wie erstarrt. Der Roboter versteht offenbar nicht, was Merkel will.

Es wird an diesem Tag nicht das einzige Mal sein, dass jemand die Kanzlerin nicht versteht.

Merkel kritisiert nicht - sie beschreibt

Merkel ist nach Tokio gekommen, um das G-7-Gipfeltreffen im bayerischen Elmau vorzubereiten. Deutschland hat in der Gruppe der sieben großen Industriestaaten die Präsidentschaft inne. Die Beziehungen zwischen Tokio und Berlin sind eigentlich ganz gut. Egal ob es um den Umgang mit Russland, der Ukraine oder Syrien geht: Die beiden Länder treten Seit' an Seit' auf. Doch diesmal hat die Kanzlerin auch Themen im Gepäck, die in Tokio auf wenig Gegenliebe stoßen. Schuld daran sind zwei Jahrestage.

An Mittwoch jährt sich die Katastrophe von Fukushima zum vierten Mal. Da lässt sich die Energiepolitik bei einem Japan-Besuch kaum aussparen. Ministerpräsident Shinzo Abe setzt trotz des GAUs weiter auf die Atomenergie, Deutschland hält das für einen Irrweg. Merkel weiß, dass öffentliche Ratschläge an andere Staaten oft das Gegenteil dessen bewirken, was man will. Also hat sie sich dafür entschieden, auf Kritik an Japan zu verzichten und stattdessen nur zu beschreiben, warum Deutschland seinen Weg für richtig hält.

Bei einer Veranstaltung in den Räumen von Asahi Shimbun, einer der großen Zeitungen des Landes, beschreibt Merkel deshalb auch ihren eigenen Weg von der Kernkraftbefürworterin zur Atomkraftgegnerin. Sie will damit Interesse wecken - und am Ende vielleicht doch überzeugen.

Viel Eindruck macht die Kanzlerin damit aber nicht. Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz am Abend lässt Ministerpräsident Abe ihre Worte kühl abtropfen. Japan habe vor Fukushima ein Drittel seiner Energie aus Atomkraft bezogen, sagt der Ministerpräsident - und lässt keinen Zweifel daran, dass er auf Kernkraft auch in Zukunft nicht verzichten will.

Noch augenfälliger ist das Unverständnis Abes bei einem anderen Thema. In diesem Jahr jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 70. Mal. Auch Japan brachte schreckliches Unheil über seine Nachbarstaaten, anders als Deutschland stellt es sich seiner Verantwortung aber bis heute nicht. Der rechtskonservative Abe versucht sogar, Kriegsverbrechen zu relativieren. Seine Regierung hat deshalb auch die liberale Asahi Shimbun im Visier.

Abes Leute versuchen gerade, einen Jahre zurückliegenden Fehler, welcher der Zeitung bei der Berichterstattung über die "Trostfrauen" unterlaufen ist, zu nutzen, um das Schicksal der in japanischen Kriegsbordellen zwangsprostituierten Frauen prinzipiell infrage zu stellen. Vor diesem Hintergrund ist es eine klare Stellungnahme Merkels, dass sie sich bei ihrer Reise ausgerechnet die Asahi Shimbun für ihren Auftritt ausgesucht hat.

Gespräch mit dem Kaiser lief umso besser

Die Kanzlerin geht die japanische Regierung am Montag allerdings nicht direkt an. Stattdessen spricht sie über die eigene Geschichte. Deutschland sei trotz seiner Verantwortung für den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und für den Holocaust wieder in die Völkergemeinschaft aufgenommen worden, weil es sich seiner Verantwortung gestellt habe, sagt Merkel. Die Aufarbeitung der Vergangenheit sei "Teil der Voraussetzung, Versöhnung schaffen zu können". Deutschland habe aber auch das Glück gehabt, dass seine Nachbarn die Hand zur Versöhnung gereicht hätten.

Wie Japan sogar mit einer derart in Watte gepackten indirekten Kritik umgeht, zeigt die Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders NHK über den Merkel-Auftritt. Den Veranstaltungsort, die verfemte Asahi Shimbun, verschweigt der Sender am Montag. Und von Merkels Redebeitrag bringt er nur den Ausschnitt, in dem die Kanzlerin das Glück beschreibt, das Deutschland mit dem Versöhnungswillen seiner Nachbarn gehabt habe. Von Merkels Diktum, man müsse sich selbst der eigenen Verantwortung stellen, ist nichts zu hören. Auch Abe geht auf Merkels Einlassungen in der gemeinsamen Abschlusspressekonferenz nicht ein.

Abe und Asimo haben es Merkel bei ihrer Japan-Reise also nicht einfach gemacht, dafür lief das Gespräch mit Kaiser Akihito umso besser. Der Tenno interessiert sich seit vielen Jahren für die Erforschung von Fischen und Meeren. Mit so jemandem lässt sich vortrefflich über Klimawandel und Meeresschutz plaudern, zwei Themen, die ebenfalls auf Merkels G 7-Agenda stehen. Das Gespräch habe länger gedauert als geplant, berichtete das Kanzleramt anschließend stolz. Merkel habe dem Kaiser einen seltenen Erstdruck des von Richard Wagner persönlich verfassten Klavierauszugs des "Tannhäuser" geschenkt. Akihito dürfte das gefallen haben. Als begeisterter Cellist ist er auch ein Freund der klassischen Musik.