Serbien Zwischen Müll und bröckelnden Mauern

Lange war Serbien für Flüchtende nur ein Durchgangsland. Doch die Zahl der Gestrandeten steigt, die Sorge vor einem Slum der Heimatlosen mitten in Europa wächst.

Von Nadia Pantel, Belgrad

Der Junge mit der Pudelmütze kennt die Regeln. Würfeln und dann mit dem blauen Stein vorrücken. Drei Felder zurück, wenn er auf das Stacheldrahtsymbol kommt, und ohne Würfeln weiter bis Belgrad, wenn er das Taxi-Aktionsfeld erwischt. Wer zuerst am oberen Spielfeldrand bei dem Schriftzug Subotica ankommt, hat gewonnen. Gleich hinter Subotica liegt das EU-Land Ungarn. Der Junge mit der Pudelmütze verliert, sein Gegenüber in Daunenjacke ist jubelnd an ihm vorbeigezogen. "Noch mal?", fragt einer, die anderen nicken.

In der Kinderecke des Infocenters für Flüchtlinge in Belgrad ist das beliebteste Spiel eine selbstgebastelte Pappkarte von Serbien, die aus der Flucht eine Art Monopoly macht. Die vier Jungs, die gerade spielen, sind zwischen zwölf und 16 Jahren alt. Vor ein paar Monaten haben sie ihre Heimat Afghanistan verlassen. Alleine, ohne Eltern. Ihr Ziel? Deutschland, zur Schule gehen, einen Job finden, Geld nach Hause schicken. Ihr Alltag? Warten. Und manchmal im Infocenter mit Buntstiften für die Sozialpädagogen ihre Reise nachzeichnen.

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Täglich dürfen nur fünf bis zehn Flüchtlinge die Grenze nach Ungarn passieren

Die Pappversion der Flucht und die reale Flucht ähneln sich insofern, als es bei beiden in erster Linie Glück braucht, um ans Ziel zu kommen. Doch sie unterscheiden sich in einem zentralen Punkt: Beim Würfeln sind die Regeln klar und verständlich. Bei der realen Flucht ändern sich die Regeln in jedem Land, und nie sind sie für alle gleich. Um das Brettspiel näher ans echte Leben zu rücken, bräuchte es die Aktionskarte "Schleuser", die nur ziehen darf, wer außer Geld nicht viel zu verlieren hat.

Als die sogenannte Balkanroute im März 2016 unter Federführung Österreichs für geschlossen erklärt wurde, hielten sich gut 2000 Flüchtlinge in Serbien auf. Ein knappes Jahr später ist ihre Zahl auf 7500 gestiegen. Manche Hilfsorganisationen vermuten, dass sich eher 10 000 Geflüchtete im Land aufhalten. Die Strecke über die Türkei, Griechenland, Mazedonien oder Bulgarien, Serbien, Ungarn und Österreich ist immer noch der wichtigste Fluchtweg aus dem Irak und Afghanistan.

Die meisten aber gelangen inzwischen nicht mehr über Serbien hinaus. Zwischen fünf und zehn Flüchtende lassen die ungarischen Grenzer täglich, von Montag bis Freitag, einreisen. Wer darauf wartet, wartet in Belgrad; stecken geblieben auf dem Weg aus dem armen Teil der Europäischen Union (Griechenland, Bulgarien) in den reichen Teil (Österreich, Deutschland). Immerhin steht hier, in diesem übrig gebliebenen Zipfel Europas, der nicht zur EU gehört, kein Zaun an der Grenze.

Gleich hinter dem Belgrader Hauptbahnhof, in ein paar leer stehenden Eisenbahndepots, wirkt dieses Ausharren so, als hätte es ein Hollywood-Regisseur für einen Endzeitfilm inszeniert. Bei den ersten paar Schritten in der Lagerhalle ist kaum etwas zu erkennen. Ein wenig Licht fällt durch zerbrochene Fenster und färbt den Rauch gelblich, der von kleinen Feuern aufsteigt. Menschen verbrennen Plastiktüten, Autoreifen und was sonst noch die Atemwege verätzt. Entlang der Wände stapeln sich graue Decken. Nur das ständige Husten deutet darauf hin, dass darunter Menschen liegen.

Mehr als tausend Männer hausen hier zwischen Müll und bröckelnden Mauern. Dieser Ort ist so spektakulär elend, dass er seit ein paar Wochen Kamerateams aus der ganzen Welt anzieht. Zwei Flüchtlingshelfer unterhalten sich, sie blicken auf das Feuer, an dem ein paar Männer in alten Ölfässern Schnee schmelzen, um sich zu waschen. "Warst du in Calais, im Dschungel?", fragt die Serbin, die in der Kinderbetreuung arbeitet. "Ja", sagt der Engländer, der gerade ein improvisiertes Klo auf einer Abfallhalde gezimmert hat. "Und wo war's schlimmer?" "Hier, glaube ich."

Um einen qualmenden Holzscheit sitzen fünf Männer. Ob sie nicht in eines der offiziellen Lager der Regierung gehen wollen? "Nein" - einer lacht und winkt ab, morgen will er zur ungarischen Grenze, "zum fünften Mal". Beim letzten Mal haben die Polizeihunde einem Freund ins Bein gebissen. Hat er keine Angst? "Wir sind Afghanen, wir haben Schlimmeres gesehen."

Die serbische Regierung betont, dass die Menschen freiwillig im Schmutz frieren. Wer wolle, bekomme ein Bett und warmes Essen. Das ist halb wahr und halb gelogen.