Todesschütze von North Charleston Schwer bewaffnet nach neun Wochen Polizeischule

Demonstranten in North Charleston fordern eine bessere Ausbildung für Polizisten.

(Foto: dpa)
  • Nachdem in North Charleston der 33-jährige Polizist Michael Slager den unbewaffneten Schwarzen Walter Scott mit acht Schüssen getötet hat, wird in den USA intensiv über den Fall diskutiert.
  • Die Ausbildung des Polizisten dauerte nur neun Wochen.
  • Auch an dem Rollenbild, das die Polizeiausbildung und die spätere Tätigkeit prägt, wird grundsätzliche Kritik geäußert.
Von Johannes Kuhn, San Francisco

Es waren chaotische Szenen im Rathaus von North Charleston. "Ich habe das Video gesehen, und es macht mich krank", erklärte der sichtlich um Fassung ringende Polizeichef Eddie Driggers, während Bürgermeister Keith Summey die aufgebrachten Demonstranten mehrmals beruhigen musste.

Tumultartige Pressekonferenzen wie diese am Mittwoch sind für die Stadt in South Carolina gerade das geringste Problem: Das Video, auf denen der weiße Polizist Michael Slager den unbewaffneten Afroamerikaner Walter Scott mit acht Schüssen von hinten tötet, zeigt eine Tat an der Grenze zwischen völlig überzogener und sadistisch anmutender Polizeigewalt. "Es gibt absolut keine Rechtfertigung für diese Schüsse" oder "Das hätte niemals passieren dürfen" lauten die Urteile von Kriminologen und renommierten Polizeipsychologen, mit denen die örtliche Zeitung Post and Courier gesprochen hat.

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Slager sitzt seit Dienstag in Untersuchungshaft und wurde inzwischen gefeuert, wie Bürgermeister Summey mitteilte. Doch die Ermittlungen sind nur ein Teil der Aufarbeitung: Erneut stellt sich die Frage nach den dahinter liegenden Faktoren. Danach, welche Rolle Rassismus und der schnelle Griff zur Waffe in der US-Polizeikultur spielen.

Eignungstest und Ausbildung des Polizisten rücken in den Fokus

Das Verhältnis zwischen der mehrheitlich weißen Polizei und der schwarzen Community in North Charleston gilt als "spannungsreich" - ein bereits aus Ferguson oder Cleveland bekanntes Muster. Seit die Beamten auf die zunehmende Gewaltkriminalität ab 2007 mit größerer Härte reagierten, müssen Afroamerikaner häufig mit Durchsuchungen und schlechter Behandlung rechnen, wissen viele Bürger zu berichten.

Die New York Times beschreibt zudem zwei tödliche Polizeieinsätze, die nicht vor Gericht landeten, aber nun angesichts des Todes von Walter Scott zumindest Zweifel wecken. Immerhin ist auf dem Video des jüngsten Vorfalls zu sehen, wie der Polizist offenbar versucht, seine Elektroschocker-Pistole neben dem Toten zu platzieren - womöglich, um einen Kampf zu simulieren. Wäre es zur Mordanklage gegen Slager gekommen, fragen nun viele Bürgerrechtler, wenn dieses Video nicht existieren würde?

Auch Eignungstests und Ausbildung der Polizei rücken bei der Suche nach den Hintergründen in den Fokus. Wurde der 33-jährige Slager wirklich eingehend genug geprüft und auf solche Situationen vorbereitet? Weder rannte er dem flüchtenden Walter Scott hinterher, noch warnte er ihn, bevor er die Schüssen abgab, noch leistete er danach Erste Hilfe.

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"Unverantwortlich von South Carolina"

Wie das Wall Street Journal berichtet, besuchte Slager gerade einmal neun Wochen die Polizeischule. "Das ist definitiv zu wenig und ich halte es für unverantwortlich von South Carolina, eine derart kurze Ausbildung zu erlauben", sagt Maria Haberfeld. Die New Yorker Politologin forscht seit Langem zur internationalen Polizeiausbildung.

Durchschnittlich gehen Polizisten in den USA zwischen 15 und 17 Wochen zur Schule, in New York sogar bis zu 28 Wochen. Weil das Training jedoch teuer ist und Personal gebraucht wird, kürzen einige Staaten die Ausbildung ab. "Das kurze Training spielt definitiv eine Rolle bei dem, was passiert ist", glaubt Haberfeld.

Lehren aus Ferguson

Die Tat kommt zu einem Zeitpunkt, an dem mehr Polizeibezirke in den USA versuchen, Konsequenzen aus den Vorfällen von Ferguson, Cleveland und New York zu ziehen. Anti-Rassismus-Trainings, in der Polizisten mit Hilfe von Rollenspielen ihre eigenen Vorurteile reflektieren, boomen. Modelle, in denen Polizisten regelmäßig vor Ort Kontakte pflegen und nicht nur als Strafverfolger in Erscheinung treten, erhalten größere Aufmerksamkeit. Nach dem Tod Walter Scotts werden vereinzelt Forderungen laut, die Untersuchung tödlicher Polizeieinsätze sofort in die Hände des Justizministeriums zu legen.

Auch gibt es grundsätzliche Kritik an dem Rollenbild, dem Polizisten in Ausbildung und Dienst folgen. Seth Stoughton, ehemaliger Polizist und Jurist an der University of South Carolina, warnte vor Kurzem noch vor der "beinahe religiösen Bedeutung", die der persönlichen Sicherheit eines jeden Beamten beigemessen werde. "Polizisten leben in einer feindlichen Welt. Sie lernen, dass jede Begegnung, jeder Mensch eine mögliche Bedrohung ist", schrieb er im Atlantic. "Nachlässigkeit tötet" sei das zentrale Motto, obwohl die Gewalt gegen Polizisten seit Jahren sinke.

Slagers Begründung, er habe sich bei seinem tödlichen Einsatz "bedroht" gefühlt, dürfte angesichts der Aufnahmen nach derzeitigem Stand nur schwer nachzuvollziehen sein. Die Anwälte der Hinterbliebenen Walter Scotts haben erklärt, eine Zivilklage gegen die Polizei zu prüfen.