28. November 2016, 18:38 Syrien In Aleppo steht ein monströser Zivilisationsbruch bevor

Die Belagerung und Zerstörung von Aleppo zeigt, wie das Regime den Rest des Landes bezwingen will. Es entsteht: ein Somalia der Levante.

Kommentar von Paul-Anton Krüger

Es hat nicht an Ankündigungen und Warnungen gemangelt. Niemand wird später behaupten können, von nichts gewusst zu haben. Syriens Präsident Baschar al-Assad hat mehr als einmal unmissverständlich gesagt, dass er erst Aleppo mit militärischen Mitteln wieder unter seine Kontrolle zu bringen gedenkt und dann das gesamte Territorium des Landes. Die Folgen hat der UN-Sondergesandte Staffan de Mistura benannt: eine humanitäre Tragödie vor den Augen der Welt, Hunderttausende, die hungern müssen und zu Flüchtlingen gemacht werden. Und, muss man hinzufügen, Tausende, die getötet oder verletzt werden.

Mistura sprach von einem zweiten Vukovar, jener Stadt in Kroatien, die 1991 von der jugoslawischen Armee und serbischen Freischärlern in Trümmer geschossen wurde. Ost-Aleppo ist Vukovar mal zehn. Dort sind mehr als 250 000 Menschen belagert, eingeschlossen, zwischen den Fronten gefangen, die meisten von ihnen Zivilisten. 100 000 Kinder.

Kämpfer, die loyal zum Regime stehen, haben Ost-Aleppo in zwei Teile zerteilt. Straßenzug um Straßenzug werden sie nun versuchen, weitere Viertel einzunehmen. Tausende flüchten aus den Kampfgebieten, viele aber wollen in ihren Häusern bleiben, fliehen innerhalb des Rebellengebiets, weil sie dem Regime nicht trauen. In Vukovar starben etwa 1500 Menschen. In Aleppo waren es allein seit Beginn der neuen Regime-Offensive am 19. November etwa 500, und viele Leichen dürften noch in den Schutthaufen der zerbombten Häuser liegen.

Das Regime will Aleppo schleifen wie zuvor Damaskus

Aleppo ist in Syrien nur eines von 16 belagerten Gebieten, wenn auch das größte und politisch wichtigste, das letzte urbane Zentrum der Rebellen. Insgesamt leben eine Million Menschen unter Belagerung, 850 000 von ihnen in den 13 Orten, die das Regime abgeriegelt hat. Assad hat die Strategie des systematischen Aushungerns und Ausbombens schon vielfach erfolgreich angewendet, in Homs oder zuletzt in Daraya, einem Vorort von Damaskus. Geisterstädte, in denen nur Ruinen blieben.

Wenn es dem Regime gelingt, Aleppo auf dieselbe Weise zu schleifen, wird es versuchen, auch den Rest des Landes auf diese Art zu nehmen. Da steht ein monströser Zivilisationsbruch bevor, der Vukovar verblassen lässt.

Die Erosion der staatlichen Institutionen in Syrien wird sich nur beschleunigen. Die Reste des Militärs werden aufgerieben in einem Konflikt, der sich zunehmend zu einem Guerillakrieg wandeln und noch Jahre anhalten dürfte. Das Regime feiert die Offensive gegen Aleppo zwar als Erfolg. Das kann aber nicht hinwegtäuschen über die Schwäche der Armee. In Nordsyrien kämpfen vor allem Zehntausende schiitische Söldner und die zu einer regulären Armee aufgerüstete libanesische Hisbollah, alle kommandiert von iranischen Revolutionsgardisten und unterstützt von der russischen Luftwaffe. Sie werden kaum die von allen Syrern akzeptierten Institutionen bilden, die das Land einen können.

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Nicht einmal Hilfslieferungen der UN kommen an

Der syrische Staat - nicht die Herrschaft Assads - sollte vor dem Kollaps bewahrt werden, um das Land zu stabilisieren. Das ist die zentrale Lehre aus der US-Invasion im Irak und dem anschließenden Bürgerkrieg. Diese Stabilisierung war das Ziel des Verhandlungsfriedens (neben dem Schutz von Zivilisten und uneingeschränkter humanitärer Hilfe), das auch Russland mittrug, erst in Wien und später im UN-Sicherheitsrat.

Umgesetzt worden ist davon nichts, vor allem weil Russlands Präsident Wladimir Putin kaum Druck auf Assad macht. Nicht einmal Hilfslieferungen der UN kommen an. Wenn Putin nun zusieht, wie sein syrischer Schützling Aleppo unterwirft, trägt er maßgeblich Verantwortung dafür, wenn Syrien zu einem Somalia der Levante wird, einem gescheiterten Staat, der auf Jahre oder gar Jahrzehnte seinen Bürgern weder Sicherheit noch Wohlfahrt gewährleisten kann und jeden Rest von Legitimität in Blut ertränkt.

Für die Nachbarländer und Europa sind das beunruhigende Aussichten: Millionen syrische Flüchtlinge werden auf absehbare Zeit nicht in ihre Heimat zurückkehren. Der Wunsch, in Europa eine bessere Zukunft zu suchen, wächst mit jedem Tag. Syrien wird dauerhaft zu einem Rückzugsort für islamistische Terroristen werden, die Anschläge auch im Westen planen. Den Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat, offiziell ein Hauptgrund für die Intervention des Kreml, betreiben das Regime und Russland allenfalls noch am Rande, seit sie im März die Rückeroberung von Palmyra aufwendig gefeiert haben. Und Iran wird versuchen, sich neben Russland am Mittelmeer einzurichten. Wer sich davon eine Stabilisierung verspricht, der muss sich nur an die Zeit nach dem Abzug der USA im Irak erinnern.

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