Loveparade in Duisburg Zu wenig Ordner am Tunnel

Offenbar setzte der Veranstalter der Loveparade weniger Ordner als versprochen ein. Die Obduktionen zeigen unterdessen: Die Opfer starben nicht durch Stürze - sie wurden totgetrampelt.

Weniger Ordner als versprochen, Kritik der Polizei im Vorfeld und die Obduktionsergebnisse der Opfer: Immer mehr Details über die Katastrophe bei der Duisburger Loveparade werden bekannt. Und der Druck auf die Verantwortlichen steigt.

Die im Chaos zu Tode gekommenen Menschen wurden von den Massen erdrückt - das hat ihre Obduktion ergeben. "Alle 20 Todesopfer sind an einer Brustdruck-Kompression gestorben, an einer Brustquetschung", sagte die nordrhein-westfälische Ministerpräsident Hannelore Kraft in Düsseldorf. Damit hätten sich frühere Angaben, die Opfer seien durch Stürze von einer Treppe umgekommen, als falsch erwiesen. Die Ministerpräsidentin ging damit deutlich auf Distanz zu den örtlichen Verantwortlichen: "Wenn sie die Videosequenzen gesehen haben, ich zumindesten habe dort niemanden stürzen sehen. Das hat mich schon etwas gewundert." Offensichtlich sei keiner von der hohen Mauer gestürzt. "Das war ja die erste Aussage, die am Samstag kam", sagte Kraft.

Außerdem wurde bekannt, dass nach Einschätzung der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen der Veranstalter der Loveparade weniger eigene Ordnungskräfte eingesetzt hat als angekündigt. Innenminister Ralf Jäger (SPD) berichtete dem Kabinett nach Informationen der Süddeutschen Zeitung, der Veranstalter habe in seinem Sicherheitskonzept 150 Ordner für den Bereich der Rampe und der Zugangstunnel versprochen. Tatsächlich seien dann aber offenbar viel weniger Ordner eingesetzt worden, sagte Jäger. Außerdem habe der Veranstalter Vorschläge ignoriert, im Zugangsbereich eine Videoüberwachung zu installieren.

Am Samstag wird es in Duisburg eine Trauerfeier für die Opfer der Massenpanik geben, zu der sich auch Bundespräsident Christian Wulff und Bundeskanzlerin Angela Merkel angekündigt haben.

Trauerfeier ohne Sauerland

Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) will dagegen nicht an der Trauerfeier für die Todesopfer der Loveparade teilnehmen. Das bestätigte ein Sprecher der Duisburger Stadtverwaltung der Rheinischen Post. Sauerland wolle "die Gefühle der Angehörigen nicht verletzen und mit seiner Anwesenheit nicht provozieren", sagte der Sprecher.

Zuvor war bekannt geworden, dass es während der Planungsphase aus Reihen der Duisburger Polizei immer wieder Warnungen an die Verantwortlichen gegeben hat. "Die Polizei in Duisburg hat ihre Bedenken in mehreren Workshops und Besprechungen deutlich gemacht", sagte ein Beamter - doch der Veranstalter habe darauf nicht reagiert.

Vor allem der mittlerweile in Ruhestand gegangene Polizeipräsident Rolf Cebin hatte sich wegen Sicherheitsbedenken heftig gegen die Austragung der Loveparade gewandt. Daraufhin forderte der Duisburger CDU-Kreisvorsitzende und damalige Bundestagsabgeordnete Thomas Mahlberg nach SZ-Informationen in einem Brief an den seinerzeitigen FDP-Innenminister Ingo Wolf die Absetzung des Polizeipräsidenten. Das Schreiben aus dem Februar 2009 ist immer noch auf der Homepage der Duisburger CDU einsehbar.

Die "Bürde" eines streitlustigen Polizeichefs

"Die Duisburger Polizei ließ erklären, eklantante Sicherheitsmängel stünden der Durchführung der Loveparade entgegen. Eine Negativberichterstattung in der gesamten Republik ist die Folge", heißt es in der Mitteilung. "Der Eklat veranlasst mich zu der Bitte, Duisburg von einer schweren Bürde zu befreien und den personellen Neuanfang im Polizeipräsidium Duisburg zu wagen", schrieb der Christdemokrat Mahlberg.

Soweit kam es nicht: Der widerspenstige Polizeichef Cebin ging in Rente - und mit ihm verschwand einer der härtesten Gegner des Prestigeprojekts Loveparade.

Die Megaparty war auch nach dem Abgang Cebins keineswegs unumstritten. Doch Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) versprach sich wohl viel von dem weltbekannten Techno-Event, hoffte offenbar auf einen Publikumsmagneten - und war bereit, die Veranstaltung auch gegen Widerstände durchzudrücken.

Meldungen, wonach auch die Macher der Kulturhauptstadt "Ruhr.2010" Druck auf die Stadt Duisburg ausgeübt haben sollen, die Techno-Parade durchzuführen, wies deren Chef Fritz Pleitgen jedoch vehement zurück. Er habe zwar gesagt, dass die Techno-Parade "wünschenswert für die Metropole Ruhr" sei, sagte er der Frankfurter Rundschau. Jedoch habe er keinen Zwang ausgeübt. "In welcher Position bin ich denn! Sauerland und der Duisburger Stadtrat stehen doch nicht unter meiner Fuchtel."

Dabei werden drei Tage nach der tödlichen Massenpanik auf der Loveparade immer neue Details aus dem Vorfeld der Veranstaltung öffentlich, die kein gutes Licht auf die Organisatoren werfen. So berichtet die Kölnische Rundschau, Sauerland habe erst kurz vor Beginn der Loveparade um neun Uhr am Samstagmorgen die ordnungsbehördliche Erlaubnis für das Massenevent unterschrieben.

Im Widerspruch dazu steht ein Bericht der Bild-Zeitung, laut dem Sauerland in den Tagen vor der Loveparade nicht in Duisburg gewesen sei. Er soll mit seiner Familie im Urlaub in Österreich gewesen sein. Sauerland habe demnach auch nicht am Samstagmorgen vor der Veranstaltung die ordnungsbehördliche Erlaubnis für die Parade erteilt. Das habe die Verwaltung getan. Eine Stadtsprecherin erklärte, dass das entsprechende Dokument bereits am Tag zuvor unterzeichnet worden sei.

Lesen Sie weiter, wie sich Duisburgs OB Sauerland gegen die Vorwürfe wehrt.

Tod in der Masse

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