Prozess in Brüssel Tausendundeine Hölle

Eines der Opfer (Mitte) betritt den Gerichtssaal im sogenannten Conrad-Prinzessinnen-Prozess in Brüssel.

(Foto: AFP)
  • In Brüssel hat ein Prozess gegen acht arabische Prinzessinnen aus der Familie des Emirs Muhammed bin Khalid Al-Nahyan begonnen.
  • Die Frauen sollen im Sommer 2008 in einem Brüsseler Luxushotel monatelang ihre Angestellten eingesperrt, gequält und erniedrigt haben. Die belgische Polizei befreite 17 Frauen.
  • Die Vereinigten Arabischen Emirate wollten den Prozess verhindern - es geht auch um den Ruf der Herrscherfamilie.
Von Thomas Kirchner, Brüssel

Die belgische Hauptstadt hat zwei Fünf-Sterne-Hotels. Im einen übernachtet Angela Merkel, wenn sie nach Brüssel kommt. Im anderen, es hieß damals "Conrad", heute "Steigenberger", wohnten im Sommer 2008 mehrere Monate lang acht Prinzessinnen aus Abu Dhabi, auf einer ganzen Etage mit 54 Zimmern.

Während eine von ihnen eine Fruchtbarkeitsbehandlung in einem Krankenhaus erhielt, shoppten die anderen und vergnügten sich. Ihren Bediensteten ging es weniger gut. Sie sollen die ganze Zeit über eingesperrt, ausgebeutet, erniedrigt und misshandelt worden sein - moderne Sklaverei, mitten in Europa. Vor der Brüsseler Strafkammer begann am Donnerstag, nach jahrelangem juristischen Hin und Her, der Prozess gegen die arabischen Gäste. Das Urteil fällt wahrscheinlich erst in einigen Monaten.

Immer mehr Frauen in arabischen Ländern lassen sich scheiden

Selbst im ultrakonservativen Saudi-Arabien trennen sich mittlerweile 30 Prozent der Ehepaare. Über das Zusammenstoßen von traditionellen Geschlechterbildern und aufgeklärten Vorstellungen. mehr ...

40 Polizisten stürmten die Hotelzimmer

Die belgische Öffentlichkeit war schockiert damals. Ans Licht kamen die Vorwürfe nur, weil eine der 23 Bediensteten geflohen war, sich zunächst versteckt und dann einem Anwalt anvertraut hatte. Eine andere Angestellte, die ebenfalls die Flucht ergriffen hatte, wurde von Leibwächtern der Prinzessinnen am Brüsseler Flughafen gefasst und nach Aussage von Anwälten zur Strafe drei Tage lang ohne Nahrung in ein Zimmer gesperrt. Schließlich stürmten 40 Polizisten den vierten Stock des "Conrad" und befreiten 17 Angestellte. Elf von ihnen entschieden sich, Anzeige zu erstatten. Sie werden von belgischen Opfervereinigungen unterstützt und haben auch staatliche Hilfe erhalten.

Aus ihren Befragungen, Aussagen eines Opfers vor Gericht und den Schilderungen der Anwälte lassen sich die erstaunlichen Zustände im "Conrad" rekonstruieren. Demnach hatten die jungen Frauen keinerlei geregelte Arbeitszeit, sondern mussten sieben Tage die Woche jeweils 24 Stunden bereitstehen, ihren Herrinnen oder deren kleinen Kindern jeglichen Wunsch zu erfüllen - je nachdem, wann diese gerade wach waren. Gerne wurde mitten in der Nacht nach Tee verlangt. Die Mädchen hatten vor den Zimmern der Prinzessinnen auf Befehle zu warten. Normaler Schlaf war unmöglich, manche mussten auf den Gängen ruhen oder abwechselnd auf einer der wenigen Matratzen. Verbale Gewalt war die Regel, die Dienerinnen wurden als "Hündin", "Nutte" oder "Kuh" beschimpft und lebten in ständiger Angst vor Repressalien.

Monatslohn: 150 bis 500 Euro

Weil sie aus ärmsten Familien und acht verschiedenen Ländern kamen - unter anderem aus Marokko, Tunesien, Ägypten, dem Sudan, Indien und den Philippinen -, konnten sie sich untereinander kaum verständigen. Den Pass hatte man ihnen abgenommen und die Sim-Karten auch. Der Monatslohn: 150 bis 500 Euro.

Ein Anwalt sprach von moralischen, psychischen und physischen Schäden, die seine Mandantinnen erlitten hätten; sie seien "wie Objekte" benutzt worden. "Würden wir uns wünschen, dass unsere eigenen Töchter, etwa bei einem Studentenjob, in solche Umstände geraten?"

Die Anwälte fordern wegen Freiheitsberaubung, unmenschlicher Behandlung und Ausbeutung 2500 Euro Schadenersatz pro Opfer, vor allem aber zum Teil sechsstellige Summen als Ausgleich für entgangenes Gehalt. In einem Fall nannte eine Anwältin 467 600 Euro, die nach belgischem Recht für den monatelangen Frondienst mindestens fällig gewesen wären. Theoretisch möglich wären auch fünf Jahre Haft, die vermutlich auf Bewährung ausgesprochen würde.