Studie zu Antisemitismus Was Europas Juden fürchten

Noch immer Alltag in Deutschland: ein geschändeter jüdischer Friedhof im Landkreis Lörrach. Deutsche Juden sehen Antisemitismus als das größte aktuelle Problem unserer Gesellschaft an.

(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Die EU hat Juden in acht europäischen Ländern zu ihren Erfahrungen mit Diskriminierung befragt. Die Ergebnisse sind beunruhigend. In Deutschland hält die Mehrheit der befragten Juden Antisemitismus sogar für das größte gesellschaftliche Problem - so viele Befragte wie nirgendwo sonst.

Von Isabel Pfaff

Hass und Gewalt gegenüber Juden sind ein altes Problem - und gleichzeitig ein sehr aktuelles. Das zeigt eine Studie der EU-Agentur für Grundrechte (FRA), die deren Direktor am heutigen Freitag in Wien vorgestellt hat. Der Tag ist bedeutsam, denn am morgigen Samstag jährt sich zum 75. Mal die Reichspogromnacht, in der am 9. November 1938 zahllose Juden in Deutschland verhaftet und ermordet, ihre Häuser, Geschäfte und Synagogen zerstört wurden.

75 Jahre später gibt die Mehrheit der knapp 6000 Befragten an, dass sie Antisemitismus als großes Problem in ihrem Land empfinden. Deutschland ist das einzige Land, in dem die befragten Juden Antisemitismus sogar als das größte aller aktuellen gesellschaftlichen Probleme erachten.

Die Studie nimmt jene acht EU-Länder in den Blick, in denen Experten zufolge 90 Prozent der europäischen Juden leben. Dazu zählen, neben Deutschland auch Belgien, Frankreich, Ungarn, Italien, Lettland, Schweden und Großbritannien. Zum ersten Mal, sagte FRA-Direktor Morten Kjærum, erhebe eine Studie die Meinungen von Juden selbst, zum Beispiel zu ihren Erfahrungen mit Diskriminierung, Belästigung und körperlichen Angriffen. Befragt wurden Menschen ab 16 Jahren, die sich selbst als Juden sehen. Die Agentur bezeichnet ihre Untersuchung aber als nicht repräsentativ. "Über Tendenzen wird man erst sprechen können, wenn wir diese Studie wiederholen und vergleichen können, wie sich die Lage geändert hat", sagte FRA-Direktor Kjærum der Jüdischen Allgemeinen am Donnerstag.

Die Online-Befragung der Agentur zeigt, dass es zwischen den Ländern große Unterschiede gibt. Vor allem Ungarn, Belgien und Frankreich stechen häufig negativ heraus. Deutschland befindet sich bei den meisten Themenblöcken im Mittelfeld.

Die Ergebnisse im Überblick:

  • Zwei Drittel der befragten Juden finden, dass Antisemitismus ein großes Problem in ihrem Land darstelle. Deutsche Juden sehen Antisemitismus sogar als das größte Problem - vor anderen Gefahren wie Arbeitslosigkeit, Rassismus oder Kriminalität. In allen anderen Ländern besetzt Arbeitslosigkeit den Spitzenplatz unter den drängenden Problemen der Gesellschaft.
  • Etwa drei Viertel der Befragten beklagen, dass sich die Diskriminierung von Juden in den vergangenen fünf Jahren deutlich verschlimmert habe. Das glauben 74 Prozent der französischen Juden - der höchste Wert -, während in Lettland nur neun Prozent dieser Ansicht sind.
  • 21 Prozent der Befragten geben an, dass sie in den zwölf Monaten vor der Erhebung antijüdische Vorfälle wie Beschimpfung, Belästigung oder körperliche Angriffe erlebt haben. Hier ist Ungarn an oberster Stelle: 30 Prozent haben in dem Land selbst Vorfälle erlitten, sogar 43 Prozent haben Vorfälle beobachtet. In Deutschland haben 16 Prozent der Befragten verbale oder physische Angriffe erlebt. Was besonders schwer wiegt: 76 Prozent der europäischen Juden, die solche Attacken erlebt haben, haben sie nicht bei der Polizei oder anderen Organisationen gemeldet.
  • In Ungarn, Belgien und Frankreich scheint die Situation für Juden besonders schlimm zu sein. Dort fühlen sich verhältnismäßig viele der Befragten nicht sicher in ihrer Alltagsumgebung: mehr als 40 Prozent in Belgien und Ungarn, 35 Prozent in Frankreich. Aus Sicherheitsgründen haben in Ungarn schon 48 Prozent der Befragten an Auswanderung gedacht, in Frankreich 46 und in Belgien 40 Prozent. Die Zahlen der erlebten oder beobachteten antisemitischen Vorfälle in diesen Ländern decken sich mit dem Gefühl vieler Juden, dort nicht sicher zu sein. Auch in Deutschland hat jeder vierte Befragte schon einmal an Auswanderung gedacht. Relativ sicher fühlen sich Juden in Großbritannien und Schweden.
  • Drei von vier Befragten halten das Internet als Plattform für Antisemitismus für immer bedeutender. Bei diesem Thema sind die Werte in allen Ländern sehr hoch, vom Spitzenreiter Belgien bis hin zu Lettland: 85 Prozent der belgischen Juden halten antisemitische Äußerungen im Netz für ein sehr großes Problem, genau wie 52 Prozent der Letten.

Die FRA beklagt in ihrem Bericht, dass nur wenige EU-Mitgliedstaaten antisemitische Vorfälle offiziell erfassen - nur 13 von 28. Die Agentur fordert deshalb von allen Mitgliedsländern, die Grundrechtsverletzungen an Jüdinnen und Juden aufzuzeichnen. Nur dann könne man den Hass auf Juden in Europa bekämpfen.

Angesichts der großen Sorge vieler Juden über Antisemitismus im Internet müssten EU-Staaten besondere Polizeieinheiten einrichten, um gegen antijüdische Äußerungen und Vorfälle effektiver vorgehen zu können.

Mit Material von dpa.