Youtube-Film "Majorité Opprimée" Wenn alle Frauen Männer wären

Pierre mit seinem Sohn auf dem Weg zur Kita.

In ihrem Kurzfilm zeigt die französische Regisseurin Eléonore Pourriat, wie eine Welt aussehen würde, in der Frauen sich wie Machos verhalten und Männer sexuell unterdrücken. Die Zuschauer bleiben mit Unbehagen zurück.

Von Sonja Salzburger

Als Pierre seinen Sohn im Buggy durch die Straßen schiebt, begegnen ihm barbusige Joggerinnen, einige Frauen drehen sich nach ihm um und pfeifen. Es ist ein warmer Sommermorgen in einer französischen Kleinstadt. Wie jeden Tag bringt Pierre seinen Sohn in den Kindergarten. "Du hast aber Glück, dass du so einen süßen Papi hast", sagt eine Nachbarin zu Pierres Kind, als sie von Laufen kommt. Das Kopfhörerkabel ihres MP3-Players baumelt zwischen ihren nackten Brüsten.

Nachdem Pierre seinen Sohn in der Kita abgeliefert hat, schwingt er sich auf sein Fahrrad, um zu seinem Halbtagsjob zu fahren. Als er sein Rad abstellt, pinkelt ein Mädchen an den Straßenrand. Eine Frauengruppe wird auf ihn aufmerksam. Die Frauen pfeifen und kommentieren seinen Hintern. Pierre versucht, sich verbal zu wehren. Eine der Frauen zückt ein Messer und fällt über ihn her.

Kurze Zeit später will er seine Peinigerinnen anzeigen. Einer Polizistin schildert er den Missbrauch, sagt was ihm auf der Straße passiert ist. Am Ende liest sie die Aussage noch einmal vor: "...dann nahm die Frau meinen Penis in den Mund und biss zu", steht im Protokoll. "D'accord?", fragt die Polizistin. Vernehmung beendet.

Erst am späten Abend holt seine Frau Marion ihn aus dem Krankenhaus ab. Sie hat es nicht früher geschafft, ein wichtiges Meeting. Der weite Weg zum Auto fällt dem verletzten Mann schwer. Irgendwann bricht es aus ihm heraus: "Ich ertrage diese matriarchalische Gesellschaft nicht mehr", ruft Pierre. Aber er sei ja selbst schuld an den sexuellen Belästigungen, hält Marion ihm vor, wenn er sich so aufreizend anziehe. "Schau dich doch mal an, wie du rumläufst", sagt sie. "Ein kurzes T-Shirt, Flip-Flops, kurze Hosen - beschwer dich nicht!"

Die Szenen stammen aus "Majorité Opprimée" (Unterdrückte Mehrheit) von Eléonore Pourriat. In dem zehnminütigen Kurzfilm hat die Regisseurin die klassischen Geschlechterrollen umgedreht, um eine Welt zu zeigen, in der sich Frauen wie Männer und Männer wie Frauen verhalten. Majorité Opprimée ist bereits vor fünf Jahren gedreht worden, findet aber erst jetzt ein breiteres Publikum. Anfang Februar hat die französische Regisseurin den Film auf Youtube hochgeladen, 3,5 Millionen Internetnutzer haben ihn seitdem angeschaut.

Als sie "Majorité Opprimée" gedreht hat, hätten viele Menschen gefragt, ob ein feministischer Film überhaupt noch zeitgemäß sei, sagt die Regisseurin im Interview mit dem Guardian. Heute würde sie das niemand mehr fragen. "Damals fühlte ich mich wie ein Alien", sagt Pourriat. Aber mittlerweile habe sich das Meinungsklima verändert. Die derzeitige Frage nach der Gleichstellung von schwulen und lesbischen Lebensgemeinschaften, Diskussionen über Alltagssexismus und die Abtreibungsdebatte in Spanien hätten dafür gesorgt, dass die Menschen wieder empfänglicher für feministische Themen seien.

Bis zur Gleichberechtigung ist es noch ein langer Weg

"Dass die Szenen des Films dem Zuschauer Unbehagen bereiten, ist der beste Beweis dafür, dass von Gleichberechtigung in unserer Gesellschaft noch lange keine Rede sein kann", sagt die Soziologin Nina Degele, die an der Uni Freiburg am Lehrstuhl für Gender Studies forscht. Ihrer Meinung nach ist es der Regisseurin vortrefflich gelungen, auf die unhinterfragte Selbstverständlichkeit der Geschlechterverhältnisse hinzuweisen.

Wie lang der Weg zur Gleichberechtigung noch ist, könne man nach Meinung der Genderforscherin vor allem daran erkennen, dass sich Männer und Frauen bis heute rechtfertigen müssen, wenn sie sich für ihr Geschlecht untypisch verhalten. So sei es beispielsweise gesellschaftlich vollkommen akzeptiert, wenn ein Paar nach der Geburt eines Kindes entscheidet, dass die Person zu Hause bleibt, die weniger verdient. Dass es meistens die Frau trifft, wird als normal hingenommen. Legitimationsbedürftig werde es hingegen, wenn ein Mann für die Kinder im Job zurücksteckt, damit seine Frau Karriere machen kann. "Entweder ist er dann in der öffentlichen Wahrnehmung der ultra-progressive Star oder er ist ein Waschlappen", sagt Degele. Geschlechterklischees zu durchbrechen, falle auch deswegen schwer, weil sie so alltäglich sind, dass sie vielen Menschen kaum auffallen.

Doch gerade dieser alltägliche Sexismus macht vielen Frauen am meisten zu schaffen. Um das deutlich zu machen, hätte es der Darstellung der dreisten Angriffe und des sexuellen Missbrauchs in Pourriats Film gar nicht gebraucht. Die Ausreden der berufstätig voll eingespannten Ehefrau, der schamlose Blick auf Pierres Hintern, die anzüglichen Komplimente, die nackten Oberkörper - es sind diese Szenen, die nachdenklich machen.

Jede Frau hat Männer schon einmal so erlebt. Es passiert jeden Tag, tausendmal, überall auf der Welt und es wird selten ernsthaft kritisiert, weil jeder daran gewöhnt ist. Frauen können sich so ein Verhalten nicht erlauben.

Regisseurin Pourriat hat jetzt einmal gezeigt, was passieren würde, wenn sie es doch täten.