Tebartz-van Elst Limburg verzweifelt an seinem Bischof

In der Weltgeschichte ist Limburg bislang nie besonders in Erscheinung getreten. Jetzt lockt der Skandal um Bischof Tebartz-van Elst sogar japanische Reporter in die Stadt. Wie gehen die Bewohner damit um, dass nun das ganze Land sie belächelt? Ein Besuch auf dem Domberg.

Von Lisa Sonnabend, Limburg an der Lahn

Ein Junge bleibt vor der mittelalterlichen Madonna im Limburger Dom stehen, vor der Figur brennen Opferkerzen. "Papa, ich will auch eine anzünden", quengelt der Kleine. Der Vater zögert, dann sagt er: "Na gut. Zahlen brauchen wir nichts, die haben ja genug Geld zum Verprassen."

Samstagnachmittag in Limburg an der Lahn, ein Ort mit 35.000 Einwohnern, gelegen an der Hochgeschwindigkeitsstrecke der Deutschen Bahn zwischen Frankfurt und Köln. Ein Ort, der plötzlich zu Berühmtheit im ganzen Land gelangt ist, weil Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst sich hier einen Bischofssitz errichten ließ, dessen Kosten beim Bau explodierten. Statt ursprünglich geplanten 5,5 Millionen soll das Palais auf dem Domberg nun 31 Millionen Euro oder vielleicht sogar 40 Millionen Euro verschlingen. Zudem hat die Staatsanwaltschaft am Donnerstag einen Strafbefehl gegen Tebartz-van Elst beantragt, weil er eine falsche eidesstattliche Erklärung abgegeben haben soll. Wie geht ein Ort damit um, dass er so getäuscht worden ist, dass das ganze Land über ihn redet, viele ihn belächeln?

In der Bahnhofstraße ist Markt. Kürbisse, Äpfel, Kartoffeln werden in Tüten über die Theken gereicht. Dietmar Kambor steht ein wenig am Rande. Er hat sich eben eine neue Brille gekauft. "Fielmann, nichts teures", sagt er, grinst und macht dann eine abfällige Bewegung in Richtung Domberg. Den Rentner stört am Fall Tebartz-van Elst vor allem die Unverhältnismäßigkeit: "Wie kann ein Geistlicher das Geld so zum Fenster rauswerfen, während auf der Welt Kinder hungern?", fragt er und schüttelt den Kopf.

Fachwerkhäuser, ICEs und der Bischofspalast

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Neben ihm steht Werner Roßtäuscher, der seit 20 Jahren auf dem Limburger Markt Honig verkauft. Er sagt: "Für das viele Geld hätten sie lieber endlich die Schule renovieren sollen." Immerhin können die beiden Evangelen dem Fall Tebartz-van Elst auch etwas Positives abgewinnen. "Die Stadt ist zusammengerückt", findet Kambor. Bei allem Ärger kann er manchmal sogar lachen über den Bischof. "Er hat einen herrlichen Palast gebaut", sagt Kambor. "Nur leider nicht für sich, sondern für seinen Nachfolger." Der Bischof ist das Ortsthema, seit Tagen. In der Fußgängerzone zu Füßen des Domberges stehen Grüppchen, die tuscheln. Eine Frau sagt: "Alle lachen jetzt über uns."

Innerhalb von zwei Tagen sind 50 Menschen ausgetreten

Die Regionalzeitungen sind seit Tagen voll mit Berichten über den umstrittenen Bischof. In der Nassauischen Neuen Presse heißt es: "Das Vertrauen ist zerrüttet." Die Rhein-Nassau-Zeitung titelt: "Bischof allein zu Haus". Sogar ein japanisches Reporterteam sei vor ein paar Tagen hier gewesen, erzählt einer.

Eigentlich wollte Tebartz-van Elst sich am Wochenende in einem Brief den Gläubigen in seinem Bistum erklären. Doch dies hat er ohne Angaben von Gründen nun doch nicht gemacht. Auch das hat das Vertrauen nicht gestärkt. Stattdessen ein Brief des Bistums, in dem es heißt: "Der Bischof ist betroffen über die Eskalation der aktuellen Diskussion." Er sehe und bedauere, dass viele Gläubige im Bistum und darüber hinaus unter der gegenwärtigen Situation leiden, heißt es dort weiter. Und: Es sei für den Bischof selbstverständlich, "dass die Entscheidung über seinen bischöflichen Dienst in Limburg in den Händen des Heiligen Vaters liegt, von dem er in die Diözese gesandt wurde". Ein Rücktrittsangebot, das viele hier in Limburg erleichtern würde? Nein. Ein Bistumssprecher betont, dies sei eine "neutrale Aussage".

Im Bistum sind innerhalb von nur zwei Tagen 50 Menschen aus der Kirche ausgetreten, gibt das Amtsgericht Limburg an. Normal sind ein oder zwei Austritte pro Tag.

Limburg ist ein beschaulicher Ort, der in der Weltgeschichte bislang nie Groß in Erscheinung trat. Die bekannteste Bürgerin ist wohl TV-Nanny Katharina Saalfrank, die allerdings mittlerweile woanders lebt.

Zeigt die Fußgängerampel hier Rot, geht kaum einer über die Straße, auch wenn sie nur einspurig ist und gerade kein Auto kommt. Die Verkäuferin in einem Kiosk sagt zu einem jungen Mann, der eine Flasche Bier kaufen möchte. "Deinen Ausweis brauchst du mir nicht zeigen, ich erinnere mich, den habe ich neulich schon kontrolliert." Die Restaurants haben auf Schiefertafeln mit Kreide die Spezialitäten notiert: Rehrücken, Jägerschnitzel, Flammkuchen. Bei der Gaststätte "Batzwert" steht: "Heute letzte Möglichkeit. Bischofsknödel 6,20 Euro."

Am kommenden Freitag wird in der Limburger Stadthalle "Der Freischütz" aufgeführt, kündigt ein Plakat in der Innenstadt an. Zu Beginn der Oper wird der Jäger Max vom ganzen Dorf verspottet. Das Stück geht schließlich gut aus, an ein versöhnliches Ende im Fall Tebartz-van Elst glauben in Limburg dagegen nur noch wenige.

"Der Bischof tut mir leid."

Oben auf dem Domberg stehen viele Neugierige - Touristen, aber auch Bewohner aus der Umgebung. Statt auf die prächtige Domfassade richten sie ihre Kameras auf den 31 Millionen teuren Bischofssitz. Manche gehen ganz nah an den hohen Zaun heran und fotografieren Tebartz-van Elsts Zuhause durch die Gitterstäbe hindurch. Neben dem Eingangstor blinkt eine Alarmanlage.

Auch Helga Weber steht hier oben. Vor ein paar Monaten war sie schon einmal hier, als Tebartz-van Elst aus seinem Auto stieg, sich Zeit nahm und ein Weilchen mit ihr plauderte. "Er war sehr freundlich", sagt die 72-Jährige. Die Schuld für die hohen Kosten trägt ihrer Meinung nach nicht der Bischof, sondern die Architektengruppe. "Die wollten möglichst viel Geld verdienen", sagt sie. "Der Bischof tut mir leid."

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung wird wenig später davon berichten, wie unter der Ägide des Bischofs über Jahre hinweg die Baukosten verschleiert wurden. Die Aufsichtsinstanzen des Vatikans und des Vermögensverwaltungsrats des Bistums seien damit systematisch unterlaufen worden, heißt es in der Zeitung.

Auch Ingeborg Wagner ist an diesem Nachmittag auf den Burgberg gekommen. Vor 50 Jahren hat sie in Limburg geheiratet, mittlerweile lebt sie in Göttingen. Das Städtchen an der Lahn habe sich seitdem verändert, findet sie. "Es gibt mehr Restaurants, viele Fassaden sind saniert worden - und natürlich war damals der Bischofssitz noch nicht gebaut, Limburg ein unbekanntes Örtchen."

Dietmar Kampor, der Rentner vom Markt, sagt "Die Touristen kommen plötzlich gucken." Wer weiß, womöglich profitiert Limburg am Ende sogar noch von seinem prunksüchtigen Bischof.