Naturkatastrophe Schweres Erdbeben erschüttert Türkei

Bei einem Erdbeben im Osten der Türkei sind fast 60 Menschen ums Leben gekommen - darunter viele Kinder. Experten sprechen von einer Katastrophe mit Ansage.

Bei einem schweren Erdbeben im Osten der Türkei sind 57 Menschen ums Leben gekommen. Mindestens 100 weitere seien verletzt worden, teilte das Krisenzentrum in Ankara mit. Es wurde erwartet, dass die Zahl der Opfer noch steigt. Rettungsmannschaften und Helfer suchten am Vormittag in den Trümmern nach Opfer des Bebens. Unter den Toten sind auch zahlreiche Kinder.

Das Beben in der ostanatolischen Provinz Elazig rund 550 Kilometer östlich von Ankara erreichte den Angaben zufolge die Stärke 6,0. Häuser und die Minarette einiger Moscheen stürzten ein. In der Region rannten die Menschen in Panik ins Freie und verbrachten die Nacht aus Angst vor weiteren Beben im Freien. Rettungsmannschaften versuchten am Montag, Verschüttete zu retten.

"Hier ist nicht ein Stein auf dem anderen geblieben"

Das Epizentrum des Bebens lag bei der Stadt Karakocan. Besonders betroffen seien die Ortschaften Okcular, Yukari Kanatli und Kayali, teilte das Krisenzentrum mit. "Das Dorf ist vollkommen zerstört", sagte der Gemeindevorsteher von Okcular, Hasan Demirdag, dem Fernsehsender NTV. Ähnliche Berichte gab es auch aus dem Dorf Yukari Kanatli: "Hier ist nicht ein Stein auf dem anderen geblieben", sagte Gemeindevorsteher Yadin Apaydin.

Das Beben ereignete sich am frühen Montagmorgen. Später folgten etwa 27 Nachbeben mit einer Stärke von bis zu 4,1. Das Zentrum lag in der Nähe des Dorfes Basyurt.

Vor allem ältere, aus Lehm und Steinen gebaute Wohnhäuser wurden zerstört. Fernsehbilder zeigten Trümmerhaufen und umgestürzte Wände, die unter den Dächern zusammengefallen waren. "An den aus Zement gebauten Häusern gibt es nur geringe Schäden", sagte der Provinzgouverneur Muammer Erol.

Der türkische Rote Halbmond richtete ein Krisenzentrum ein. Die Bewohner zerstörter Häuser sollen zunächst in Containern untergebracht werden.

Der Osten der Türkei wurde zuletzt 2003 von einem schweren Erdbeben erschüttert. Damals wurde ein Schulwohnheim in der Provinz Bingöl zerstört, 83 Kinder wurden bei dem Unglück getötet. Bei zwei heftigen Beben im Nordwesten des Landes kamen im August und im November 1999 etwa 20.000 Menschen ums Leben.

Unterschätzte Gefahr

Die Türkei liegt in einer erdbebengefährdeten Zone und wird regelmäßig von Erdstößen erschüttert, weil dort die Kontinentalplatten Afrikas und Eurasiens kollidieren. Das jüngste Beben ereignete sich in einem Gebiet, in dem die Nordanatolische und die Ostanatolische Verwerfung tektonische Verschiebungen und Spannungen erzeugen.

Fachleute wie der selbst aus der Unglücksprovinz Elazig stammende Istanbuler Wissenschaftler Naci Görür kritisieren deshalb, dass die Behörden und die Einwohner selbst nicht mehr getan haben, um die Folgen möglicher Erdbeben in der Region zu minimieren. Dass die Gegend um Elazig ganz besonders bebengefährdet ist, sei erst bei kürzlichen Informationsveranstaltungen in der Region thematisiert worden, sagt Görür im Fernsehen. "Aber unsere Bevölkerung und unsere Behörden nehmen die Warnungen nicht ernst."

Das betrifft vor allem die in der ganzen Türkei anzutreffende Nachlässigkeit bei der Errichtung erdbebenfester Häuser. Bei einem Beben der Stärke 6,0 muss in einem so an Erdbeben gewöhnten Land wie der Türkei eigentlich kein Wohnhaus einstürzen. Das zeigt das Beispiel Japans, ein Land, in dem vergleichbare Beben kaum Schäden verursachen.

Ahmet Mete Isikara, der bekannteste Erdbebenexperte der Türkei, fordert von seinen Landsleuten ein grundlegendes Umdenken. Schließlich ist fast das gesamte Staatsgebiet erdbebengefährdet: "Wir müssen lernen, mit Erdbeben zu leben", sagt Isikara der Internetausgabe der Zeitung Sabah. Zu diesem Lernprozess gehöre eine ebenso einfache wie wichtige Lektion, fügt der Forscher hinzu: "Nicht das Beben tötet - einstürzende Häuser töten."

Im Video: Bei einem schweren Erdbeben im Osten der Türkei sind viele Menschen getötet oder verletzt worden.

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