Olympia in Hamburg Kernbotschaft: Sexuelle Vielfalt

Bunte Spiele: Die Hamburger Grünen werben für schwulen- und lesbenfreundlichen Spitzensport.

(Foto: Getty)

Die Grünen wollen eine Initiative gegen Homophobie in den Mittelpunkt der Hamburger Olympia-Bewerbung stellen. Kann das die Chancen der Stadt vor der Volksabstimmung erhöhen?

Von Thomas Hahn

Der Brite Tom Bosworth aus Leeds mag die Aufmerksamkeit, die er jetzt bekommt, aber er findet sie auch seltsam. Im August hat er etwas geschafft, was nur ganz wenige Menschen schaffen. Er ist als Geher bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Peking gestartet und hat dort im Rennen über 20 Kilometer den 24. Platz belegt. Dicke Schlagzeilen hat er damit nicht gemacht, die Leistung brachte ihm auch keine Einladung zu einer Podiumsdiskussion im Ausland.

Aber dann hat Tom Bosworth etwas getan, das im Grunde jeder tun könnte. Er hat sich öffentlich zu seiner Liebesbeziehung bekannt. Damit machte er Schlagzeilen, die groß genug waren, um die Grünen in Hamburg auf ihn aufmerksam zu machen. Er bekam eine Einladung in die Hansestadt zu einer politischen Podiumsdiskussion im Rahmen der örtlichen Olympia-Bewerbung mit dem Titel "Gay Olympia - wie queer werden die Spiele".

"Immer noch eine Nachricht"

Die Liebesbeziehung, über die Tom Bosworth Mitte Oktober in einem BBC-Interview gesprochen hatte, hat er nämlich mit einem Mann, und er muss selbst zugestehen, dass man damit auffällt in seiner Berufsgruppe. "Darüber als Spitzensportler zu sprechen, ist immer noch eine Nachricht. Leider."

Am 29. November findet der Volksentscheid statt, bei dem Hamburg darüber abstimmt, ob die Stadt sich für die Olympischen und Paralympischen Spiele 2024 bewerben soll. Ja- und Nein-Sager führen deshalb in diesen Tagen einen kleinen Wahlkampf auf mit Plakaten und Veranstaltungen. Und die Grünen machen natürlich mit, wobei die Spiele-Frage gerade sie vor ein Dilemma stellt.

Einerseits können sie schlecht dagegen sein als Teil der Regierungskoalition unter SPD-Bürgermeister Olaf Scholz. Andererseits gehört eine gewisse Kommerzsport-Skepsis zum grünen Selbstverständnis einfach dazu - zumal das Internationale Olympische Komitee (IOC) bei Menschenrechtsfragen und Umweltschutz oft keine gute Figur macht.

Sexuelle Vielfalt als Kernbotschaft der Bewerbung

Themen fürs grüne Gewissen sind also gefragt, und der Umgang des Spitzensports mit der sexuellen Orientierung seiner Athleten ist so ein Thema. Deshalb hatten die Grünen am Dienstagabend unter anderem Tom Bosworth zum Gespräch geladen - als Zeitzeugen eines Gewerbes, in dem sich erst allmählich herumspricht, dass gleichgeschlechtliche Liebe nichts Falsches ist.

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Hamburgs Olympia-Betreiber lassen schon die ganze Zeit durchblicken, dass sie sich als Könige der Nachhaltigkeit sehen. Die Grünen wollen den Eindruck noch schärfen. Sie wollen sexuelle Vielfalt zu einer Kernbotschaft der Bewerbung machen. "Ich habe den Eindruck, dass wir da richtig punkten können", sagt Katharina Fegebank, Hamburgs grüne Senatorin für Gleichstellung.

Martin Dolzer, queerpolitischer Sprecher der Hamburger Linken-Fraktion, fand nicht überzeugend, dass die Grünen das Coming-out des Briten Bosworth in ihre Olympia-Kampagne einbanden. "Frau Fegebank ist es offensichtlich nicht einmal peinlich, diesen wichtigen persönlichen Schritt zu instrumentalisieren, um für das IOC-Spektakel Werbung zu machen", sagte er. Und möglicherweise ist es auch etwas naiv zu glauben, dass sich die konservativen IOC-Funktionäre aus aller Welt umgehend für Hamburgs Bekenntnis zur Gleichstellung begeistern werden.