Aktionen gegen Pegida Zehntausende Dresdner feiern für mehr Toleranz

  • Vor der Frauenkirche versammeln sich nach Angaben des Veranstalters bis zu 30 000 Menschen für ein weltoffenes Dresden.
  • Sachsens Innenminister trifft sich mit Pegida-Organisatoren - und widerspricht damit der Linie der Regierung.
  • In Dresden wird ein Asylbewerber verprügelt. Die Polizei geht von einem fremdenfeindlichen Hintergrund aus.
  • Auch in anderen Städten stellen sich Tausende den radikalen Ablegern von Pegida entgegen.

Auch Pegida-Anhänger bei Toleranzveranstaltung in Dresden

Bei einem Konzert in Dresden, wo Pegida seinen Ursprung hat, treten unter dem Motto "Offen und bunt. Dresden für alle" unter anderem Herbert Grönemeyer und die Band Silly auf. Dabei sind auch der Sänger der Kölner Band BAP, Wolfgang Niedecken, Sebastian Krumbiegel von Die Prinzen, Adel Tawil, Gentleman und Jeannette Biedermann. Alle Künstler verzichten laut Angaben der Veranstalter auf Gagen. Statt langer Reden gibt es zwischen den Auftritten nur einzelne kurze Statements. BAP-Sänger Wolfgang Niedecken bezeichnet die Pegida-Demonstranten als "Aufstand der Ignoranten".

Auf die Frauenkirche und die umliegenden Gebäude werden die Worte "Liebe", "Vertrauen" oder "Weltoffenheit" projeziert.

Zehntausende kommen auf den schnell überfüllten Neumarkt. Die Veranstalter sprechen derzeit von 30 000 Teilnehmern. Darunter sind allerdings auch Pegida-Anhänger und deren Frontfrau Kathrin Oertel (Porträt). Sie skandieren immer wieder: "Wir sind das Volk." Pegida hatte wegen der Gegenveranstaltung ihre ursprünglich wieder für Montag geplante Demonstration um einen Tag auf Sonntag vorgezogen.

Der Rückzug ins Private muss aufhören

Pegida zeigt in aller Klarheit: Die Meinungen darüber, was Deutschland ausmacht, gehen weit auseinander. Ein Integrationsdefizit, das Migranten oft nachgesagt wird, weisen ganz andere Gruppen auf. Die Parallelgesellschaft sind wir alle. Ein Essay von Hannah Beitzer mehr ... Essay

Innenminister trifft Pegida-Organisatoren

Sachsens Innenminister Markus Ulbig hat sich zu einem Gespräch mit Pegida-Frontfrau Kathrin Oertel und einem weiteren Vorstandsmitglied der islamkritischen Bewegung getroffen. "Der Dialog kann auf der Straße beginnen, kann aber dort nicht als verständiger Austausch von Meinungen und Argumenten geführt werden", begründete der CDU-Politiker sein Vorgehen.

Er warb für Dialogangebote der Stadt Dresden und der Staatsregierung. Ziel sei es, die Bürgerschaft bei allen Meinungsverschiedenheiten wieder aufeinanderzuzubewegen. Der Innenminister wich damit vom bisherigen Kurs der Staatsregierung ab, die ein Treffen mit Pegida-Organisatoren abgelehnt hat. Am Wochenende hatte bereits SPD-Chef Sigmar Gabriel seine Partei irritiert als er an einer Diskussionsveranstaltung von Pegida-Anhängern teilnahm.

Die Menschen hinter dem Protest

Hagida, Bärgida, Legida: Wer steckt dahinter? Und wer sind ihre Gegner? Es ist schwer, den Überblick zu behalten, wenn die Islamfeinde wie heute in Dresden auf die Straße gehen. mehr ... Grafik

Grönemeyer kritisiert sächsischen Ministerpräsidenten

Bei dem Fest trat auch der Sänger Herbert Grönemeyer auf. Er hatte zuvor die Äußerung von Ministerpräsident Stanislaw Tillich kritisiert, wonach der Islam nicht zu Sachsen gehöre. "Das ist Populismus pur und gerade in dieser Situation fatal. Ich hoffe, dass er aus den eigenen Reihen dafür ordentlich Gegenwind bekommt", sagte Grönemeyer.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte mehrfach betont, der Islam gehöre zu Deutschland. Er teile diese Auffassung nicht, sagte der CDU-Politiker der Welt am Sonntag. Muslime seien in Deutschland willkommen und könnten ihre Religion ausüben. "Das bedeutet aber nicht, dass der Islam zu Sachsen gehört." Die Opposition im sächsischen Landtag warf dem Ministerpräsidenten daraufhin Anbiederung an die islamkritische Pegida-Bewegung vor. Tillich signalisiere den Pegida-Demonstranten Verständnis, sie würden dies als Bestätigung ihrer Vorurteile verstehen

Angriff auf Asylbewerber überschattet Stimmung in Dresden

Kurz vor Beginn der Veranstaltung auf dem Neumarkt wurd bekannt, dass Unbekannte einen Asylbewerber angegriffen haben. Der Mann aus Libyen soll am Sonntagabend in der Dresdner Innenstadt zusammengeschlagen worden sein. Wie die Polizei am Montag mitteilte, ereignete sich der fremdenfeindliche Angriff an einer Straßenbahnhaltestelle. Einer der Tatverdächtigen habe den Hitlergruß gezeigt und "Ausländer raus!" sowie "Deutschland den Deutschen!" gebrüllt. Der Libyer konnte schließlich vor den Angreifern flüchten. Einer der Angreifer warf eine Bierflasche nach ihm. Das Operative Abwehrzentrum Sachsen der Polizei hat die Ermittlungen wegen gefährlicher Körperverletzung übernommen.

Demonstrationen in anderen Städten

In Bremen gingen am Montag 7000 Bürger für eine bunte und tolerante Stadt auf die Straße. In Frankfurt brachen etwa 60 Islamgegner ihren geplanten Marsch durch die Innenstadt ab. Gegen sie hatten sich 13 000 Bürger versammelt. In Braunschweig und Hannover demonstrierten jeweils gut 100 Anhänger örtlicher Pegida-Ableger. Nach Informationen von Polizei und Innenministerium sind die Organisatoren in Hannover eindeutig dem rechtsextremistischen Spektrum zuzuordnen - unter anderem der "German Defence League" und der "Identitären Bewegung Deutschland". Ihnen stellten sich in beiden Städten deutlich mehr Gegendemonstranten entgegen.

Auch in Duisburg und Düsseldorf sahen sich wenige hundert Teilnehmer von Anti-Islam-Kundgebungen, unter ihnen Rechtsextreme und gewaltbereite Hooligans, mit einer Überzahl von Gegnern konfrontiert. In Berlin standen 550 Bärgida-Anhängern 1100 Gegendemonstranten gegenüber. In München kamen unter dem Motto "Wir blasen Bagida den Marsch" ungefähr 2000 Münchner mit Musikinstrumenten in die Innenstadt, um gegen den Aufmarsch von etwa 900 Islamgegnern zu protestieren.