Japan: Austretende Radioaktivität in Fukushima Ein Leck weniger

Erster (kleiner) Erfolg für Tepco: Der Betreiber des AKW Fukushima kann die Betonwand im Reaktor 2 abdichten. Kritisch bleibt die Lage im Block 1: Dort müssen die Techniker jetzt Stickstoff einleiten, um eine Explosion zu verhindern.

Von Christoph Neidhart und Paul-Anton Krüger

Der japanische Reaktorbetreiber Tepco hat es am frühen Mittwochmorgen geschafft, den Riss an der Atomruine Fukushima 1 abzudichten, aus dem hochradioaktives Wasser in Meer austrat. Das Leck befand sich in der Betonwand einer Kabelgrube des Reaktorblocks 2. Da auch unter der Grube verseuchtes Wasser stand, spritzten Arbeiter Kunststoff als Sperre in den Boden. Bisher habe man keine Hinweise, dass verstrahltes Wasser ins Grundwasser eingedrungen sei, sagte Hidehiko Nishiyama vom japanischen Amt für Nuklearsicherheit. Aber es sei möglich, dass anderswo hochradioaktives Wasser aus dem Meiler austrete.

Bereits am Dienstag hatte Tepco 11.500 Tonnen schwachradioaktives Wasser ins Meer fließen lassen, um Stauraum für das hochradioaktive Wasser zu gewinnen, das sich in der Ruine angesammelt hat. Dieses Wasser strahlt bis zu 200.000 Mal stärker als gewöhnlich. Tepco bereitet sich zudem darauf vor, Stickstoff ins Reaktorgebäude von Block 1 zu pumpen, um eine Wasserstoffexplosion zu verhindern, wie sie sich in den ersten Tagen nach der Tsunami-Katastrophe mehrfach ereignete. Man wisse nicht, wieviel Wasserstoff sich im Druckbehälter befinde, so ein Konzernsprecher. Der eingepumpte Stickstoff soll den Sauerstoff verdrängen, damit dieser nicht mit dem Wasserstoff reagiert.

Japan erwägt weitere Evakuierungen

Die Injektion von Stickstoff soll auch die amerikanische Behörde für Nuklearsicherheit NRC vorgeschlagen haben, wie die New York Times am Mittwoch aus einem vertraulichen Bericht zitierte. Nishiyama bestritt allerdings, Japan habe eine Empfehlung befolgt. Seine Behörde sei zwar in ständigem Kontakt mit der NRC, zwei US-Spezialisten seien in Fukushima vor Ort, aber die Stickstoff-Aktion sei eine japanische Idee. Die NRC-Fachleute warnen zudem, Nachbeben könnten die Sicherheitsbehälter noch stärker beschädigen. Auch dies bezeichnete Nishiyama als unwahrscheinlich.

Kabinettssekretär Yukio Edano sagte am Mittwoch, in der 20 bis 30 Kilometer-Zone, für die bisher nur eine Evakuierungsempfehlung gilt, werde erwogen, dass Menschen bestimmter Altersgruppen das Gebiet verlassen müssen. Die Internationale Atomenergie-Agentur IAEA und auch Greenpeace empfehlen dies seit Tagen. Ohnehin ist umstritten, ob die Menschen dort noch geschützt sind, da der radioaktive Staub zumindest teilweise durch die Wände der leicht gebauten japanischen Wohnhäuser dringt. Zudem ist die Versorgungslage äußerst schwierig. Die mögliche Abdeckung der havarierten Anlagen mit Kunststoffplanen sei, so Edano, frühestens im September möglich. Bis dahin muss Japan mit dem Risiko neuer Freisetzung von Radioaktivität rechnen.

Von den neun evakuierten Gemeinden, denen Tepco bereits eine Entschädigung gezahlt hat, weigerte sich das Städtchen Namie, das Geld anzunehmen. Tepco nannte die Zahlungen "mimaikin", was soviel heißt wie freiwilliges Trostgeld. Erst müssten die Bewohner kompensiert werden, sagte ein Vertreter der Ortsverwaltung von Namie gegenüber der Japan Times. Wenn die Gemeinde den Betrag von 20 Millionen Yen auf die 26.000 Einwohner verteile, dann erhalte jeder umgerechnet 17 Euro. Das sei inakzeptabel. Die Höhe der angekündigten Zahlungen an die etwa 80.000 Zwangsevakuierten ist bisher nicht festgelegt worden.

Problematische Notkühlung

Problematisch könnten nach Meinung der NRC auch die Folgen der bisherigen Notkühlung sein. Denn kontaminiertes Kühlwasser aus den Reaktordruckgefäßen mit den Brennelementen gelangt in die umliegenden Sicherheitsbehälter gelangt. Das könnte bei weiteren Nachbeben die Stabilität dieser wichtigsten Strahlen-Barriere gefährden.

Laut IAEA pumpt der Betreiber Tepco derzeit zwischen 7000 und 9000 Liter Süßwasser pro Stunde in die Reaktorkerne. Die NRC zweifelt daran, dass sich dies über Monate aufrechterhalten lässt. Das aber wäre nötig, um die Reaktoren in einen sicheren Zustand zu bringen. Derzeit liegt die Temperatur in den Kernen zwischen 234 Grad Celsius im oberen Bereich des Druckbehälters von Block1 und 85 Grad am Boden des Druckbehälters von Block3, während in Block2 zuletzt 142 Grad gemessen wurden.

Tepco versucht, die regulären Kühlkreisläufe wieder herzustellen. Allerdings müssen dafür die Kellergeschosse der Reaktor- und Turbinengebäude leergepumpt werden, in denen teils hochkontaminiertes Wasser steht, das in Block 2 wahrscheinlich aus dem Reaktorkern stammt und über den Sicherheitsbehälter ausgetreten ist. So behindert die Notkühlung die Inbetriebnahme des eigentlichen Kühlsystems, und es ist nicht ausgeschlossen, dass weiter Wasser nachläuft.