Ägypten Wo aus Fischern Menschenschmuggler werden

Aus Ägypten starten keine Schlauchboote. Es sind eher Fischer mit ihren Booten, die Flüchtlinge über das Meer bringen. (Im Bild: Ankunft eines Bootes auf der griechischen Insel Lesbos)

(Foto: Giorgos Moutafis/Reuters)

Das Mittelmeer vor Ägypten ist leergefischt - doch ein dunkles Gewerbe blüht: 10 000 Dollar nehmen Schlepper für eine Familie mit zwei Kindern. Besuch an den Stränden der Menschenhändler.

Reportage von Paul-Anton Krüger

Abdallah thront auf einem roten Plastikstuhl. Er ist der Herr über einen Strand in Abu Qir, einer Stadt am Mittelmeer, 20 Kilometer östlich von Alexandria. Hinter ihm stehen Häuser, zehn, zwölf Stockwerke hoch, so eng zusammen, dass gerade ein Auto durch die Straße passt. Der salzig-feuchte Wind frisst an Farbe und Beton. Abdallahs Füße stecken in Plastiklatschen, dazu trägt er schwarze Jogginghose. Das blaue T-Shirt spannt über dem Bauch. Der 27-Jährige vermietet zerfledderte Sonnenschirme, gelbe und rote, dazu grüne Plastikstühle und Tische. Jetzt, am Vormittag, ist noch nicht viel los hier. Nur ein paar Straßenköter wälzen sich im groben Sand.

Im Sommer strömen die wohlhabenden Ägypter an die Nordküste, in Alexandria sind die Hotels gut gebucht. Doch zu Abdallah kommen nur einfache Leute aus der Gegend. Die Frauen legen weder Kleider noch Kopftuch ab, wenn sie in die grün-blauen Wellen waten. Ihnen kann er allenfalls für ein paar Pfund Tee verkaufen.

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Doch es gibt eine andere Einnahmequelle hier an diesen Stränden, eine wesentlich lukrativere als ägyptische Urlauber: die Menschen, die nachts hierher kommen. Für sie beginnt in Abu Qir die gefährliche, teure Reise ans andere Ufer des Mittelmeers. Von hier fahren kleine Boote mit Flüchtlingen ab, Zubringer zu größeren Schiffen auf hoher See.

"Alles im Voraus zu bezahlen. Das ist dein Risiko!"

Abdallah streicht durch seinen langen schwarzen Bart, massiert sich ein wenig Wasser in die Haare. "Ich kenne die Geschichten auch nur vom Hören", sagt er. Mit dem Menschenschmuggel will er nicht in Verbindung gebracht werden, weder seinen echten Namen noch ein Foto in der Zeitung sehen. Die Leute im Viertel sagen, er sei ein Vermittler. Einer, der Reisewillige einsammelt für seinen Boss. Ein Rädchen in einem System, das kaum etwas dem Zufall überlässt und Geld in solchen Massen abwirft, die mit legaler Arbeit in Ägypten kaum zu verdienen sind.

Und obwohl Abdallah vorgibt, mit dem Geschäft nichts zu tun zu haben, erzählt er dann doch ein paar Details. Wo genau die Boote abfahren, will er zwar nicht sagen, doch Abu Qir ist bekannt dafür. Der Ort liegt an einer Bucht, das Meer ist hier ruhiger. 20 000 Pfund, etwa 2000 Euro, koste die Fahrt für Ägypter, sagt Abdallah. "Alles im Voraus zu bezahlen. Das ist dein Risiko!" Wenn die Küstenwache oder das Militär die Boote erwischen, die Polizei die Busse anhält, ist das Geld weg. "Man muss schauen, dass man nicht an Betrüger gerät." Die würden ein paar Stunden über das Meer fahren, die Flüchtlinge irgendwo aussetzen und ihnen erzählen, die Lichter am Horizont seien in Italien.

"Es dauert lange, bis eine Überfahrt organisiert ist", sagt Abdallah. "Es ist nicht so leicht, wie sich die Leute das vorstellen." Bis zu 500 Leute müssen Vermittler wie er finden, bevor Bosse und Bootseigner handelseinig werden. Ein, zwei Mal pro Jahr würden die einen Trip organisieren. "Lieber einmal mit dem Vorschlaghammer zuschlagen als viele Male mit einem Hämmerchen", zitiert er ein ägyptisches Sprichwort.

Das Geschäft läuft in diesem Sommer

Es sei ein schmutziges Geschäft, raunt Abdallah, während der Lautsprecher der Moschee krächzt - nichts für einen gläubigen Muslim wie ihn, für einen, der dem Aussehen nach ein Salafist zu sein scheint. "Lasst euch nicht von dem Bart täuschen", meinte jedoch vorher der Mann, der das Gespräch vermittelt hat. "Er ist kein frommer Mann, sondern ein Krimineller."

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Das Geschäft läuft in diesem Sommer - laut der EU-Grenzschutzagentur Frontex kamen bis Ende Juli 95 000 Menschen in Italien an. Einer der Gründe für den starken Anstieg sei eine "steigende Zahl von Abfahrten aus Ägypten auf der zentralen Mittelmeerroute". Die EU-Kommission sucht das Gespräch mit der Regierung in Kairo, um "die Ursachen des Anstiegs besser zu verstehen". Nach Libyen ist laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) inzwischen Ägypten das wichtigste Ausgangsland für die Flucht nach Europa. Der Regierung in Kairo ist nicht entgangen, wie die Türkei aus der Flüchtlingskrise politisches Kapital zu schlagen versucht.