Arbeitsmigranten aus Osteuropa Endstation "Arbeitsstrich"

In vielen Städten gibt es einen "Arbeitsstrich", wo Migranten aus Osteuropa auf einen Job als Tagelöhner hoffen: Im Münchner Bahnhofsviertel warten Bulgaren auf ein Arbeitsangebot.

(Foto: Robert Haas)

Seit dem EU-Beitritt von Bulgarien und Rumänien kommen jedes Jahr Tausende Menschen nach Deutschland. Hier verdingen sich viele als Tagelöhner - oft für zwei Euro pro Stunde. Bund, Länder und Kommunen suchen nun nach Lösungen.

Von Thomas Öchsner

Bei der Tafel in Bremerhaven, die Essen an hilfsbedürftige Menschen ausgibt, gibt es drei Tüten: für Gemüse, für Backwaren und für Milchprodukte. Bisher waren die Tüten stets gut gefüllt. Doch seit Anfang des Jahres werden die Almosen knapp. "Wir mussten die Portionen rationieren", sagt der Chef der Einrichtung, Manfred Jabs. Das liegt daran, dass zunehmend Menschen aus Bulgarien und Rumänien um Lebensmittel bitten.

Seit 2007 gehören beide Länder zur EU. Niemand kann deren Bürgern deshalb verwehren, in der Hoffnung auf Arbeit nach Deutschland einzureisen. Und dies tun immer mehr, oft für viel Geld von kriminellen Schlepper-Banden gelotst: 2011 wanderten etwa 147.000 Personen aus Bulgarien und Rumänien in die Bundesrepublik ein, mehr als doppelt so viele wie noch 2007. Im ersten Halbjahr 2012 kletterte die Zahl der - offiziell gemeldeten - Zuzügler aus den beiden EU-Staaten um weitere 24 Prozent.

Der Traum vom besseren Leben bleibt allerdings oft unerfüllt. Viele Arbeitsmigranten finden keinen Job, einen Anspruch auf Sozialleistungen wie Hartz IV, eine Wohnung oder eine Krankenversicherung haben sie in der Regel nicht; kaum einer kann deutsch. Unbeschränkt arbeiten dürfen Rumänen und Bulgaren in Deutschland erst von 2014 an. Bis dahin können sie sich in Deutschland nur als Selbständige oder als Saisonarbeiter verdingen.

"Eine humanitäre Katastrophe"

In den Kommunen sind daher die Gewerbeanmeldungen von Rumänen und Bulgaren sprunghaft gestiegen - die meisten der angeblich Selbständigen verkaufen sich jedoch als Tagelöhner. In vielen Städten gibt es einen "Arbeitsstrich", wo Arbeitgeber sich osteuropäische Helfer holen, die für zwei Euro die Stunde Schiffscontainer beladen oder am Bau anpacken. Andreas Stasiewicz von der Beratungsstelle für osteuropäische obdachlose Menschen in Hamburg spricht von einer "gnadenlosen Ausbeutung". Die Politiker hätten Europa erweitert, ohne über ein "Minimum von sozialen Standards" nachzudenken; es spiele sich eine "humanitäre Katastrophe" ab.

Was das bedeutet, hat der Deutsche Städtetag penibel aufgelistet: In der Dortmunder Nordstadt, wo sich die Zahl der Bulgaren und Rumänen fast verneunzehnfacht hat, seien Wohnungen und Häuser stark verwahrlost. In Duisburg hätten Prostitution, Kriminalität und Schwarzarbeit zugenommen. In Mannheim werde für eine Matratze "200 Euro im Monat bezahlt, einzelne Räume werden an Familien, die dort mit sechs oder mehr Personen leben, für 400 oder 500 Euro vermietet". In Berlin kümmern sich nun drei Sozialarbeiter mit osteuropäischen Sprachkenntnissen um die Obdachlosen. "Frostschutzengel" heißen sie bei der Berliner "Kältehilfe".

Der Städtetag warnt davor, dass rechte, fremdenfeindliche Kräfte Ressentiments gegen die Zuwanderer für sich ausnutzen könnten. Eine von Hamburgs Sozialsenator Detlef Scheele (SPD) angeregte Bund-Länder-Arbeitsgemeinschaft sucht jetzt nach Auswegen. Bis dahin will der Bremerhavens Tafel-Chef Jabs Rumänen und Bulgaren auf jeden Fall weiterhelfen: "Wir schicken hier niemanden hungrig weg", sagt er.