Berlin Der rätselhafte Mord an Burak Bektas

In der Rudower Straße vor dem Berliner Krankenhaus Neukölln wurde Burak Bektas 2012 erschossen.

(Foto: Regina Schmeken)

Sein Mörder tötete wortlos und verschwand in die Nacht: Im Frühjahr 2012 wurde der Berliner auf offener Straße erschossen. War es das Werk eines Rechtsradikalen?

Von Carolin Wiedemann und Lena Kampf

Alles ist noch so, wie er es vor mehr als drei Jahren hinterlassen hat. Auf der Kommode liegen Zettel, in den Schränken Pullover, neben der Tür hängt seine Jacke. Melek Bektas zieht einen Ärmel zur Nase. Jeden Tag lässt sein Geruch nach. Der Geruch ihres Sohnes Burak.

Über ihre Wangen rinnen Tränen. Burak Bektas wurde am 5. April 2012 auf offener Straße ermordet. Fünf Monate nach der Selbstenttarnung des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) schießt ein weißer Mann im Berliner Stadtteil Neukölln auf eine Gruppe junger Männer mit Migrationshintergrund, wortlos, wahllos und läuft in die Nacht davon. Bis heute gibt es keine Spur vom Täter.

Er wollte noch Freunde treffen

Burak war an jenem Abend nach der Arbeit nach Hause gekommen, hatte sich ein Brot gemacht, mit den Eltern geplaudert. Er wollte noch mal raus, Freunde treffen. Er würde nicht spät zurückkommen, am nächsten Morgen musste er ja arbeiten. Seine Arbeit bei Fiat, die liebte er, erzählt Melek Bektas. "Und er liebte es zu lachen, seine Mutter zum Lachen zu bringen." Ihre Stimme versagt.

Burak hatte einen weiten Blick aus seinem Zimmer im dritten Stock des Reihenhauses, über die Gärten hinweg zum Horizont. Melek Bektas macht eine Bewegung mit dem Kopf nach links, ohne dass die Augen folgen, und sagt: "In diese Richtung kann ich nicht mehr schauen."

In diese Richtung laufen Burak und seine Freunde an jenem Abend im April 2012. Etwa 300 Meter entfernt von Buraks Elternhaus, auf der Rudower Straße bleiben sie stehen. Neben Buraks engen Freunden Seltunc und Ömer sind Jamal, der jüngere Bruder eines anderen Freundes, und dessen Kumpel Alex dabei.

Burak will wegrennen, da trifft es ihn

Auf dem breiten Gehsteig gegenüber des Neuköllner Krankenhauses diskutieren sie über Politik, scherzen. Plötzlich nähert sich ein Mann der Gruppe. Er bleibt stehen, zieht eine Waffe und feuert Schüsse ab. Burak will wegrennen, da trifft es ihn, er fällt und rührt sich nicht mehr. Seltunc, der nicht getroffen wurde, versucht, Burak von der Straße zu ziehen, er rennt zum Krankenhaus, ruft um Hilfe. Rettungskräfte kommen an einen blutigen Tatort. Alex und Jamal sind schwer verletzt, Notoperationen retten ihr Leben. Burak stirbt 45 Minuten später im Krankenhaus.

Die Geschichte klingt vertraut: ein Mord mit einer Schusswaffe, das Opfer mit Migrationshintergrund, kein erkennbares Motiv, keine Worte. Das entspricht den Taten des NSU. Laut Anklage im NSU-Prozess ist die rechte Terrorgruppe für den Mord von neun Männern mit türkischem und griechischem Hintergrund verantwortlich. Wurde auch Burak Bektas aus rassistischen Motiven ermordet?

15 000 Euro hat die Staatsanwaltschaft für Hinweise auf den Mörder ausgesetzt, 300 Plakate mit dem Fahndungsaufruf aufgehängt, etwa 1000 Anwohner als mögliche Zeugen wurden von der Kriminalpolizei befragt. "Wir wissen immer noch nicht, wer der Täter war, die Ermittlungen dauern an", sagt die Staatsanwaltschaft seit drei Jahren.