Bericht der Vereinten Nationen Zahl der zivilen Todesopfer in Afghanistan sinkt

Gebet an den Gräbern zehn junger Mädchen, die bei der Explosion einer Landmine starben.

(Foto: AFP)

Weniger Luftangriffe und ein ungewöhnlich harter Winter - erstmals seit sechs Jahren ist die Zahl der in Afghanistan getöteten Zivilisten zurückgegangen. Das geht aus einem aktuellen Bericht der Vereinten Nationen hervor. Doch gleichzeitig töten die Taliban gezielt Mitarbeiter der Regierung Karsai.

Von Antonie Rietzschel

"Erst schossen ihn die Aufständischen zweimal in den Bauch. Als er sich dann den regierungsfreundlichen Soldaten näherte, um um Hilfe zu bitten, traf ihn eine Kugel ins Bein. Diesmal schossen die internationalen Truppen auf ihn. Sie dachten, er sei ein Aufständischer." Im Mai 2012 war ein afghanischer Zivilist in der nordafghanischen Provinz Balch in ein Gefecht geraten und wurde dabei schwer verletzt.

Die kurze Schilderung durch den Bruder des Opfers ist eine von vielen, die im aktuellen Bericht der Vereinten Nationen zum Schutz der Zivilbevölkerung in bewaffneten Konflikten zu lesen sind. Sie zeigen: Immer wieder werden Zivilisten Opfer der Auseinandersetzung zwischen den internationalen Streitkräften und militanten Islamisten. In den vergangenen sechs Jahren sind fast 15.000 getötet worden. 2012 ging die Anzahl der toten Zivilisten jedoch erstmals zurück. Starben 2011 noch 3021 Zivilisten, waren es im vergangenen Jahr 2754, ein Rückgang um immerhin zwölf Prozent.

Dem Bericht zufolge geht diese positive Entwicklung darauf zurück, dass es weniger Gefechte gibt, weil sich die internationalen Truppen aus bestimmten Teilen des Landes zurückziehen. Gleichzeitig habe es in anderen Gebieten Kämpfe zwischen den Taliban und der afghanischen Armee gegeben. Letztere verfüge jedoch nicht über schwere Waffen, weswegen weniger Zivilisten verletzt oder getötet würden, heißt es. Dazu käme der ungewöhnlich harte Winter, der besonders den Aufständischen das Kämpfen erschwert habe.

Mitarbeiter der Regierung werden verstärkt Opfer von Anschlägen

Doch auch die Verringerung der Luftangriffe hat dazu beigetragen, dass es weniger zivile Opfer gab. Auf Initiative von General John R. Allen, dem bisherigen Kommandeur der Nato-Schutztruppe Isaf, ist deren Anzahl im Vergleich zu 2011 um 42 Prozent gesunken. Trotzdem starben erst vor Kurzem im Osten Afghanistans zehn Zivilisten bei einem Luftangriff, darunter fünf Kinder. Drei Taliban-Kämpfer hatten sich in demselben Haus aufgehalten. Der afghanische Präsident Hamid Karsai untersagte seiner Armee daraufhin, Luftunterstützung durch die Nato anzufordern.

Die meisten zivilen Opfer fordern dem Bericht zufolge allerdings Übergriffe der Taliban oder anderer Aufständischer. Sie sollen für mehr als 81 Prozent der dokumentierten Vorfälle verantwortlich sein, das ist sogar ein leichter Anstieg im Vergleich zu 2011. Dabei hatten mehrere Taliban-Führer immer wieder dazu aufgefordert, Zivilisten zu verschonen. Die regierungsfreundlichen Truppen, darunter auch Isaf, seien 2012 für acht Prozent der Vorfälle verantwortlich gewesen, elf Prozent hätten keiner Seite zugeordnet werden können, heißt es.

Als größte Bedrohung für die Bevölkerung sieht der Bericht Sprengfallen, die an öffentlichen Plätzen wie Märkten oder Straßen platziert werden. Bei Explosionen starben im vergangenen Jahr 868 Zivilisten, 1663 wurden verletzt. Gleichzeitig gehen die Aufständischen anscheinend verstärkt gegen Mitarbeiter der afghanischen Regierung vor. Die Zahl der Toten und Verletzten sei um 700 Prozent gestiegen, heißt es in dem Bericht. Offenbar werden zunehmend auch Frauen gezielt getötet, was die Autoren des Berichts besonders beunruhigt.

Am 10. Dezember 2012 töteten im Norden Afghanistans zwei unbekannte Schützen Nadia Sidiki, die Vorsitzende einer örtlichen Frauenbehörde. Sidiki hatte den Posten erst einige Monate zuvor von ihrer Vorgängerin Hanifa Safi übernommen. Diese war bei einem Autobombenanschlag getötet worden. In dem Bericht der Vereinten Nationen beschreibt ihre Tochter den Anschlag: "Eine Bombe detonierte neben dem Auto, tötete meine Mutter, verletzte meinen Vater und meine zwei Schwestern. Meine Mutter hatte zuvor immer wieder Warnung von den Taliban bekommen, aber auch von Angehörigen der Opfer, denen sie geholfen hat. "