Süddeutsche Zeitung

Berlin:Der rätselhafte Mord an Burak Bektas

Lesezeit: 5 min

Sein Mörder tötete wortlos und verschwand in die Nacht: Im Frühjahr 2012 wurde der Berliner auf offener Straße erschossen. War es das Werk eines Rechtsradikalen?

Von Carolin Wiedemann und Lena Kampf

Alles ist noch so, wie er es vor mehr als drei Jahren hinterlassen hat. Auf der Kommode liegen Zettel, in den Schränken Pullover, neben der Tür hängt seine Jacke. Melek Bektas zieht einen Ärmel zur Nase. Jeden Tag lässt sein Geruch nach. Der Geruch ihres Sohnes Burak.

Über ihre Wangen rinnen Tränen. Burak Bektas wurde am 5. April 2012 auf offener Straße ermordet. Fünf Monate nach der Selbstenttarnung des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) schießt ein weißer Mann im Berliner Stadtteil Neukölln auf eine Gruppe junger Männer mit Migrationshintergrund, wortlos, wahllos und läuft in die Nacht davon. Bis heute gibt es keine Spur vom Täter.

Er wollte noch Freunde treffen

Burak war an jenem Abend nach der Arbeit nach Hause gekommen, hatte sich ein Brot gemacht, mit den Eltern geplaudert. Er wollte noch mal raus, Freunde treffen. Er würde nicht spät zurückkommen, am nächsten Morgen musste er ja arbeiten. Seine Arbeit bei Fiat, die liebte er, erzählt Melek Bektas. "Und er liebte es zu lachen, seine Mutter zum Lachen zu bringen." Ihre Stimme versagt.

Burak hatte einen weiten Blick aus seinem Zimmer im dritten Stock des Reihenhauses, über die Gärten hinweg zum Horizont. Melek Bektas macht eine Bewegung mit dem Kopf nach links, ohne dass die Augen folgen, und sagt: "In diese Richtung kann ich nicht mehr schauen."

In diese Richtung laufen Burak und seine Freunde an jenem Abend im April 2012. Etwa 300 Meter entfernt von Buraks Elternhaus, auf der Rudower Straße bleiben sie stehen. Neben Buraks engen Freunden Seltunc und Ömer sind Jamal, der jüngere Bruder eines anderen Freundes, und dessen Kumpel Alex dabei.

Burak will wegrennen, da trifft es ihn

Auf dem breiten Gehsteig gegenüber des Neuköllner Krankenhauses diskutieren sie über Politik, scherzen. Plötzlich nähert sich ein Mann der Gruppe. Er bleibt stehen, zieht eine Waffe und feuert Schüsse ab. Burak will wegrennen, da trifft es ihn, er fällt und rührt sich nicht mehr. Seltunc, der nicht getroffen wurde, versucht, Burak von der Straße zu ziehen, er rennt zum Krankenhaus, ruft um Hilfe. Rettungskräfte kommen an einen blutigen Tatort. Alex und Jamal sind schwer verletzt, Notoperationen retten ihr Leben. Burak stirbt 45 Minuten später im Krankenhaus.

Die Geschichte klingt vertraut: ein Mord mit einer Schusswaffe, das Opfer mit Migrationshintergrund, kein erkennbares Motiv, keine Worte. Das entspricht den Taten des NSU. Laut Anklage im NSU-Prozess ist die rechte Terrorgruppe für den Mord von neun Männern mit türkischem und griechischem Hintergrund verantwortlich. Wurde auch Burak Bektas aus rassistischen Motiven ermordet?

15 000 Euro hat die Staatsanwaltschaft für Hinweise auf den Mörder ausgesetzt, 300 Plakate mit dem Fahndungsaufruf aufgehängt, etwa 1000 Anwohner als mögliche Zeugen wurden von der Kriminalpolizei befragt. "Wir wissen immer noch nicht, wer der Täter war, die Ermittlungen dauern an", sagt die Staatsanwaltschaft seit drei Jahren.

Keine Anhaltspunkte für ein Motiv

Laut Statistik werden in Berlin 90 Prozent aller Tötungsdelikte aufgeklärt. Meist besteht eine Beziehung zwischen Opfer und Täter, der Mörder von Burak Bektas jedoch hat nichts hinterlassen, außer den Projektilen seiner Munition. Die Polizei stellt Hypothesen auf: War es ein Nachbar, der sich von der Gruppe gestört fühlte? Ein Geisteskranker? Ein Neonazi? Alexander Huebner, Leiter der Mordkommission, sieht keine Anhaltspunkte für ein Motiv. "Wir haben so wenig Täterhandeln. Wo kann man da ermitteln?", fragt er.

Auch die NSU-Morde erschienen in Deutschland jahrelang mysteriös. Die Mörder hinterließen kein Bekennerschreiben, rühmten sich bis zu ihrer Selbstenttarnung am 4. November 2011 nicht mit den Taten. Die Angehörigen aber, von den Ermittlungsbehörden verdächtigt und drangsaliert, hatten die "Propaganda der Tat" verstanden: Migranten sollten in Deutschland nicht mehr ruhig schlafen können. Und auch Neonazis wussten die Taten zu lesen: Mit dem Lied "Döner-Killer" bejubelte eine Band die Morde, lange bevor sie dem NSU zugerechnet wurden.

"Nachher erst mal ZDF gucken, über den Kanaken, der hier vor der Tür abgeknallt wurde und hoffen, dass keiner brauchbare Hinweise zum Täter liefert ;)", schreibt "Kleener Krümel" im Februar 2013 auf Facebook, kurz bevor die Polizei den Täter über "Aktenzeichen XY" suchen lässt. Hinter "Kleener Krümel" verbirgt sich Mandy P., deren Freund, der Neonazi Mike S., in der Nähe der Straßenecke wohnt, an der Burak Bektas erschossen wurde.

Seyb und ihre Mitstreiter wollen nicht den selben Fehler machen

Helga Seyb hat bei der Polizei Anzeige gegen P. erstattet. Sie hat sich mit anderen Aktivisten kurz nach der Tat zur "Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak B." zusammengetan. Seyb und ihre Mitstreiter wollen nicht noch einmal die Fehler machen, die auch Linke bei den NSU-Morden machten: sich nicht interessieren, wegschauen. Stattdessen kämpfen sie dafür, dass der Fall nicht in Vergessenheit gerät, dass vor allem in Richtung rechts stärker ermittelt wird.

Für die Initiative ist der Facebook-Kommentar von P. ein Hinweis auf einen möglichen rassistischen Hintergrund des Mordes an Burak Bektas. Neben den Parallelen im Tathergang zu den NSU-Morden führen die Mitglieder auf, dass ein paar Stunden vor dem Mord in der Nähe des Tatorts Neonazis gesichtet wurden, dass in rechten Foren zu Gewalttaten aufgerufen worden war. "Aber diesen Anhaltspunkten geht die Staatsanwaltschaft nicht genügend nach", sagt Helga Seyb.

Der Kriminalist Alexander Huebner hat P. vernommen. Sie habe keinen Bezug zur Tat, sagt er. Die Mordkommission habe sich mit der Staatsschutzabteilung ausgetauscht, sagt die Staatsanwaltschaft: "Es gibt keine Hinweise, dass die Tat extremistisch oder terroristisch motiviert war."

Viele Briefe mit vielen Fragen

"Welche Erkenntnisse des Verfassungsschutzes wurden in die Ermittlungen einbezogen? Wurde ein Zusammenhang mit einer Veranstaltung zum Thema ,Rechtsextremismus' am Vorabend der Tat geprüft?" - Mehmet Daimagüler schreibt viele Briefe mit vielen Fragen an den zuständigen Staatsanwalt. Der Rechtsanwalt hat im April 2014 die Vertretung von Melek Bektas im Ermittlungsverfahren übernommen.

Daimagüler ist auch Nebenklageanwalt im Münchner NSU-Prozess. Auf seine Fragen bekommt er nur unzureichend Antworten. Er sagt, erst drei Monate nach der Tat werden in Neukölln gemeldete polizeibekannte Rechtsextreme mit Waffenschein von der Mordkommission überprüft. Er weist darauf hin, dass die Staatsschutzabteilung, zuständig für politische Straftaten, offenbar erst im November 2014 die Akten Bektas vorgelegt bekommt. "Man hat, wenn man den Akten vertrauen kann, nicht mal Neonazis in ganz Berlin überprüft, auch nicht in Brandenburg, obwohl die Landesgrenze vom Tatort nur wenige Hundert Meter entfernt liegt", sagt er. Ohne seine Briefe hätte der Staatsanwalt die Ermittlungen wohl längst eingestellt.

Jetzt nimmt sie Tabletten zum Schlafen

"Wäre der Mord nicht schon aufgeklärt, wenn es ein deutscher Junge wäre?", fragt Melek Bektas. Wie soll sie es nach den Geschichten über den NSU schaffen, nicht permanent zu denken, dass ihr Sohn aus rassistischen Motiven ermordet wurde? Das erste Jahr nach dem Mord konnte sie gar nichts tun, konnte nicht ruhen, nicht essen, nicht mehr arbeiten. Jetzt nimmt sie Tabletten zum Schlafen, macht wieder den Haushalt, kocht. Jeden Abend sitzt sie mit den beiden Kindern und ihrem Mann beim Essen. Sie schweigen und schauen auf Buraks Bild an der Wand.

Mehmet Daimagüler wird oft gefragt, welche Lehren man aus dem NSU gezogen hat. "Ich finde die Frage falsch", sagt er. Das impliziere, dass der NSU vorbei ist. "Wer sagt uns das denn? Vielleicht existiert die Gruppe noch als Idee, als eine Art Franchise für Nachahmungstaten. Wir sollten mehr Demut haben und sagen: Wir wissen es noch nicht."

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SZ vom 06.08.2015/fie
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