Urteil zu Gender-Sprache "Ich bin nicht männerfeindlich"

Marlies Krämer im Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe.

(Foto: dpa)

Marlies Krämer hat gegen ihre Sparkasse geklagt, weil sie als "Kundin" angesprochen werden möchte. Trotz der Niederlage vor Gericht will sie nicht aufgeben.

Von Helena Ott

Am Nachmittag schaltet Marlies Krämer das Telefon für eine Stunde ab. Sie braucht eine Pause: "Mein Akku war total leer, aber jetzt geht es wieder." Seit 9.20 Uhr beantwortet die 80-Jährige pausenlos Presseanfragen. Krämer hat geklagt und von ihrer Sparkasse gefordert, sie künftig mit "Kundin" und "Sparerin" anzusprechen. Am Dienstagmorgen hat der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe das Urteil verkündet: ihr Revisionsantrag wurde abgelehnt.

Damit ist die Rentnerin schon in dritter Instanz gescheitert. Die Sparkasse Sulzbach darf auch künftig ihre rund 800 Formulare an "Kunden", "Sparer" und "Kontoinhaber" adressiert lassen. Einen Anspruch auf weibliche Formen gibt es nicht, stellte der BGH klar. Das Gericht beruft sich auf das generische Maskulinum, die Form, die beide Geschlechter mit einschließen soll.

Der BGH erkennt zwar an, dass der jahrzehntelange feministische Diskurs die diskriminierende Wirkung rein maskuliner Sprachformen offengelegt hat. Doch das Gericht verweist darauf, dass selbst in Gesetzesformulierungen die Rede vom "Darlehensnehmer" sei und so die Sparkasse nicht zu einer Änderung ihrer Formulare genötigt werden könne. Vor der Urteilsverkündung des BGH hat sich Krämer zwei Sätze aufgeschrieben, die sie selbst ihre Thesen nennt: "Mit der sprachlichen Ausgrenzung beginnt die patriarchale Ausbeutung von Frauen."

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Von sich selbst sagt sie, dass sie jahrelang eine "gefügige Hausfrau" gewesen sei. Ihr Mann starb früh und sie musste die vier Kinder allein großziehen. Erst mit ihrem Soziologiestudium, das sie im Alter von 50 Jahren begonnen hat, sei der Knoten bei ihr geplatzt und sie habe verstanden, dass Frauen diese Benachteiligung nicht hinnehmen dürfen. "Die feminine Sprache ist der Schlüssel zur Gleichberechtigung", lautet Krämers zweite These.

Sie spricht bewusst nicht von einer "geschlechtergerechten Sprache"; sondern benutzt, wie auch die Universität Leipzig seit 2013, nur noch das generische Femininum. Sagt also, wenn sie alle meint, "BürgerInnen". Und das nicht nur, wenn sie schreibt, sondern auch wenn sie spricht.

Was auf den ersten Blick der Begründung der Verfechter des generischen Maskulinums ähnelt, hat sich Krämer genau überlegt: Im generischen Femininum werde die maskuline Form tatsächlich mitgedacht, "sogar an erster Stelle", sagt Krämer. Besonders ärgert sie, dass das Landgericht Saarbrücken in zweiter Instanz darauf verwiesen hat, dass die männliche Form schon seit "2000 Jahren" als Kollektivform für beide Geschlechter verwandt würde. Für Krämer ist das eine "absolut hirnrissige" Begründung.

Sie will nun in die nächste Instanz gehen

Aber die 80-jährige Feministin ist auch nach ihrem Scheitern in dritter Instanz nicht verbissen. Sie ist schlecht zu Fuß. Aber ihre mentale Energie reicht. Krämer zitiert Gandhi: "Stärke wächst nicht aus körperlicher Kraft - vielmehr aus unbeugsamem Willen." Notfalls ginge sie bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Sie will sich nun mit ihrem Anwalt beraten und dann in die nächste Instanz gehen: zum Bundesverfassungsgericht. Dort will sie prüfen lassen, ob die Sparkassenformulare ihr Grundrecht auf Gleichberechtigung nach Artikel 3 missachten.

Ermutigende Zuschriften bestärkten Krämer in ihrem Protest. "Heute Morgen hat sogar eine Frau aus Stuttgart gemeinsam mit ihrem Mann angerufen und sich bei mir bedankt."

Den Vorwurf sie solle sich um echte Gleichberechtigung kümmern, wie etwa gleiches Rentenniveau von Frauen und Männern, weist Krämer zurück: "Sprache ist unser höchstes Kulturgut, aber wir Frauen kommen darin nicht vor." Krämer findet die Sprache hinke der gesellschaftlichen Entwicklung in Sachen Gleichberechtigung hinterher.

Sie selbst sei nicht "männerfeindlich". Im Gegenteil, sie liebe Männer: "Sie sind das Salz in der Suppe der Gesellschaft, aber die ist gerade gründlich versalzen. Mehr weiblicher Einfluss würde sie für alle bekömmlicher machen." Krämer verweist auf die Profitgier der modernen Gesellschaft, bemüht damit aber ebenfalls ein Männern zugeschriebenes Klischee.

Nicht alle teilen Krämers Auffassung und sie ist froh, dass sie kein Facebook hat, nicht lesen kann, was dort über sie geschrieben wird. Das wissen wohl auch ihre Gegner und rufen deshalb bei ihr auf dem Festnetz an. "Heute haben zwei Männer angerufen, der eine hat einfach nur 'Arschloch' gesagt, der andere hat etwas von 'blöde Weiber' gefaselt." Beide hätten dann aufgelegt, ohne ihren Namen zu nennen. Krämer hat sofort zurückgerufen. Geschimpft hat sie nicht, sondern sich bedankt; für den "Intelligenzanfall".

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