Angela Merkel über die Europäische Union "Deutschlands Kraft ist nicht unendlich"

Man nennt sie Eiserne Kanzlerin und Frau Bismarck: Bundeskanzlerin Merkel ist in der Schuldenkrise zur mächtigsten Politikerin Europas aufgestiegen. Erstmals reflektiert sie im Interview mit sechs europäischen Tageszeitungen über diese Macht, erklärt, was sie unter Solidarität versteht - und warnt die EU-Staaten vor einer Überforderung Deutschlands in der Schuldenkrise.

Das Interview im Wortlaut.

Angela Merkel gibt nur selten Interviews zur Europa-Krise. Jede Silbe wird von den EU-Partnern interpretiert, eine falsche Gewichtung kann auf den Märkten Turbulenzen auslösen. Dennoch spricht sie am Ende eine Stunde lang mit Stefan Kornelius, SZ, Bartosz Wielinski, Gazeta Wyborcza, Javier Moreno, El País, über ihr wichtigstes politisches Projekt.

SZ: Frau Bundeskanzlerin, spielen Sie eigentlich ein Instrument?

Angela Merkel: Nein, ich habe als Kind ein bisschen Flöte und Klavier gelernt, aber mit geringem Erfolg.

SZ: Sie gehen aber begeistert ins Konzert. Wenn Sie die Europäische Union mit einem Orchester vergleichen, welche Stimmgruppe übernimmt Deutschland?

Merkel: In dem europäischen Orchester, das mir vorschwebt, ist kein Volk nur für die zarten Töne und keines nur für die Posaunen zuständig, sondern jedes Volk ist in jeder Stimmgruppe vertreten.

SZ: Sie haben jetzt ein Jahr sehr intensiv geprobt, meist sehr disharmonisch . . .

Merkel: . . . sehr moderne Musik . . .

SZ: . . . hat das Orchester inzwischen die Partitur begriffen? Konkret: Hat die Politik die Krise im Griff?

Merkel: Es stimmt, wir wollen wie ein Orchester gemeinsam Europa in der Welt erklingen lassen. Und auch in der Politik gibt es Passagen in Dur und Moll, und es gibt auch harmonische und disharmonische. Aber dass wir, bei der Geschichte unseres Kontinents, heute die Europäische Union überhaupt mit einem Orchester vergleichen können, das ist doch schon ein Riesenfortschritt.

SZ: Und die Partitur?

Merkel: Wir haben die Krise noch nicht überwunden. Da gibt es zum einen die aktuellen Schwierigkeiten, die uns immer noch beschäftigen: die extreme Verschuldung einiger Länder, oft schon über lange Jahre angehäuft und durch die Finanz- und Wirtschaftskrise verschlimmert, meist gepaart mit hoher Arbeitslosigkeit und schweren Strukturschwächen. Und dann ist da natürlich der Sonderfall Griechenland, wo es trotz aller Bemühungen sowohl den Griechen selbst als auch der internationalen Gemeinschaft noch nicht gelungen ist, die Situation zu stabilisieren. All das müssen wir zunächst beruhigen und so das Vertrauen der Märkte zurückgewinnen.

Daneben steht eine sehr grundsätzliche Frage: Wie viel Ehrgeiz haben wir für unser Europa? Nähern wir unsere Leistungsfähigkeit auf einem Mittelwert, einem durchschnittlichen Niveau an? Oder orientieren wir uns an den wirtschaftlich dynamischen Regionen der Welt, die das Tempo vorgeben? Es ist gut, dass wir inzwischen in Fragen der Haushaltsdisziplin und des Schuldenabbaus eine gemeinsame Haltung entwickelt haben - aber das reicht nicht. Europa braucht mehr Wachstum und Beschäftigung, es muss sich im weltweiten Wettbewerb auch in Zukunft behaupten können. Ich möchte, dass Europa auch in 20 Jahren für seine Innovationskraft und seine Produkte anerkannt ist. Es geht darum, wie wir uns in Zeiten der Globalisierung behaupten können.