Anschlag auf Schule in Pakistan Angriff auf den größten Schatz der Gesellschaft

Genug ist genug: Journalisten und Bürger halten in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad eine Mahnwache für die Opfer des Terroranschlag in Peshawar.

(Foto: dpa)
  • Bei einem Taliban-Angriff auf eine Schule in der pakistanischen Stadt Peschawar werden weit über 100 Menschen getötet, die meisten von ihnen Kinder.
  • Es ist ein Vergeltungsschlag gegen das Militär; die Armee betreibt die Schule.
  • Nach dem Anschlag herrschen in Pakistan kollektive Ohnmacht und Trauer - in den vergangenen Jahren kam es immer wieder zu Anschlägen mit hohen Opferzahlen.
Von Arne Perras

Auf den Märkten von Peschawar kennen sie dieses Heulen. Die Sirenen. Wenn die Ambulanzwagen durch die Straßen jagen, wenn Armeefahrzeuge ausrücken und Soldaten Häuserblocks absperren, wenn Explosionen zu hören sind und Rauch in den Himmel aufsteigt, dann wissen sie: Die Extremisten haben wieder zugeschlagen. Das ist zermürbender Alltag in dieser Stadt, die einst ein blühendes Handelszentrum an den Straßen nach Afghanistan war und nun immer stärker unter den Druck des islamistischen Terrors gerät. Grenzenlos ist der Wille zur Gewalt geworden: Jetzt attackieren die angeblich so gottesfürchtigen Krieger auch noch den größten Schatz einer jeden Gesellschaft: die Kinder.

"Unsere Selbstmordattentäter sind jetzt in der Schule und haben Anweisungen, die Kinder zu schonen." Zynischer hätten die pakistanischen Taliban ihr Bekenntnis zum Überfall in Peschawar kaum formulieren können. Als der Satz am späten Vormittag öffentlich wird, ist das Massaker auf dem Gelände der Armeeschule noch nicht vorbei. Die Gewalt eskalierte offenbar in rasendem Tempo. Am Nachmittag meldet das staatliche Radio bereits 130 Tote, darunter mindestens 100 Schüler.

Eine Stadt unter Schock

mehr...

Widersprüchliche Meldungen über den Hergang machen es zunächst schwer, sich ein genaueres Bild vom Verlauf dieses Massenmordes zu machen. Anfangs heißt es, die Angreifer hätten umgehend das Feuer auf Wehrlose eröffnet, später ist von insgesamt 15 Detonationen die Rede. Als die Armee anrückt, um die Schule zu befreien, soll es zu Feuergefechten wie beim Häuserkampf gekommen sein. Dabei geraten wohl auch Kinder ins Schussfeld, die von den Attentätern als lebende Schutzschilder missbraucht werden.

Dutzende Schüler und Lehrer können im Kugelhagel offenbar dennoch entkommen, viele werden allerdings verletzt in die Krankenhäuser gebracht. Im Lady Reading Hospital herrscht Ausnahmezustand, die Chirurgen operieren ohne Pause, viele Opfer seien im Kopf getroffen worden, heißt es. Vor den Toren drängen sich Angehörige, weinend flehen sie um Nachrichten von ihren Kindern, um einen Hinweis, dass sie noch am Leben sind .Einer der geretteten Schüler spricht von einer Trage im Hospital aus in die Mikrofone von Journalisten. Seine Sätze klingen abgehackt, aus seinen Augen spricht noch immer die Panik. Er habe gerade seine Chemieprüfung geschrieben und im Labor gearbeitet, erzählt er. Dann kamen die Angreifer hereingestürmt und schossen um sich. Amir, so heißt der Junge, hat gesehen, wie sie sogar einen Zweijährigen erschossen, der zufällig auch gerade in der Schule war.

Peschawar ist immer wieder Ziel von Anschlägen.

Erst am Nachmittag scheint sich die Lage auf dem umkämpften Gelände zu beruhigen, als die Armee den Tod eines sechsten Attentäters meldet. Offenbar hatten die Eindringlinge Sprengfallen in den Gebäuden versteckt, um den Vorstoß der Armee zu bremsen. Das Ausmaß der Gewalt und die Probleme der Armee, die Kontrolle über die Schulgebäude zu erlangen, deuten darauf hin, dass die Attacke durch das Terrorkommando bestens vorbereitet war. Ihr Ziel hatten die Taliban tatsächlich sorgfältig ausgewählt. Sie griffen eine Schule der Armee an. Allerdings sind diese Bildungseinrichtungen keineswegs nur für Angehörige der Armee gedacht. Auch Kinder von Zivilisten besuchen sie. Dennoch war offenkundig, dass die Armee getroffen werden sollte, dass dieser Terrorangriff als Vergeltungsschlag gegen das Militär geplant war - noch dazu am Jahrestag der demütigenden Niederlage der pakistanischen Armee, die am 16. Dezember 1971, also vor 43 Jahren, im damaligen Krieg gegen Indien kapitulieren musste.

Hunderte Taliban-Kämpfer wurden nach Angaben der Armee seit dem Frühjahr getötet

Die Armee hatte den Taliban schon im Frühsommer den Kampf angesagt, als geplante Friedensgespräche mit der Regierung platzten. Seitdem verkündet das Militär Erfolge im Kampf gegen die Aufständischen. Hunderte will sie schon getötet haben, was sich allerdings nicht überprüfen lässt, weil Journalisten keinen freien Zugang in die umkämpften Gebiete erhalten.

Die Aufständischen haben viele Wege, sich den Angriffen zu entziehen. Sie können sich über die Grenze nach Afghanistan davonmachen, über die zerklüfteten Berge, wo sie sich bestens auskennen und ihnen die pakistanischen Soldaten nur schwer folgen können. Andererseits haben die Terrorzellen in den Stammesgebieten von Wasiristan Luftschlägen oder US-Drohnenangriffen wenig entgegenzusetzen. Um dem Militär unter diesem Druck noch einen empfindlichen Schlag zu versetzen, setzen die Aufständischen auf Terror. Entscheidend scheint dabei zu sein, Schrecken in zweifacher Hinsicht zu verbreiten. Der Staat und seine Sicherheitsorgane sollen sich gedemütigt fühlen, wenn sie ihren eigenen Apparat nicht schützen können. Und wenn dabei Zivilisten sterben, untergraben die Täter auch noch das Vertrauen der Gesellschaft in ihre Regierung. Dass die Extremisten gezielt Kinder töten, zeugt von einer Brutalisierung ihres Denkens, gegen das die Staatsmacht nur schwer eine Strategie findet. Nimmt sie den Druck von den Terroristen, so können die sich neu gruppieren. Geht sie in die Offensive, droht ihr Vergeltung, so wie jetzt an der Schule geschehen.

Die Stadt Peschawar wird, ähnlich wie die Hafenmetropole Karatschi, besonders häufig vom Terror heimgesucht. Oppositionsführer und Ex-Cricketstar Imran Khan spricht vom "schlimmsten jemals verübten Akt der Barbarei". Doch reiht sich auch dieser Überfall ein in eine lange Kette von Anschlägen der vergangenen Jahre in Pakistan, bei denen oft Dutzende und nicht selten mehr als hundert Menschen in den Tod gerissen wurden. Premier Nawaz Sharif ist es, der am Nachmittag wohl am ehesten das Gefühl der kollektiven Ohnmacht und Trauer zusammenfasst: "Dies waren meine Kinder", sagt er emphatisch, "dies ist mein Verlust."