Ägypten: Tod des Bloggers Khaled Said Das entstellte Gesicht des Protests

Khaled Said war 28 Jahre alt, als ihn zwei Polizisten zu Tode prügelten. Erst wurde dem Blogger bei Facebook ein Denkmal gesetzt - nun ist sein blutiges, deformiertes Gesicht zum Symbol der Demonstrationen gegen das Mubarak-Regime geworden.

Von Michael König

Sein Name hallt durch die Straßen von Kairo, sein Gesicht prangt auf den Bannern vieler Demonstranten: Khaled Said ist seit acht Monaten tot. Doch die Erinnerung an den Ägypter, der zum Zeitpunkt seines Todes 28 Jahre alt war, ist lebendiger denn je. Vielen Ägyptern, die seit Tagen gegen das Regime von Dauerpräsident Hosni Mubarak auf die Straße gehen, gilt Khaled Said als Ikone ihres Protests. Dank des Internets ist die größte Protestwelle seit drei Jahrzehnten in Ägypten eng mit seinem Namen verknüpft. Und mit seinen Bildern.

Proteste gegen die Regierung von Hosni Mubarak in Kairo: Das Plakat zeigt eine Darstellung des ermorderten Bloggers Khaled Said, der den umstrittenen Präsidenten am Kragen packt.

(Foto: AP)

Es gibt zwei Fotos von Khaled Said. Das eine zeigt einen wohl frisierten jungen Mann im grauen Kapuzenpullover. Das andere ein blutiges, schwer verletztes Gesicht, entstellt durch den Einfluss stumpfer Gewalt. Die Unterlippe ist geschwollen und eingerissen, die Nase gebrochen, der Schädel deformiert.

Zwei Polizisten sollen dafür verantwortlich sein. Sie hätten Said an einem Tag im Juni in einem Internetcafé aufgesucht und brutal zusammengeschlagen, berichten Augenzeugen. Angeblich, weil er in seinem Blog ein Video veröffentlicht hatte, auf dem Polizisten zu sehen sind, die konfiszierte Drogen untereinander aufteilen.

Die Beamten hätten Saids Kopf gegen eine Marmortischplatte und später gegen ein Eisengatter geschlagen. Sie sollen auch dann nicht von ihm abgelassen haben, als er bewusstlos am Boden lag. Sie verprügelten ihn offenbar in der Öffentlichkeit, die Zeugen waren ihnen egal. Solche Übergriffe sind in Ägypten nicht ungewöhnlich, die Polizei fühlt sich unantastbar. Wer daran Kritik übt oder darüber berichtet, muss Repressalien fürchten.

Unbewiesene Anschuldigungen

Einige haben es trotzdem getan. Nach 20 Minuten Prügel sei Said tot gewesen, sagen jene, die seinen Tod sühnen wollen. Die Polizei in Alexandria, der Hafenstadt im Norden Ägyptens, in der Said lebte und starb, teilte jedoch mit, der 28-Jährige sei drogensüchtig gewesen und an einem Haschisch-Päckchen erstickt, das er in Panik vor der Polizei herunterschluckte. Später hieß es, Said sei ein Deserteur - bis Dokumente auftauchten, die dem jungen Mann die vollständige Ableistung seines Wehrdienstes bescheinigen.

Erst als der Protest im Netz und auf den Straßen nicht mehr zu ignorieren war und ausländische Diplomaten öffentlich ihren Unmut äußerten, nahm die Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen die zwei Polizisten auf - wegen "exzessiver Gewaltanwendung" und "ungerechtfertigter Festnahme". In Ägypten steht darauf eine lächerlich geringe Geldstrafe von umgerechnet 30 Euro oder maximal ein Jahr Haft.

Der seit 1981 andauernde Ausnahmezustand gibt der ägyptischen Polizei nahezu unbeschränkte Macht. Der Sicherheitsapparat ist die Stütze des 82-jährigen Mubarak. Menschenrechtler schätzen die Zahl derer, die ohne Anklage in den Gefängnissen sitzen, auf bis zu 14.000. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International beklagt die "systematische Anwendung von Folter und Misshandlungen" in ägyptischen Gefängnissen.

Theoretisch kann jeder Ägypter jederzeit hinter Gittern verschwinden, ohne Haftbefehl, ohne Prozess. Entsprechend groß ist das Mitgefühl für Khaled Said und die Wut auf seine Häscher. Viele Ägypter wissen: Es hätte auch sie treffen können. Said ist ihr Märtyrer, ähnlich wie es der Gemüsehändler Mohamed Bouazizi für die Tunesier war. Weil die Polizei immer wieder willkürlich sein Geschäft schloss, setzte er sich selbst in Brand. Nach seinem Tod im Januar eskalierten die Proteste, die zum Sturz des verhassten Präsidenten Zine el-Abidine Ben Ali führten.

In Ägypten hoffen viele Menschen auf eine ähnliche Wende. Durch Khaled Saids Tod bricht sich die Wut Bann. Sein entstelltes Gesicht wurde zu einem Symbol, ähnlich wie im Falle der Iranerin Neda Soltan, deren Konterfei nach ihrem Tod die Banner der iranischen Regimegegner zierte. Auch bei den Protesten gegen die Wiederwahl des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad spielte das Internet eine gewichtige Rolle - für Mubarak war es eine Warnung.

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