Kanada "Toronto wird nie mehr dieselbe Stadt sein"

  • Nachdem ein Mann mit einem Lieferwagen in der kanadischen Metropole Toronto mehrere Menschen überfahren hat, suchen die Ermittler nach Antworten für die Tat.
  • "Er traf jede Person auf dem Gehsteig", sagt ein Augenzeuge im Fernsehen.
  • Vor allem der Einsatz der Polizisten, die den mutmaßlichen Täter ohne Waffengebrauch stellten, wird gelobt.
Von Alan Cassidy

Ein Schuh liegt da und ein Handy, eine Baseball-Mütze und ein Rucksack. Der Boden ist dunkelrot gefärbt. Neben gelben Absperrbändern halten sich Menschen in den Armen, viele weinen.

Und dann steht da der weisse Lieferwagen: Die Türe offen, die Vorderseite verbeult und eingedrückt. Es sind die Bilder eines Attentats, von denen man nun schon viel zu viele gesehen hat, in Europa, in den USA. Am Montag kamen die Bilder aus Kanada.

Die Stadt Toronto erlebte ihren ersten richtigen Frühlingstag, auf der Yonge Street waren kurz nach dem Mittag viele Menschen unterwegs, mehr als in den Tagen und Wochen zuvor. Kurz vor 13.30 Uhr sahen Augenzeugen, wie ein Transporter auf den Gehweg fuhr. Er prallte gegen einen Hydranten und gegen Zeitungsständer, aber er raste weiter, in hoher Geschwindigkeit.

Ein Mensch nach dem anderen wurde durch die Luft geschleudert. "Er traf jede Person auf dem Gehsteig", sagte ein Augenzeuge dem TV-Sender CP24, "jeder, der im Weg stand, wurde getroffen." Als der Lieferwagen endlich stoppte, waren zehn Menschen tot, fünfzehn verletzt, viele davon schwer. Was sich dann abspielte, hielt ein weiterer Augenzeuge mit der Handykamera fest. Man sieht in dem Video den Fahrer und einen Polizisten, er hat die Pistole gezückt. "Schieß mir in den Kopf!", schreit der Fahrer, "töte mich!" Er zeigt mit einem Gegenstand auf den Polizisten, wedelt damit hin und her. Doch der Polizist schießt nicht. Er nähert sich dem Mann langsam, die Waffe im Anschlag, und drückt ihn zu Boden.

Trauer und Fassungslosigkeit an der Yonge Street

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Behörden sagen, Vorfall sei kein Terrorakt gewesen

Mit der Verhaftung des Fahrers beginnen die Spekulationen. Manche vermuten zunächst einen Zusammenhang mit dem Treffen der Außenminister der G7-Staaten, das in Toronto stattfand. Warum der Mann die Menschen überfuhr, ist bislang nicht bekannt. Polizeichef Mark Saunders sagte am Montagabend, die Amokfahrt sei mit klar erkennbarer Absicht begangen worden. Der Täter sei aber nicht polizeibekannt. In den Unterlagen und Datenbanken liege nichts gegen ihn vor.

Ralph Goodale, der kanadische Minister für öffentliche Sicherheit, sagte, der Vorfall sei nach dem aktuellen Kenntnisstand "keine Angelegenheit der nationalen Sicherheit". Es gebe keine Hinweise auf eine erhöhte Terrorgefahr. Beim mutmaßlichen Täter handelt es sich nach Polizeiangaben um Alek M., einen 25-jährigen Mann, der offenbar im nahe gelegenen Richmond Hill wohnte. Er studierte offenbar bis vor kurzem am Seneca College in North York, einem Stadtteil von Toronto.

Die TV-Sender NBC und CTV berichteten unter Berufung auf Strafverfolger und Sicherheitskreise, der Täter sei vermutlich geistig verwirrt. Ehemalige Mitstudenten beschreiben ihn in der Zeitung Globe and Mail als jungen Mann, der Mühe hatte, mit anderen Menschen zu sprechen, habe aber nie einen gewalttätigen Eindruck gemacht. Mit extremen politischen oder religiösen Ansichten sei M. nie aufgefallen. Er habe sich sehr gut mit Computern ausgekannt und eine App entwickelt, die dabei helfen soll, Parkplätze zu finden. Inzwischen wurde M. in Toronto einem Haftrichter vorgeführt.

Bei den Einwohnern von Kanadas größter Stadt überwog nach der Tat die Fassungslosigkeit. "Wir haben unsere Unschuld verloren", sagte ein Einwohner im Toronto Star. "Das ist die erste große Tragödie dieser Art in dieser Gegend. Toronto wird nie mehr dieselbe Stadt sein." Zugleich lobten viele den Einsatz des Polizisten, der unter größter Anspannung die Nerven bewahrte, wo andere womöglich geschossen hätten. "Durch sein Training hat der Polizist fantastische Arbeit geleistet", sagte Polizeichef Saunders.

Bei der Festnahme des Fahrers habe der Polizist die Lage schnell begriffen und so eine "friedliche Lösung" erreicht: "Die Polizisten hier lernen, so wenig Gewalt wie möglich anzuwenden." Jeder Beamte hätte in einer solchen Situation das Recht gehabt, seine Waffe zu benutzen, sagte Mike McCormack, der Präsident der Toronto Police Association: "Der Mann ist ein Held."

Handyvideo zeigt Festnahme

Immer wieder provoziert der Fahrer, doch die Polizei bleibt ruhig. mehr...