Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche Der Papst greift durch

Papst Franziskus auf dem Petersplatz in Rom

(Foto: dpa)
  • Im Zuge des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche in Chile haben alle 34 Bischöfe des Landes ihren Rücktritt angeboten.
  • Papst Franziskus muss nun entscheiden, ob er sie alle annimmt oder einzelne herauspickt; dass er alle ablehnt, gilt als unwahrscheinlich.
  • Franziskus war zuvor selbst in die Kritik geraten, weil er die Missbrauchsvorwürfe zunächst nicht ernst genommen hatte.
Von Boris Herrmann, Rio de Janeiro, und Oliver Meiler, Rom

Ein Massenrücktritt als Exempel? Nach mehrtägigem Krisengipfel im Vatikan haben 34 Bischöfe aus Chile dem Papst ihre Demission angeboten. "Wir alle in Rom anwesenden Bischöfe", heißt es in einer Verlautbarung, "haben unsere Ämter in die Hände des Heiligen Vaters gelegt, damit er frei über jeden von uns entscheiden kann." Der Papst hatte die Bischöfe nach Rom zitiert wegen eines großen Pädophilie-Skandals und dessen Vertuschung in der chilenischen Kirche. Nun liegt es an ihm: Er kann alle Rücktritte annehmen oder nur einige herauspicken. Eher unwahrscheinlich ist es, dass er sie alle zurückweist.

Als Hinweis könnte der Inhalt eines vertraulichen Schreibens des Papstes dienen, das auf noch ungeklärtem Weg zum chilenischen Fernsehsender Canal 13 gelangt war und dessen Inhalt mittlerweile vom Vatikan bestätigt wurde. Aus dem Brief, den er den Bischöfen bei ihrer Ankunft im Vatikan zur Meditation unterbreitet hatte, geht hervor, dass der Papst deutliche Signale erwartete. Es reiche nicht aus, dass nur einzelne, konkrete Fälle behandelt und die betreffenden Personen entfernt würden. "Es muss noch mehr geschehen", so der Papst. Der ganze chilenische Klerus sei verantwortlich für die schweren Versäumnisse im Umgang mit den Tätern und für den Vertrauensverlust, den die katholische Kirche deshalb erlitten habe.

Der Brief eines Opfers brachte plötzlich Franziskus selbst in Bedrängnis

Der Fall ist für den Vatikan von höchster Brisanz, den spätestens mit seiner Chilereise im Januar war diese Vertrauenskrise auch direkt beim Papst angekommen. Franziskus hatte damals ganz allgemein um Vergebung für den Kindesmissbrauch durch Geistliche gebeten. Zugleich nahm er jedoch den Hauptbeschuldigten, Bischof Juan Barros von Osorno, in Schutz. Es handle sich bei den Vorwürfen um Verleumdungen, Beweise gebe keine. Franziskus sagte auch, es hätten sich keine Missbrauchsopfer aus Chile bei ihm gemeldet.

Alle chilenischen Bischöfe reichen Rücktritt ein

Zuvor hatte Papst Franziskus den Geistlichen schwere Verfehlungen im Umgang mit sexuellem Missbrauch von Kindern vorgeworfen. In einem vertraulichen Schreiben zeigt er sich fassungslos. mehr ...

In diesem Moment ging Juan Carlos Cruz mit einem Brief an die Öffentlichkeit, den er bereits im März 2015 an seinen "lieben Heiligen Vater Franziskus" adressiert hatte. In dem achtseitigen Schreiben beschrieb er damals detailliert, wie er als Jugendlicher von dem chilenischen Priester Fernando Karadima sexuell missbraucht worden war. Darüber hinaus belastete er den von Franziskus eingesetzten und protegierten Bischof Barros schwer. Der sei "unzählige Male" dabei gewesen, als Karadima Minderjährige berührt habe; seither versuche er, alles zu vertuschen. Der heute 87 Jahre alte Karadima wurde 2011 vom Vatikan abgesetzt. Die Mitwisser blieben aber in Amt und Würden. Cruz sprach gegenüber der SZ von einem "Schweigekartell".

Franziskus stand nach diesem Chilebesuch selbst als Vertuscher da. Der Fall sorgte plötzlich weit über das Land hinaus für Aufregung, er schien den Ruf eines Papstes zu zerstören, der bisher mit den Sünden der Kirche anders umgegangen war als seine Vorgänger. Schon auf der Rückreise nach Rom soll Franziskus gegenüber Journalisten seinen Fehler zugegeben haben. Wenig später, nach dem Bericht eines vatikanischen Sonderbeauftragten, tat er dies auch öffentlich. Und zwar ohne Wenn und Aber. Das war immerhin schon einmal ein neuer Tonfall.

"Nie habe ich jemanden so voller Reue gesehen"

Anfang Mai lud Franziskus dann erstmals auch Cruz und zwei andere bekannte Missbrauchsopfer nach Rom ein, um sich bei ihnen zu entschuldigen. Beherbergt wurden sie im Gästehaus Santa Marta im Vatikan, wo der Papst auch selbst wohnt. Die Bischöfe aus Chile hingegen wurden in einer einfachen Herberge an der römischen Peripherie einquartiert. Von manchen seiner Mitarbeiter ist der Papst auch persönlich enttäuscht, weil sie ihn vor seiner Chilereise nicht gebührend informiert haben sollen über den Skandal.

Für die Gespräche mit den Opfern nahm er sich erstaunlich viel Zeit. Franziskus soll sich dabei auch als "Teil des Problems" bezeichnet haben. Cruz sagte im Anschluss: "Nie habe ich jemanden so voller Reue gesehen." Offen blieb zunächst, was mit den Tätern geschehen würde. Auf die "liebenden Worte" müssten auch "exemplarische Taten" folgen, forderten die Opfer. Der kollektive Rücktritt der chilenischen Bischöfe ist ein starkes Signal dafür, dass Franziskus nun zur Tat schreitet.

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