Richard von Weizsäcker zum Kriegsende 1945 Wie eine Rede die Deutschen befreite

Ein Mann voller Integrität, Autorität und Lebensklugheit

Richard von Weizsäcker war ein Visionär, der auch über sich selbst lachen konnte. Erinnerungen an einen der ganz großen Staatsmänner Deutschlands. mehr... Video
  • Noch Jahrzehnte nach Kriegsende rangen die Westdeutschen um den richtigen Umgang mit dem Zweiten Weltkrieg - bis Richard von Weizsäcker im Mai 1985 vor dem Deutschen Bundestag eine Rede hielt.
  • Was Weizsäcker über die Zeit des Nationalsozialismus und die Lehren daraus sagte, gilt nicht nur als seine wichtigste Rede. Sondern als eine der wichtigsten Reden, die in Deutschland je gehalten wurden.
Von Markus C. Schulte von Drach

Aufgabe des deutschen Bundespräsidenten ist es, das Land zu repräsentieren. Er soll überwölbende Reden halten und Orden verteilen. Nicht erwartet wird von ihm, mitzubestimmen, in welche Richtung sich Politik konkret entwickelt - oder hier gar Weichen zu stellen. Doch genau dies ist Richard von Weizsäcker mit einer einzigen Rede gelungen. Mit seiner Rede zum 40. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs in Europa.

Was der ehemalige Wehrmachtsoffizier am 8. Mai 1985 vor dem Deutschen Bundestag über die Zeit des Nationalsozialismus und die Lehren daraus sagte, gilt nicht nur als Weizsäckers wichtigste Rede. Sondern als eine der wichtigsten Reden, die in Deutschland je gehalten wurden.

Denn dem früheren Regierenden Bürgermeister von West-Berlin war es gelungen, die richtigen Worte für etwas zu finden, mit dem sich (West-)Deutschland unglaublich schwer getan hatte. Und diese Worte auf die richtige Weise vorzutragen.

Deutschland hatte mit der bedinungslosen Kapitulation den Zweiten Weltkrieg verloren. Für die Alliierten wurde das Datum zum Tag für Siegesfeiern. Für die Deutschen war es der Tag einer Niederlage. Ein Tag der totalen Niederlage nach dem totalen Krieg, den das Hitler-Regime gewollt und geführt hat. Zum Gefühl der Niederlage kam die Schande, für Verbrechen verantwortlich zu sein, die in der Weltgeschichte einmalig sind.

Das blutige Ende des Weltenbrandes

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Nach der Kapitulation folgte die Besetzung und Teilung Deutschlands, die Abtrennung großer Gebiete im Osten, Flucht und Vertreibung von Millionen.

Wie also sollte man mit diesem Tag in Westdeutschland umgehen? Für 40 Jahre hatte die bundesdeutsche Politik keine probate Antwort auf diese Frage finden können, vielleicht auch nicht finden wollen.

Befreiung vom NS-Regime - aber nicht von Verantwortung

Richard von Weizsäcker beantwortete diese Frage mutig und direkt. Indem er die Lesart des Datums veränderte. Der Präsident deklarierte den 8. Mai zum "Tag der Befreiung".

Und Weizsäcker begründete, warum diese Bezeichnung die richtige sei. Alle Deutschen seien damals befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, sagte er. Zugleich entließ Weizsäcker die Deutschen nicht aus ihrer individuellen Verantwortung für das, was zuvor geschehen war.

Bundespräsident Richard von Weizsäcker während seiner Rede im Bundestag am 8. Mai 1985 während der Feierstunde zum Ende des Zweiten Weltkrieges.

(Foto: dpa)

"Wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für die Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte". Von Kollektivschuld sprach Weizsäcker nicht, doch die Mehrheit der Deutschen war für ihn mitverantwortlich für die Verbrechen - nicht nur Hitler, seine Schergen oder gar der Friedensvertrag von Versailles.

Auch die alte Behauptung, man hätte vom Holocaust nichts gewusst, wies der in der CDU polit-sozialisierte Politiker zurück. "Wer seine Ohren und Augen aufmachte, wer sich informieren wollte, dem konnte nicht entgehen, dass Deportationszüge rollten." Joachim Gaucks Rede zum Holocaust-Gedenktag fast 30 Jahre später, enthielt ähnliche Sätze, wie sie Weizsäcker damals aussprach (hier Gaucks Redetext).

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Weizsäcker führte im Mai 1985 all die Opfer auf, für die die Nationalsozialisten und die versagende Zivilgesellschaft verantwortlich waren. Von den sechs Millionen ermordeten Juden über die Opfer anderer Völker - insbesondere auch in der Sowjetunion und Polen - bis zu den Sinti und Roma, den Homosexuellen, den Geisteskranken und jenen, die aufgrund ihrer religiösen und politischen Überzeugung wegen sterben mussten.

40 Jahre nach Kriegsende sei der ganz überwiegende Teil der Bevölkerung zur damaligen Zeit entweder im Kindesalter oder noch gar nicht geboren gewesen. "Sie können nicht eine eigene Schuld bekennen für Taten, die sie gar nicht begangen haben", sagte Weizsäcker. "Aber die Vorfahren haben ihnen eine schwere Erbschaft hinterlassen. Wir alle, ob schuldig oder nicht, ob alt oder jung, müssen die Vergangenheit annehmen."

Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließe, würde blind für die Gegenwart. "Die Jungen", schloss der Bundespräsident, "sind nicht verantwortlich für das, was damals geschah. Aber sie sind verantwortlich für das, was in der Geschichte daraus wird."

Und er endete mit einer Bitte an die jungen Menschen und einen Appell an die Politiker: "Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Hass gegen andere Menschen [...]. Lernen Sie miteinander zu leben, nicht gegeneinander."