Bertelsmann-Studie Ausländer herein, bitte!

Asylbewerber in der Zentralen Aufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge im mecklenburgischen Nostorf-Horst (Landkreis Ludwigslust-Parchim).

(Foto: dpa)
  • Ein Studie der Bertelsmann-Stiftung fördert zutage: Ausländer dürfen sich in Deutschland willkommen fühlen.
  • Von den mehr als 2000 Befragten ist eine Mehrheit dafür, Ausländern in Deutschland das Leben zu erleichtern.
  • Stärker als zuvor wird von Ausländern aber gefordert, sich stärker einzubringen. Um rein ökonomische Aspekte geht es da allerdings nicht mehr.
Von Thorsten Denkler, Berlin

Womöglich wird die Kanzlerin sich für diese Studie interessieren. Sie könnte ihr nämlich helfen, sich eine Meinung zu bilden in der Frage, ob Deutschland ein Einwanderungsgesetz braucht, wie es die SPD jetzt vorschlägt. Mitte der Woche hatte sie gesagt, sie müsse sich da erst ein Urteil bilden.

Die an diesem Freitag veröffentliche Studie zur Willkommenskultur in Deutschland könnte ihr ein paar Anhaltspunkte geben. Die Meinungsforscher von TNS Emnid haben dafür im Januar etwas mehr als 2000 Menschen ab 14 Jahren repräsentativ ausgewählt und befragt, wie sie es mit der Willkommenskultur in Deutschland halten. Also schlicht: Ob sie glauben, dass Menschen aus dem Ausland sich in Deutschland willkommen fühlen dürfen. Und siehe da: ja, durchaus. Wenn auch nicht bedingungslos.

Für Einwanderer in Deutschland haben sich die Zeiten geändert - zum Positiven

Das Gute an der Studie ist: 2012 hat die Bertelsmann-Stiftung eine nahezu identische Studie schon einmal in Auftrag gegeben. Es lassen sich also Veränderungen ablesen. Und die zeigen alle in eine Richtung: Die Zeiten für Ausländer in Deutschland werden besser.

Vor drei Jahren etwa hatten nur 49 Prozent der Befragten den Eindruck, Einwanderer würden "vor Ort freundlich empfangen", wie es in der aktuellen Studie heißt. Heute sehen das 60 Prozent so. Gut 75 Prozent finden auch, dass Einwanderer bei Behörden und von den Kommunen mit offenen Armen empfangen werden. 2012 waren es lediglich zwei Drittel.

Zugleich aber steigen auch die Erwartungen an die Neuankömmlinge. Es wird stärker vorausgesetzt, dass sich Einwanderer integrationswillig zeigen. Sie sollen sich stärker an die deutsche Kultur anpassen, zugleich aber ihre eigene Kultur besser einbringen. Das ist nicht unbedingt ein Widerspruch.

Nach Ansicht der Autoren hat das vor allem etwas mit dem weit verbreiteten Wunsch unter den Befragten nach einem gedeihlichen Zusammenleben zu tun. Dafür wären die Befragten bereit, einiges zu verbessern: Mehr Förderung von Ausländern in den Arbeitsämtern, Anerkennung ausländischer Schul- und Studienabschlüsse, erleichterte Einbürgerung oder zumindest dauerhaftes Bleiberecht. Für all das hat die Studie stabile Mehrheiten in der Gesellschaft ausgemacht.

Skepsis in den neuen Bundesländern

Eine Mehrheit empfindet Ausländer auch als kulturelle Bereicherung. Die Nützlichkeitserwägungen spielen unter Befragten eine wichtige aber nicht mehr die zentrale Rolle. Einwanderer werden "als Neu- und Mitbürger" gesehen, "die diese Gesellschaft mitgestalten", schreibt Ulrich Kober, Direktor des Programms "Integration und Bildung" der Bertelsmann-Stiftung, im Vorwort der Studie. In Kanada werde das auf die Formel gebracht: Immigration is about citizenship - not just about labour. Einwanderung ist eine Frage der Bürgerschaft, nicht allein der Arbeitskraft.

Ein Problem bleibt aber der Osten Deutschlands. Der Befund ähnelt vielen anderen Studien: Obwohl auf dem Gebiet der ehemaligen DDR kaum Ausländer leben ist das Unbehagen gegenüber Ausländern hier stärker ausgeprägt. Im Westen haben lediglich ein Drittel der Befragten den Eindruck, Einwanderer seien nicht willkommen. Im Osten glaubt das fast jeder Zweite.

Gegenüber 2012 hat sich dieser Befund sogar noch verstärkt. Ost und West würden an dieser Stelle "punktuell auseinanderdriften" schreiben die Autoren der Studie. Es gebe offenbar "gegenläufige gesellschaftliche Tiefenströmungen in Ost und West".

Einwanderer erwirtschaften Plus in den Sozialkassen

Immer wieder taucht da auch das Argument auf, Ausländer würden die Sozialkassen belasten. Die Autoren sprechen dann immer von der "vermeintlichen" Belastung der Sozialsysteme. Auch dazu hat die Bertelsmann-Stiftung jüngst forschen lassen. Das Ergebnis wurde vergangenen Herbst präsentiert.

Demnach erwirtschaften die in Deutschland lebenden Ausländer ein ordentliches Plus in den Sozialkassen: "Die 6,6 Millionen Menschen ohne deutschen Pass sorgten 2012 für einen Überschuss von insgesamt 22 Milliarden Euro." Jeder Ausländer zahle pro Jahr durchschnittlich 3300 Euro mehr Steuern und Sozialabgaben, als er an staatlichen Leistungen erhalte.

Wenn schon die heute wild wuchernden Regeln für Ein- und Zuwanderung für solche Effekte sorgen, was wäre dann erst möglich mit einem klaren und transparenten Einwanderungsgesetz? Unbestritten ist, dass Einwanderung nötig ist. Das Statistische Bundesamt prognostiziert bis 2060 einen Bevölkerungsrückgang um etwa 20 Millionen Menschen, wenn es keine Einwanderung gibt.

Diese Brisanz scheint aber unter den Befragten nicht allen klar zu sein. Mehr als jeder Vierte findet, die Zahl der Einwohner werde in den kommenden Jahrzehnten stabil bleiben. Auch ohne Zuwanderung.

Das stimmt schon jetzt nicht: Die Bevölkerungsbefragung, der Zensus 2011, hat ergeben, dass es die Deutschen alleine nur noch auf knapp 64 Millionen Einwohner schaffen. Dem stehen 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund gegenüber. Und die sind auch noch durch die Bank jünger als die Bio-Deutschen, wie eine Grafik zeigt.

Willkommenskultur ist also kein Luxus. Willkommenskultur ist notwendig. Deutschland scheint da auf dem richtigen Weg zu sein.