WM in Brasilien Polizei feuert Gummigeschosse auf Demonstranten

Die Polizei in São Paulo geht mit Gummigeschossen gegen WM-Gegner vor

(Foto: AP)

Wenige Stunden vor der Eröffnung der Fußball-WM geht die Polizei in São Paulo hart gegen Demonstranten vor. Präsidentin Rousseff kündigt an, bei Krawallen keine Toleranz zeigen zu wollen. Im Süden Brasiliens steigt die Zahl der Toten durch Überschwemmungen. Teile des Austragungsortes Curitíba müssen evakuiert werden.

  • Kurz vor der WM-Eröffnung feuert die Polizei Blendgranaten und Gummigeschosse auf Demonstranten
  • Präsidentin Dilma Rousseff spricht Warnungen gegen Randalierer aus
  • An den Flughäfen Rio de Janeiros streikt am WM-Eröffnungstag das Bodenpersonal
  • Für neun von zwölf WM-Städten sind Demonstrationen angekündigt
  • Im Süden Brasiliens sterben elf Menschen bei Überschwemmungen
  • Teile des Austragungsortes Curitíba müssen evakuiert werden

Eskalation vor der Eröffnungszeremonie: Wenige Stunden vor dem Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien geht die Polizei in der Stadt São Paulo mit Blendgranaten und Gummigeschossen gegen WM-Gegner vor. Maskierte Randalierer haben nur Stunden vor dem Anpfiff brennende Straßenbarrikaden errichtet. Sie knickten Straßenschilder um, rissen Mülleimer aus den Halterungen und zündeten Müll auf der Straße an. Zudem bewarfen sie Polizisten mit Steinen. Die Sicherheitskräfte reagierten mit Tränengasgranaten und Gummigeschossen. Bereits zuvor hatten sich Dutzende Demonstranten bei einer U-Bahnstation versammelt. Sie wollten mit einem Transparent mit der Aufschrift "Wenn wir keine Rechte haben, wird es keine Meisterschaft geben" zum Corinthians-Stadion marschieren, wo am Abend die WM-Eröffnungsfeier und das Auftaktspiel Brasilien gegen Kroatien stattfinden. "Die Meisterschaft wird nicht stattfinden" skandierte die Menge. Die Bereitschaftspolizisten schritten ein, noch bevor sich die Demonstranten in Bewegung setzten. Mindestens ein Demonstrant wurde festgenommen.

Rousseff warnt Randalierer: Zuvor hatte Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff deutlich gemacht, dass die Sicherheitskräfte während der Sportveranstaltung keine Randale dulden werden. "Wir sind ein demokratisches Land, und wir respektieren das Recht der Menschen zu demonstrieren", sagte Rousseff. Doch es werde nicht die "geringste Rücksichtnahme" gegenüber Randalierern geben. Die Regierung werde "die Sicherheit aller Touristen garantieren". Im Falle möglicher Krawalle gebe es keine Toleranz.

Demonstrationen in neun von zwölf WM-Städten: In neun von zwölf WM-Städten gehen an diesem Donnerstag Menschen gegen die Sportveranstaltung auf die Straße. Die Demonstranten werfen der Regierung vor, enorme Summen in teure Stadionbauten gesteckt und wichtige soziale Aufgaben beispielsweise im Gesundheits-, Bildungs- und Verkehrswesen vernachlässigt zu haben.

Streik an Rios Flughäfen: An den Flughäfen Rio de Janeiros streikt am WM-Eröffnungstag ein Teil des Bodenpersonals. Nach Angaben der Gewerkschaft hat seit Mitternacht ein Fünftel der Mitarbeiter für 24 Stunden die Arbeit niedergelegt. Die Gewerkschaft verlangt für ihre Mitglieder bis zu zwölf Prozent mehr Lohn, Bonuszahlungen für die WM und bessere Arbeitsbedingungen. Die Streikenden halten sich jedoch an ein Gerichtsurteil, wonach 80 Prozent der Mitarbeiter ganz normal zur Arbeit gehen müssen. Eine Gruppe von etwa 20 Streikenden hat die zentrale Zufahrt zu Rios internationalem Flughafen teilweise blockiert und damit kilometerlange Staus verursacht. Mehrere Passagiere verließen die Taxis und liefen den Weg zum Flughafen Galeão. Einige verpassten dennoch ihre Flüge. "Das ist eine Schande. Wie kann ein Dutzend Personen den Verkehr für Tausende blockieren und die Polizei schaut untätig zu", ärgerte sich im Fernsehen eine Unternehmerin, die ihren Flug zu einem WM-Spielort im Nordosten Brasiliens verpasste. Die Polizei stand nur wenige Meter von den Streikposten auf der Straße entfernt.

Streik der U-Bahn-Fahrer in São Paulo abgewendet: In der WM-Eröffnungsstadt São Paulo konnte ein neuer Streik der U-Bahnfahrer bis auf weiteres abgewendet werden. Die Gewerkschaft hat beschlossen, den Ausstand nicht fortzusetzen. Sie wird aller Voraussicht nach das Angebot für eine Lohnerhöhung von 8,7 Prozent annehmen. Zuvor hatte die Gewerkschaft noch die Rücknahme von etwa 40 Kündigungen verlangt, die im Laufe des Streiks ergangen waren. Dies lehnten die Arbeitgeber ab. Vergangene Woche hatte ein mehrtägiger Streik der U-Bahnfahrer zu einem Verkehrschaos in der Elf-Millionen-Metropole geführt. Mehr als die Hälfte der 65 Metro-Stationen blieben zeitweise geschlossen.

Die Sicherheitskräfte in der Stadt Cuiaba machen sich bereit: Auch für den Eröffnungstag sind Streiks und Demonstrationen angekündigt.

(Foto: dpa)

Randale in Berlin: Im Zug des Protests gegen die Fußball-WM hat es auch in Berlin Randale gegeben. Eine vermummte Gruppe von 14 Personen habe randaliert und Scheiben zerstört. In der Nacht zu Donnerstag warfen sie zahlreiche Schaufensterscheiben eines Adidas-Geschäfts im Stadtteil Mitte ein. Sie versuchten Müllcontainer anzuzünden und stoppten ein Polizeiauto, indem sie die Reifen beschädigten, teilte die Polizei mit. In einem Bekennerschreiben im Internet wurde Adidas als einem der Hauptsponsoren der WM vorgeworfen, an Ausbeutung und Unterdrückung der brasilianischen Bevölkerung beteiligt zu sein. Das Unternehmen aus Herzogenaurach erklärte: "Wir verurteilen jegliche Form von Randale, Sachbeschädigung und Gewalt." Genau vor einem Monat, am 12. Mai, hatten Autonome mehr als 20 Scheiben der brasilianischen Botschaft in Berlin eingeworfen. Der für politisch motivierte Taten zuständige Staatsschutz der Polizei übernahm die Ermittlungen.

Unwetter und Überschwemmungen: Im südbrasilianischen Bundesstaat Paraná sind durch Überschwemmungen elf Menschen ums Leben gekommen. Aus der Hauptstadt des Bundesstaates, Curitíba, sind fast 500 Einwohner in Sicherheit gebracht worden, teilen die Behörden mit. In der Arena Da Baixada von Curitíba sollen am 16. Juni die Fußball-WM-Begegnung Nigeria gegen Iran und eine Woche darauf das Spiel Spanien gegen Australien ausgetragen werden. Bereits am Samstag hatte teils starker Regen eingesetzt und den Fluss Iguazú anschwellen lassen. Die Iguazú-Wasserfälle im Dreiländereck von Argentinien, Brasilien und Paraguay erreichten am Montag den höchsten Wasserstand, der je verzeichnet wurde. Die Fließmenge habe 36 Mal den normalen Stand übertroffen, berichtete die Zeitung Clarín. Von den Überschwemmungen sind nach Behördenangaben eine halbe Million Menschen betroffen, etwa 33 000 mussten ihre Wohnungen verlassen. Auch Regionen Paraguays und Argentiniens sind vom Hochwasser betroffen.

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