Angela Merkel Die stille Königin

Seit zehn Jahren ist Angela Merkel Bundeskanzlerin. Dieses Foto der CDU-Politikerin entstand im Mai bei einem SZ-Interview im Kanzleramt.

(Foto: Regina Schmeken)

Angela Merkel wurde vor zehn Jahren Bundeskanzlerin und ist heute die mächtigste Frau der Welt. Es ist Zeit, mal genauer zu schauen: Wie geht sie mit dieser Macht um?

Von Evelyn Roll

Das ist eigentlich immer das Verblüffendste an der real existierenden Angela Merkel: wie normal, unaufgeblasen und am Gegenüber interessiert sie ist. Es gibt, hat man einen Termin bei ihr, kein Warten, kein Macht-Gemache, keinen übertriebenen Sicherheitscheck, keine Herrschaftsshow. Meistens öffnet sie im siebten Stock des Kanzleramts selbst die Tür von ihrem Büro und sagt: "Kommen Sie rein. Wie geht es Ihnen?"

Gerhard Schröder stand nie in der Tür. Bei ihm musste man in diesem 143-Quadratmeter-Kanzler-Großraum mit Panoramablick über Berlin siebzehn pathetische Schritte gehen bis zu einem beeindruckenden Trumm von Schreibtisch - 4 Meter lang und 1,30 Meter breit -, hinter dem er unter Georg Baselitz' stürzendem Adler saß und Bundeskanzler war.

Der Weg zur Macht

Sie ist machtbewusst, reizt ihre Macht aus - und ist doch sehr anders als ihre Vorgänger: Biografin Evelyn Roll über den Führungsstil der Kanzlerin und die private Seite der Angela Merkel. mehr ... Video

Merkel ließ den Macho-Schreibtisch ihres Vorgängers stehen und hing Konrad Adenauer drüber. Aber sie sitzt fast nie dort. Sie arbeitet lieber an einem schmalen Besprechungstisch gleich rechts hinter der Eingangstür. Sie telefoniert nicht gerne mit Sekretärinnen, sagt sie. Sie gehe lieber zu ihnen, wenn sie etwas braucht, oder sie rufe durch die offene Tür.

Dieser Artikel ist aus Plan W, dem neuen Magazin der Süddeutschen Zeitung.

Außerdem in dieser Ausgabe:

  • Illustration für Plan W Mehr Beinfreiheit, bitte!

    Im Job wird man als Frau nur im Hosenanzug oder Kostüm ernst genommen? Quatsch! Das entscheidende Detail ist das Auftreten.

  • Julia Bösch "Amerika hat mich total gepusht"

    Für die Outfittery-Chefin Julia Bösch reichte ein halbes Jahr in den USA, um ihren Traum von der eigenen Firma wahr zu machen.

  • New Hampshire State House; New Hampshire für Plan W Mutter Staat

    Im US-Bundesstaat New Hampshire sitzen fast nur Frauen in den politischen Spitzenämtern. Wie verändert das eine Gesellschaft?

Schröder hatte den Blick von seinem Schreibtisch-Thron ins Innere des Kanzleramts gerichtet, auf das eigene Machtzentrum also. Er saß mit dem Rücken zum Parlament. Merkel schaut durch das Fenster auf den Reichstag mit seinem Eingangsfries "Dem deutschen Volke". Sie hat das eigene Machtzentrum im Rücken. Damit ist eigentlich schon eine Menge erzählt.

Keine Handtasche, wegen der Gefahr, mit Thatcher verglichen zu werden

Gehen Frauen also mit Macht anders um? Angela Merkel schon mal ja. Sie ist die mächtigste Frau der Welt, die informelle Königin von Europa. Aber sie benimmt sich nicht so. Sie zelebriert ihre Macht nicht, eher im Gegenteil.

Weil es vor ihr noch keine Bundeskanzlerin gab, konnte sie jede Menge nutzloses Beiwerk der Machtinszenierung liegen lassen, sich anderes heraussuchen oder ganz neu erfinden: den sachlich bescheidenen Auftritt. Die Merkel-Raute. Die Sakkos in Edition-Suhrkamp-Farben nach noch nicht entschlüsselten morgendlichen Symbol-Entscheidungen. Knallrot offensichtlich fürs Ministerfeuern, für WM-Siege und das dazugehörige Selfie mit halbnackten Jungs in der Kabine. Apricot-Orange zum Südamerikagipfel in Chile für das Klassenfoto zwischen grau und schwarz gekleideten Mottenkugelmännern, sehr wirkungsvoll für den Wahlkampf zu Hause, und Orange, die Wahlkampffarbe der CDU.

Keine Handtasche in den Zeiten, als die CDU sich im neoliberalen Reform-Rauschzustand ihres Leipziger Parteitags befand und die Gefahr zu groß war, mit Margaret Thatcher verglichen zu werden. Dann doch Handtaschen der geräumigen Art, gerne rot, seitdem das vorbei ist. Einkaufen im Ullrich Verbrauchermarkt wie die normale schwäbische Hausfrau. Gezielt in Bayreuth das türkise Kleid ein zweites Mal tragen und dann gerne auch noch ein drittes Mal. "Ich möchte Deutschland dienen" sagen schon bei der Krönung zur Kanzlerkandidatin. Säle nicht stürmen wie ihre Vorgänger, sondern ganz einfach hineingehen. Anfangs war das lustig anzusehen, wie die Sicherheitsleute martialisch Druck machten beim Saalentern, so, wie sie es gewohnt waren von Gerhard Schröder und Helmut Kohl. Und wie sie sich dann erstaunt umdrehten, weil ihre Bundeskanzlerin gar nicht mehr hinter ihnen war.

Auch internationale Verhandlungen hat sie schon als Umweltministerin ganz anders gestaltet als ihre Vorgänger, offener, verbindlicher, konkreter, ohne um heiße Sachen herumzueiern, dafür immer vom Ende her gedacht die Strategie, und spieltheoretisch ausgefeilt die Taktik. - Wozu ist man Physikerin?

"Vielleicht kann ich auch, weil das Rollenmuster Bundeskanzlerin so neu ist, direkt die Dinge ansprechen bei anderen Staatschefs", hat sie nach dem ersten Regierungsjahr gesagt und sehr zufrieden ausgesehen dabei.

Was Ulrich Beck so sehr schön "Merkiavellismus" nannte, ist ja vor allem dieses Moderieren, Verhandeln, Konsenssuchen. Lieber noch zum 37sten Mal mit Putin telefonieren und sich ärgern als einmal zu wenig. Lieber bis in die Morgenstunden weiter verhandeln in Brüssel, als ohne Ergebnisse auseinanderzugehen.

Natürlich war sie, wie alle, die nicht nur Macht erbeuten, sondern auch lange halten können, von Anfang an Großmeisterin darin, die Verantwortung für Fehler behutsam auf andere umzuleiten und Niederlagen umzudeuten in von ihr gewollte und geplante Aktionen: mit einem Überfallfrühstück bei Edmund Stoiber in Wolfratshausen zum Beispiel oder mit dem Satz von "fairen Kompromissen" nach zähen, unerfreulichen EU-Gipfeln. Aber noch größer ist sie darin, es für sich zu behalten und nicht aufzutrumpfen, wenn umgekehrt sie und also Deutschland sich wieder einmal durchgesetzt hat. Später wird das vielleicht als ihre historische Hauptleistung angesehen werden: dass sie durch ihre moderierende Zurückhaltung den anderen europäischen Ländern erst möglich machte, die neue Führungsrolle Deutschlands nicht nur auszuhalten, sondern geradezu einzufordern.

Christine Lagarde, die IWF-Direktorin, sagt gelegentlich einen Satz, der genau besehen leicht sexistisch ist - sie darf das, sie steht ja selbst an fünfter Stelle auf der Forbes-Liste, von der Merkel nun seit Jahren zur mächtigsten Frau der Welt ausgerufen wird: "Frauen können einfach besser mit Macht umgehen als Männer."