Charlotte Knobloch zur Beschneidungsdebatte "Die Beschneidung ist Kern der jüdischen Identität"

Das alles und noch viel mehr hören wir uns geduldig an. Mehr als das: Wir rechtfertigen und erläutern die deutsche Mentalität gegenüber unseren Familien und Freunden im Ausland. Seit Jahrzehnten erklären wir, warum es trotzdem nicht nur richtig, sondern auch gut ist, in diesem Land zu leben, wir tun das selbst dann noch, wenn in Deutschland Rabbiner oder als Juden erkennbare Juden angepöbelt und krankenhausreif geschlagen werden. Beinahe mein ganzes Leben lang war und bin ich der Kritik der restlichen jüdischen Welt ausgesetzt. Seit sechs Jahrzehnten muss ich mich rechtfertigen, weil ich in Deutschland geblieben bin - als Überbleibsel einer zerstörten Welt, als Schaf unter Wölfen.

Charlotte Knobloch, 79, ist Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde in München und Oberbayern und Vizepräsidentin des Jüdischen Weltkongresses. 2006 bis 2010 stand sie dem Zentralrat der Juden in Deutschland vor.

(Foto: dpa)

Ich habe diese Last immer gerne getragen, weil ich der festen Überzeugung war, dass es dieses Land und seine Menschen verdient haben. Erstmals geraten nun meine Grundfesten ins Wanken. Erstmals spüre ich Resignation in mir. Ich frage mich ernsthaft, ob dieses Land uns noch haben will. Ich frage mich, ob die unzähligen Besserwisser aus Medizin, Rechtswissenschaft, Psychologie oder Politik, die ungehemmt über "Kinderquälerei" und "Traumata" schwadronieren, sich überhaupt darüber im Klaren sind, dass sie damit nebenbei die ohnedies verschwindend kleine jüdische Existenz in Deutschland infrage stellen. Eine Situation, wie wir sie seit 1945 hierzulande nicht erlebt haben.

Religiöse Fundamente werden in den Dreck gezogen

Anders als im Islam ist die Beschneidung im Judentum konstitutiv. Sie ist Kern der jüdischen Identität. Der Eifer, mit dem Selbstberufene gefühls- und gedankenlos unsere religiösen Fundamente in den Dreck ziehen, sucht seinesgleichen. Menschen, die offenbar keine Ahnung von der religiösen Bedeutung der Brit Mila, der Beschneidung, haben, die vermutlich niemals mit einem Juden gesprochen haben, wollen uns nun vorschreiben, ob und wie wir unsere Religion ausüben dürfen.

Ich will das nicht mehr stillschweigend hinnehmen. Nicht nach all dem, was wir Juden in Deutschland erleiden mussten. Ich bin auch nicht länger bereit, die Augenwischerei zu decken, bei der vom neuen, frischen, blühenden Judentum in Deutschland geredet wird, um den Deutschen das Gefühl zu vermitteln, dass die Zeit sogar die größte anzunehmende Wunde heilen könne.

Trotzdem lieben wir dieses Land

Fakt ist, das deutsche Judentum hat die Schoah nie überwunden. Die wenigen, die sie überlebt haben, sind bis heute geprägt und bestimmt von der Abwesenheit jenes jüdischen Lebens des beginnenden 20. Jahrhunderts. Vielleicht gibt es noch 10.000 deutsche Juden in diesem Land. Unsere Stammbäume wurden nicht gestutzt. Deutschland betrieb die Brandrodung der jüdischen Familien.

Trotzdem leben wir in diesem Land. Trotzdem lieben wir dieses Land. Aber es wird wieder Zeit, dass wir für das Vertrauen, das wir hier wagen, neue Bestätigung erhalten. Ich verlange keine Sonderrechte: Sie sind im Positiven so wenig förderlich wie im Negativen. Aber ich fordere Respekt und ein Mindestmaß an Empathie. Das sollte doch drin sein für die Juden in Deutschland.