Ein Jahr #Aufschrei Noch viel zu tun

Was hat die Sexismus-Debatte nach #Aufschrei verändert? War sie von Anfang an überzogen - oder ging sie nicht weit genug? #Aufschrei-Aktivistin Anne Wizorek und andere Frauen schildern ihre Eindrücke.

Anne Wizorek ist eine der Bloggerinnen, die vor einem Jahr die Aktion #Aufschrei initiierten. Seit den ersten Tweets unter ihrem Hashtag hat sich nicht nur die Sexismus-Debatte, sondern auch ihr Leben grundlegend verändert.

"Ein Jahr nach dem ersten Post haben sich unter dem Hashtag #Aufschrei so viele Hater versammelt, dass alle, die dort noch ernsthaft etwas posten wollen, sofort niedergemacht werden. Stimmen, die es ohnehin schwer haben, sich bemerkbar zu machen, sollen so mit gezielten Aktionen zum Schweigen gebracht werden. Dieser Backlash an negativen Reaktionen zeigt, wie weit wir noch von einer gleichberechtigten Gesellschaft entfernt sind. Gerade im Internet ist noch sehr viel zu tun. Rechtlich ist Etliches ungeklärt: Es muss endlich selbstverständlich werden, dass das, was dort passiert, genauso strafrechtlich relevant ist, wie wenn jemand auf offener Straße angegriffen wird.

Am Tag nach den ersten #Aufschrei-Tweets rollte das Medieninteresse wie eine Riesenwelle auf mich zu. Ich habe mich entschieden, mich dem zu stellen. Es war für mich völlig neu, plötzlich so in der Öffentlichkeit zu stehen. In der Folge musste ich mir ganz neue Taktiken zulegen, mit Hass-Tweets und Trollen umzugehen. Ich nehme mir heute öfter Auszeiten von Twitter - und ich blocke Hater schneller als mein Schatten. Wenn man Opfer von Hass-Angriffen wird, braucht man vor allem emotionale Unterstützung von Menschen, die verstehen, worum es da geht.

Unsere Kritiker haben immer wieder versucht, #Aufschrei als oberflächlich und nicht repräsentativ abzutun. Aber Verletzungen, wie sie unter dem Hashtag gepostet wurden, lassen sich nur auf emotionale Weise äußern. Das hat viele angesprochen, zum Nachdenken gebracht, bestärkt, ihre eigenen Erlebnisse zu schildern. Die Berichte der Twitter-Nutzer waren das Vehikel, das die Menschen wachgerüttelt hat. Wissenschaftliche Studien hätten das nicht gekonnt.

Das Ankämpfen gegen Versuche, die Aktion ins Lächerliche zu ziehen, war manchmal frustrierend. Auf Podiumsdiskussionen und im Gespräch mit anderen Aktivistinnen analysierten wir immer wieder diese ablenkenden Argumentationsstrategien. Viele Feministinnen kannte ich vorher nur online. Es war spannend, Frauen wie Kathy Meßmer und Jasna Strick persönlich kennenzulernen. Unser Netzwerk ist viel stärker geworden. Aus unseren Erfahrungen mit Twitter konnten zudem andere Kampagnen lernen - zum Beispiel #Schauhin gegen Alltagsrassismus.

Ein Jahr nach #Aufschrei ist klar, dass die Debatte, die wir damit angestoßen haben, noch lange nicht zu Ende geführt ist. Wir haben angefangen, über Sexismus zu sprechen. Jetzt müssen wir endlich die progressive Gesellschaft werden, die wir zu sein behaupten."

Protokoll: Lena Jakat