Medizinskandal Skrupellose Geschäfte mit gepanschten Krebsmedikamenten

Er ist angeklagt, weil er lebenswichtige Krebsmedikamente aus Geldgier verdünnt haben soll: Peter S., Apotheker aus Bottrop.

(Foto: dpa)
  • Ein Apotheker aus Bottrop soll in großem Stil Krebsmedikamente gepanscht haben.
  • Mehrere Patienten, die von der Apotheke beliefert wurden, sind inzwischen gestorben.
  • Vor dem Landgericht in Essen muss der 47-Jährige sich wegen Betrugs und Körperverletzung verantworten. Doch einige Anwälte der betroffenen Patienten wollen eine Verurteilung wegen Totschlags oder sogar wegen Mordes erreichen.
Von Christian Wernicke, Essen

Peter S. weicht den Blicken seiner Opfer nicht aus. Immer wieder starrt der Bottroper Apotheker von seinem Platz auf der Anklagebank in Saal 101 des Essener Landgerichtes die vier Frauen an, die ihm gegenüber sitzen. "Der hat mich regelrecht fixiert", sagt Christine Piontek in einer Prozesspause und grinst: "Aber wir haben's ausgehalten. Schließlich haben wir schon ganz andere Dinge durchgestanden."

Monatelang hatte die heute 50-jährige Heilerzieherin Medikamente aus der "Alten Apotheke" von Peter S. bezogen, nachdem sie 2014 an Brustkrebs erkrankt war und sich einer Chemotherapie unterziehen musste. Heute ist sich Piontek sicher, dass die Infusionen wirkungslos waren: "Der hat doch im Akkord gepanscht." Piontek ist einerseits stolz, dass am Montag das Strafverfahren gegen den 47-jährigen Peter S. begonnen hat. "Das", so glaubt sie", liegt auch daran, dass wir Opfer um diesen Prozess gekämpft haben." Andererseits jedoch ist sie empört, dass die Strafsache vor einer auf Wirtschaftsdelikte spezialisierten Kammer gelandet ist: Die 820 Seiten lange Anklage zielt vor allem auf Betrug - "aber hier geht es doch um Menschen", sagt Piontek. Fünf von zehn Leidensgenossinnen, mit denen sie vor drei Jahren den Kampf gegen den Krebs aufnahm, seien inzwischen tot.

Panscherei mit System

Ein Apotheker in Bottrop soll in 60 000 Fällen Krebsmedikamente gepanscht und so mit dem Leben von Patienten gespielt haben. Der Fall offenbart schwere Mängel bei der Überwachung von Arzneimitteln. Kommentar von Werner Bartens mehr ...

Gleich drei Anwälte von Nebenklägern, von betroffenen Krebspatienten oder deren Hinterbliebenen also, haben deshalb am Montag beantragt, den Prozess an ein Schwurgericht zu überweisen. Sie wollen den Apotheker wegen der Tötung von Menschen angeklagt sehen. Anwalt Aykan Akyildiz spricht sogar von Mord: Peter S. habe ahnungslosen Patienten wirkungslose Medikamente verabreicht - "da ist die Schwelle zur Heimtücke schnell erreicht." Die Sitzung wurde unterbrochen, noch am Nachmittag prüfte das Gericht die Anträge.

Es ist einer der größten Medizinskandale in der bundesdeutschen Geschichte, der in Essen aufgearbeitet wird. In 61 980 Fällen soll Peter S. gegen das Arzneimittelgesetz verstoßen haben. Die Staatsanwaltschaft und inzwischen 18 Nebenkläger werfen S. vor, 35 verschiedene Krebsmedikamente - sogenannte Zytostatika - massenhaft gestreckt, also weit niedriger als angegeben dosiert zu haben. Die enorm teuren Wirkstoffe haben alle ein Ziel: das Wuchern der Krebszellen einzudämmen - und Leben zu retten.

Peter S. war also Herr über die Gesundheit der Opfer. Und er soll, so die Anklage, mit dem Leben dieser Patienten gespielt haben. Aus Profitsucht, aus Geldgier. Mal um ein Drittel, mal um 90 Prozent soll er die Wirkstoffe verdünnt haben, die er in Infusionsbeuteln (für die Chemotherapie) oder in Spritzen (für die Behandlung mit Antikörpern) auslieferte. Manchmal fand sich auch nur Kochsalzlösung im Beutel. Der Schaden ist weit gestreut: Die "Alte Apotheke", seit vier Generationen im Familienbesitz, belieferte von Januar 2012 bis November 2016 mindestens 38 verschiedene Praxen und Kliniken. Die gepanschten Präparate aus Bottrop, so die Erkenntnisse der Staatsanwaltschaft, gingen an 4600 Patienten in sechs Bundesländern. Den Gesamtschaden schätzt die Anklage auf 56 Millionen Euro, von Peter S. penibel saldiert in 59 Monatsabrechnungen gegenüber 128 Krankenkassen und Berufsgenossenschaften. Mutmaßlicher Reingewinn des Apothekers: 2,5 Millionen Euro.

Der Tumor wuchs ungebremst

Am Montag tauchen diese Abrechnungen nun wieder auf - als 59-facher Vorwurf des gewerbsmäßigen Betrugs, verlesen von Staatsanwalt Rudolf Jakubowski. Allein dafür drohen Peter S. zehn Jahre Haft. Nur, wegen Mordes, Totschlags oder auch nur fahrlässiger Tötung muss sich der Angeklagte eben nicht verantworten: Den eindeutigen Beweis, dass ein Patient infolge verdünnter Anti-Krebs-Medikamente aus Bottrop verstarb, glaubt Jakubowski nicht erbringen zu können.

Was es gibt, sind unzählige Indizien. Und viele Schicksale, wie sie etwa Annelie Scholz erzählt: Ihre krebskranke Tochter Nicole A. erhielt ihre Arzneien aus der Bottroper Apotheke. Doch die Medizin zeigte keinerlei Wirkung, der Tumor wuchs ungebremst. Als vor knapp einem Jahr der Skandal ans Licht kam und die Polizei Peter S. festnahm, hörte Nicole S. die Nachricht im Radio. Annelie Scholz erinnert sich, wie ihre Tochter in Tränen ausbrach, "Mama, ich krieg doch auch meine Medikamente von dem..." Drei Wochen später erlag Nicole A. ihrer Krankheit. Ihre Tochter Lara, 8, ist seither Halbwaise.

Der Fall des Peter S. erinnert an die düstere Story vom "Dritten Mann": In dem Schwarz-Weiß-Klassiker spielt der legendäre Orson Welles den skrupellosen Harry Lime, einen Schieber und Dealer, der in Wien kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs lebensrettendes Penicillin verpanscht und verhökert. Ist Peter S., dieser Biedermann und langjährige Mäzen des örtlichen Hospizes, so etwas wie der "dritte Mann" aus Bottrop?

Aufgeflogen, weil zwei Mitarbeiter Alarm schlugen

Der Fall von Bettina N. jedenfalls erhärtet diesen Verdacht. Die Krebspatientin, selbst Ärztin, bekam seit Sommer 2016 nacheinander verschiedene Therapiemittel aus der "Alten Apotheke". Doch ihr Tumor-Marker (Normalwert unter 35) stieg ungehemmt. "Ich glaub', ich krieg da nur Wasser", schwante ihr irgendwann. Im Interview mit dem ARD-Magazin Panorama hat sie nacherzählt, was bei den Untersuchungen herauskam. Ihr Tumor-Marker, dessen Normalwert bei unter 35 lag, stieg ungehemmt an, bis auf einen Wert von 12 000. Ihrer Familie habe sie damals gesagt: "Das wird das letzte Weihnachtsfest sein, das wir erleben." Bettina N. organisierte bereits ihre eigene Beerdigung - da flog Peter S. auf, und die Patientin erhielt ihre Immuntherapie von da an aus einer anderen Apotheke. "Drei Wochen später lag der Wert bei 6000 - bei der Hälfte", sagt sie heute. Bettina N. überlebte.

Bis heute weiß niemand genau, wem Peter S. wann welche Dosis zusammenmischte. Ob er vielleicht Kinder-Patienten schonte, ob er eher Frauen oder Männern die Zytostatika kürzte. Der Mann schweigt, auch am Montag vor Gericht.

Krebsmedikamente - Milliardensummen für wenig Wirkung

Die Pharmabranche rechtfertigt Mondpreise mit enormen Entwicklungskosten. Zurecht? Forscher haben jetzt nachgerechnet. Von Werner Bartens mehr ...

Aufgeflogen sind seine Machenschaften im Labor der "Alten Apotheke", weil zwei Mitarbeiter Alarm schlugen. Der Buchhalter Martin Porwoll begann nachzurechnen, was Peter S. einkaufte - und was er abrechnete. Für das Medikament Opdivo zum Beispiel fand er in den Büchern Bestellungen über 16 Gramm - aber Honorarforderungen für Arzneien mit 52 Gramm desselben Wirkstoffs. Ein Minus von 36 Gramm. Ähnliche Differenzen ergab die Gegenrechnung bei anderen Therapiemitteln. Am 15. September 2016 zeigte der Buchhalter seinen Chef an.

Die Verteidiger von Peters S. ließen zuletzt durchblicken, ihr Mandat S. habe sich mit Zukäufen auf dem schwarzen Markt eingedeckt. Also billiger, aber nicht weniger Wirkstoff? Gegen diese Version spricht, was Maria Klein, die zweite Kronzeugin der Anklage, aufdeckte. Der pharmazeutisch-technischen Assistentin war seit Langem zuwider, wie der Apotheker agierte: Er missachtete Hygienestandards, ging in Straßenkleidung und mit seinem geliebten Hund "Grace" ins eigentlich doch keimfreie Reinraum-Labor. Kurz nach Porwolls Strafanzeige half Maria Klein der Zufall: Eine Arztpraxis meldete, eine Patientin sei zu schwach für die Chemotherapie, man möge den Infusionsbeutel wieder abholen. Die Mitarbeiterin trug den Beutel zur Polizei, eine Analyse ergab: "keinerlei Wirkstoff".

Zweieinhalb Wochen später, am Morgen des 29. Novembers 2016, konfiszierte die Polizei bei einer Razzia im Labor 117 fertige Infusionsbeutel. 66 davon waren unterdosiert, 27 Beutel hatte Peter S. selbst angemischt. Juristisch hat das zwei Konsequenzen: Vor Gericht steht Peter S. am Montag auch wegen des 27-fachen Vorwurfs der Körperverletzung. Und die Staatsanwälte suchen seither jene Angestellten, die als Mittäter die übrigen Beutel abfüllten. Identifiziert oder gar angeklagt sind die Helfershelfer bisher nicht.

Derweil sind Menschen gestorben. Das Vertrauen der Opfer ist erschüttert, nicht nur gegenüber Ärzten und Apothekern, auch gegenüber der Stadt Bottrop. Peter S. galt als Gönner der Stadt. Der Millionär kaufte Immobilien im Zentrum, vermietete die Häuser an Ärzte. Er galt als Wohltäter. Dabei waren bereits 2013 erste Hinweise auf seine Machenschaften bei den Behörden eingegangen. Doch die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen schnell ein.

Inzwischen reagiert auch die Politik. Bisher nämlich sehen sich die mehr als 200 "Schwerpunkt-Apotheken", die bundesweit Anti-Krebs-Arzneien für hunderttausende Patienten mischen, höchst selten unangemeldeten Kontrollen ausgesetzt. Jede Pommes-Bude werde strenger überwacht, kritisieren Patientenverbände. Karl-Josef Laumann, Gesundheitsminister in Nordrhein-Westfalen, will das nun ändern. Der CDU-Politiker will das bundesdeutsche Arzneimittelgesetz verschärfen - und "dritten Männern" mit unverhofften Kontrollen im Labor schneller auf die Schliche kommen.

Ärzte warnen Krebspatienten vor Keto-Diäten

Ein Tumor braucht Glukose. Also einfach verzichten? Nein, sagen Experten - denn so leicht lassen sich entartete Zellen nicht besiegen. Von Kathrin Burger mehr...