Barbara Rotraut Pleyer Der gekaufte Engel des BND

Ihr großer Moment: Barbara Rotraut Pleyer will gerade ihre Botschaft bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele von Helsinki verkünden, da führt man sie ab.

(Foto: pa/AP, dpa)

Barbara Rotraut Pleyer wird mit einer Protestaktion bei den Olympischen Spielen 1952 berühmt. Danach reist sie als Friedensaktivistin um die Welt - üppig finanziert dank BND-Chef Gehlen.

Von Willi Winkler

Misstrauisch wurden sie dann doch im Außenministerium: Wer war das überhaupt und vor allem: Wer bezahlte sie?

"Wenn man bedenkt", heißt es in dem Schreiben, das aus der diplomatischen Vertretung in der saudi-arabischen Stadt Dschidda ans Ministerium in Bonn geht, "dass eine Hin- und Rückreise von Deutschland hierher mindestens 2000,- DM kostet, von dem Aufenthalt ganz zu schweigen, so kann man sich eines unbehaglichen Gefühls bei der Frage nicht erwehren, woher die nach ihren eigenen Angaben stellungs- und mittellose Reisende das Geld dafür nimmt."

Die Reisende hat in wenigen Jahren mehr von der Welt gesehen als der Agent 007 in drei aufeinander folgenden James-Bond-Filmen. Staatsmänner sammelt sie wie ein Teenager Autogramme seiner Stars. Von Mao Zedong wurde sie empfangen; in Kairo, wo sie an der Universität sogar Vorträge halten durfte, traf sie mit Nasser zusammen; in Indien hat sie Nehru besucht, in Indonesien Sukarno.

In den Fünfzigern wurde in allen Zeitungen diskutiert: Kommunistin oder verrückt?

Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen. "Selbst bei vorsichtiger Schätzung wird man sagen können", rechnet der Beamte beamtenhaft vor, "dass ihre Reisekosten in den letztvergangenen Jahren sich auf eine wahrscheinlich ganz respektable fünfstellige Ziffer belaufen müssen. Dazu kommt, dass sie wirklich ernste Zwecke offensichtlich mit ihren Reisen nicht verfolgt."

Den Adressaten in München muss die Dunkelmännerseele im Leib gebebt haben, als das selbstverständlich mit "VS - Nur für den Dienstgebrauch" ausgezeichnete Schreiben vom Außenministerium an sie weitergeleitet wurde. Die Reisende war ihr Hätschelkind, aber niemand durfte von der engen Beziehung erfahren, die Barbara Rotraut Pleyer mit dem Bundesnachrichtendienst (BND) und insbesondere mit ihrem Chef Reinhard Gehlen verband.

Niemand kennt diese Frau Pleyer heute noch, aber in den Fünfzigern wurde in allen Zeitungen ausführlich darüber debattiert, ob sie Kommunistin oder einfach nur verrückt war.

1952 war die damals 23-jährige Jurastudentin mit einem verpatzten Auftritt schlagartig weltberühmt geworden. Sie war ohne Geld nach Helsinki gereist, um dort vor siebzigtausend Menschen ihre Botschaft zu verkünden. "Sie erschien wie die Verkörperung der Olympischen Spiele, ein Friedensengel, eine geflügelte Siegesgöttin in fließender Bewegung", wie die New York Times auf der Titelseite schwärmte.

Allein, der Friedensengel kam gar nicht zu Wort, er brachte nicht mehr heraus als "Ladies and gentlemen", da zogen sie den Engel schon weg von den Mikrofonen, und er musste zurück nach Tübingen.

Pleyers Abenteuerlust war aber ungebrochen, und die vertrug sich ohne weiteres mit dem Forschungsinteresse des BND. Die Verbindung zwischen der Friedensaktivistin und den Kommunistenfressern im Isartal ist bis heute so gut wie unbekannt geblieben.

BND installierte Spitzel bei Willy Brandt

Dokumente aus dem Nachlass des ersten Geheimdienstchefs zeigen: Der SPD-Politiker und spätere Bundeskanzler sollte diskreditiert werden. Von Uwe Ritzer und Willi Winkler mehr ...

Die Tarnung war so perfekt, dass der Militärhistoriker Rolf-Dieter Müller das schemenhafte Wesen zwar in seiner freundlicherweise vom BND mit hunderttausend Euro subventionierten Gehlen-Biografie erwähnt, sie allerdings mit der elf Jahre älteren Schauspielerin Barbara Pleyer verwechselt, einer Geliebten Erich Kästners.

Aufklärung bringt nun ein Blick in den bisher unbekannten Gehlen-Nachlass, welcher der SZ kürzlich zugespielt wurde (siehe SZ vom 2./3. Dezember), wo Barbara Rotraut Pleyer unter "Engel" und "Ro" als geschätzte und besonders schützenswerte Sonderverbindung ausführlich dokumentiert ist.

Seit 17 Jahren habe sie ihn gesucht, schreibt die richtige Barbara Pleyer zu Beginn ihrer Bekanntschaft, im Sommer 1959, an den "hochverehrten Herrn Präsidenten" Gehlen, "bis Sie eines Tages, ein Geschenk des Himmels, von selber zu mir kamen". "Wie ein Vater" habe er an ihrem Treiben "rührend Anteil genommen". Ganz von selber war's wohl nicht, Gehlens Schutzpatron im Kanzleramt, Staatssekretär Hans Globke, und der Jesuitenpater Robert Leiber brachten die beiden zusammen, der Kampf gegen den Kommunismus sollte sie einen.

Vater Pleyer marschierte beim Hitlerputsch mit

Kleo Pleyer, der echte Vater, war 1942 als Kompanieführer im Kampf gegen die "jüdisch-bolschewistische Weltrevolution" in Russland gefallen, dort, wo Gehlen damals mit dem Aufbau seines Spähunternehmens "Fremde Heere Ost" begann. Anders als Gehlen, der nach Kriegsende mit amerikanischer Hilfe einen neuen deutschen Geheimdienst aufbauen konnte, war Pleyer ein glühender Nazi gewesen.

Schon 1923 hatte er den Aufrührer Hitler beim Marsch auf die Feldherrnhalle begleitet und war 1937 mit einer Professur an der Reichsuniversität Königsberg belohnt worden. "Der Krieg", dozierte der Professor, dem dafür posthum der Kant-Preis verliehen wurde, "der Krieg bringt Gott und die Erde in Einklang; er heiligt die irdischste Aufgabe, die des Tötens, durch die göttlichste Kraft, die der Selbsthingabe."

Die Tochter wollte statt des Krieges den Frieden predigen. Von ihrem großen Plan, die Welt, die im Schatten der Atombombe lebte, aufzurütteln und ihr den Frieden zu verkünden, wollte Barbara Pleyer trotz des Fiaskos in Helsinki nicht ablassen.

Sie demonstrierte an der Zonengrenze zur DDR, diskutierte mit Pastor Martin Niemöller, in den Fünfzigern einer der wenigen Pazifisten in der Bundesrepublik, hielt immer wieder Vorträge und sich im Gespräch. Der italienische Couturier Emilio Schuberth schneiderte ihr gratis die schönsten weißen Gewänder, die so gut mit ihren rotblonden Haaren harmonierten.

So fiel sie auch Reinhard Gehlen auf. Die Wahl-Tochter hatte nicht ohne Grund die großen Staatsmänner bezirzen können und schmeichelte dem 27 Jahre älteren Mann - verheiratet, vier erwachsene Kinder - nach allen Regeln der Kunst. "Es ist Ihr Genie, Ihr kühner Geist, Ihre hohe Kunst des Abwägens und der Geduld, Ihre meisterhafte Menschenführung", die sie zur Unterwerfung unter seine Autorität zwingen würden, säuselt sie und unterschreibt als "gehorsame Rotraut".