SZ-Korrespondenten über Papst-Rücktritt Frank Nienhuysen, Moskau, über Russland

Der Papst? Russland fühlt sich nur bedingt berührt. Rom ist weit weg, und in Moskau gibt es ein eigenes dominantes kirchliches Oberhaupt, den Patriarchen der russischen Orthodoxie. Und doch platzte der Rücktritt von Benedikt XVI. in Russland in eine recht nachrichtenarme Zeit hinein, was ihm immerhin in der auflagenstarken Boulevardzeitung Moskowskij Komsomolez die Titelgeschichte sicherte - allerdings mit der Frage: "Bekommen die Katholiken nun ihren Obama?" Darüber das Foto des Kardinals von Ghana, Peter Turkson.

Eigentlich ist der bisherige, deutsche Papst bereits Urheber eines Neustarts der Beziehungen. Dessen polnischer Vorgänger Johannes Paul II. war in Russland von vielen mit Skepsis betrachtet worden, nämlich zunächst als Auslöser für den Zerfall der Sowjetunion, später als Oberhaupt einer Kirche, die im Osten missionierte.

Und so hatte Benedikt nach dem lange schwierigen Verhältnis zwischen Vatikan und russischem Patriarchat eine neue positive Stimmung erzeugt. Die russisch-orthodoxe Kirche lobte den Papst, weil er sich derart für die moralischen Werte eingesetzt habe und weil er die Annäherung der beiden Kirchen vorangetrieben habe. Zu einem Papst-Besuch in Russland hat das verbesserte Verhältnis trotzdem nicht gereicht.

Den größten Respekt erhält Benedikt in den Kommentaren der russischen Medien ohnehin wegen seines selbst gewählten Rücktritts. Ein mächtiges Amt freiwillig abzugeben, daran hat man sich in den Ländern der früheren Sowjetunion noch nicht gewöhnt.