Islam in Deutschland Was Studien über Muslime erzählen

Die Sehitlik-Moschee am Columbiadamm in Berlin-Tempelhof

(Foto: Laima Gutmane via Wiki Commons; CC BY 3.0)

Muslime sind Deutschland stark verbunden - und fühlen sich trotzdem häufig ausgeschlossen. Zahlen und Daten zu muslimischem Leben in der Bundesrepublik.

Von Alexander Kauschanski

Wie verbreitet der Islam in Deutschland tatsächlich ist, lässt sich nicht genau bestimmen. Der Staat erfasst nicht bei allen Menschen die Religionszugehörigkeit. Wissenschaftler gehen davon aus, dass etwa 4,5 Millionen Muslime hier leben. Damit ist jeder zwanzigste Mensch in Deutschland Muslim. Die Wahrnehmung der deutschen Durchschnittsbürger ist allerdings eine ganz andere: Vier Mal so hoch schätzen sie den Anteil der Muslime an der Bevölkerung im Umfragen ein.

Ein großer Teil der Muslime in Deutschland wurde gebeten zu kommen. In den Sechzigerjahren boomte die Wirtschaft, es gab einen Mangel an Arbeitskräften. Die Bundesrepublik löste dieses Problem mithilfe von Gastarbeitern. Viele kamen aus der Türkei. Weil sich die politische und ökonomische Lage in ihrer Heimat in den Siebzigerjahren verschlechterte, blieben viele türkische Familien. Heute sind sie deutsche Staatsbürger. Viele weitere Muslime flohen vor Bürgerkriegen (wie in Syrien), Gewalt in zerfallenden Staaten (ehemaliges Jugoslawien), Terror im eigenen Land (Afghanistan) oder vor staatlichen Repressionen (Iran).

Die Zahl der muslimischen Gläubigen ist in den sechzehn Bundesländern sehr unterschiedlich groß. Ein Drittel aller Muslime lebt in Nordrhein-Westfalen. Dort ist einer von zehn Einwohnern Muslim. Auch Baden-Württemberg, Bayern und Hessen weisen große muslimische Bevölkerungsteile auf. Muslime leben vor allem in Städten, weniger auf dem Land. Nur sehr wenige von ihnen wohnen in den neuen Bundesländern. Als bis in die neunziger Jahre ein Großteil von ihnen einwanderte, war Deutschland noch zweigeteilt. Die DDR war für sie kein Einwanderungsziel.

Wie alle großen Religionen fächert sich auch der Islam in verschiedene Glaubensgemeinschaften auf. Die mit Abstand größte Gemeinschaft weltweit sind die Sunniten, die zweitgrößte die Schiiten. Auch in Deutschland stellen die Sunniten unter den Muslimen die größte Konfession. Schiiten und Sunniten existieren seit dem siebten Jahrhundert. Damals stritten sie sich darum, wer die legitime Nachfolge des Religionsstifters Mohammed übernehmen sollte.

Die heute als Schiiten bezeichnete Gruppe bestand und besteht darauf, das Oberhaupt des Islam könne nur ein Familienangehöriger Mohammeds sein: Sie bestimmten seinen Schwiegersohn Ali. Die Sunniten lehnten ihn als Nachfolger ab. Für sie musste der Anführer nur aus dem Stamme Mohammeds kommen. Es kam zur Spaltung. Die unterschiedlichen Gruppen entwickelten im Laufe der Jahrhunderte teils eigene Regeln, Rituale und Traditionen. Auch innerhalb der Schiiten und Sunniten gibt es verschiedene Strömungen. Zum schiitischen Glaubensspektrum gehören etwa die Aleviten aus dem türkischen Raum, aber auch die Alawiten, die vor allem Araber sind.

Muslime fühlen sich Deutschland in außerordentlichem Maße verbunden. Zu diesem Ergebnis ist 2017 eine Studie der Bertelsmann Stiftung gekommen. Demnach pflegt der größte Teil der Muslime häufig Kontakt zu Menschen außerhalb der eigenen Religionssphäre und ist aktiv ins Berufsleben eingebunden. Nur fünf Prozent aller Muslime in Deutschland sind arbeitslos. (Bei Nichtmuslimen sind es sieben Prozent.) Mehr als die Hälfte aller Muslime engagiert sich in deutschen Vereinen.

Trotzdem stoßen viele Muslime auf Ablehnung. So gab mehr als jeder dritte Muslim an, sich im Laufe des Jahres vor der Befragung diskriminiert gefühlt zu haben. Bei zugewanderten Muslimen hatte sogar jeder zweite das Gefühl, aufgrund seiner Herkunft aus der deutschen Gesellschaft ausgeschlossen zu sein.

Mit Tierblut verschmutzte Fassaden, Drohbriefe, Schmierereien wie "Islam stoppen" und Brandanschläge.416 solche Angriffe auf Moscheen zählte das Bundeskriminalamt zwischen 2001 und 2016. Die Dunkelziffer dürfte dabei viel höher liegen. Viele Fälle werden der Polizei nicht gemeldet oder sie werden in der Statistik anders eingeordnet.

Einen Großteil der Angriffe stufen die Behörden dabei als rechts motiviert ein. Einige sind aber auch auf Konflikte zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen zurückzuführen - wie etwa zwischen Türken und Kurden. Nur wenige Täter werden gefasst. 2015 blieben vier von fünf dokumentierten Delikten ungestraft, berichtet das Recherche-Netzwerk Correctiv. Und es sieht nicht so aus, als würden die Übergriffe zurückgehen. 2017 verzeichnete das Bundesinnenministerium knapp 60 Übergriffe auf Moscheen und insgesamt 950 auf Muslime gerichtete Angriffe.

Muslime sind demnach relativ häufig Opfer von Straftaten. Trotzdem fürchten sich viele Menschen in Deutschland vor Muslimen. Etwa jeder zweite Bundesbürger empfindet den Islam als bedrohlich. Ein Grund dafür ist vermutlich die Darstellung der Muslime in den Medien. Natürlich verbreitet islamischer Terrorismus Angst, aber auch Bilder kopftuchtragender Frauen, von Männern auf Gebetsteppichen und Berichte über eine konservative Lebensweise mancher Muslime wirken auf viele Nichtmuslime fremd und offenbar sogar bedrohlich. Sie prägen die Berichtserstattung. Der ganz normale Alltag des Lebens der Muslime in Deutschland bleibt im Hintergrund, positive Assoziationen werden selten hergestellt.

Vor allem das Kopftuch als prominent sichtbares Symbol des Islams entfacht Debatten um die Akzeptanz muslimischer Lebensweisen. Manche betrachten das Kopftuch als Zeichen der Unterdrückung von Frauen und fordern Verbote für Lehrerinnen, Erzieherinnen und Richterinnen. Andere sehen in ihm einen Ausdruck religiöser Selbstbestimmung in einer pluralistischen Gesellschaft.

Tatsächlich war es in einer 2014 unternommenen Umfrage gut zwei Dritteln der Befragten egal, ob muslimische Frauen Kopftücher tragen. Allerdings waren mehr als 70 Prozent davon überzeugt, dass Kopftücher die Integration der Frauen beeinträchtigen.

Nur jede vierte Muslima trägt immer ein Kopftuch. Das hat die Studie "Muslimisches Leben in Deutschland" 2008 in einer Umfrage festgestellt. Eine große Mehrheit von 69 Prozent muslimischer Frauen trägt nie eines. Der Studie zufolge sind Frauen mit Kopftuch tatsächlich schlechter integriert als Musliminnen ohne. Das lässt sich vor allem dadurch erklären, dass es sich bei den Kopftuch tragenden Frauen überwiegend um Migrantinnen handelt, die erst im Erwachsenenalter nach Deutschland eingewandert sind. Muslimische Frauen, die in Deutschland aufwachsen, tragen weniger häufig Kopftücher.

Die drei häufigsten Gründe für Musliminnen ein Kopftuch zu tragen, sind religiöse Pflicht (92 Prozent), ein Sicherheitsgefühl (43 Prozent) und die Erkennbarkeit als Muslima in der Öffentlichkeit (36 Prozent). Der Anteil stark gläubiger Frauen unter Muslimen ist tendenziell größer als unter Männern.

Allerdings sind Muslime im Vergleich zu nicht muslimischen Gläubigen stärker religiös. Insgesamt 40 Prozent der Muslime schätzen sich als hochgläubig ein, so der Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung 2017. Eine Ausnahme bilden Muslime aus dem Iran, die deutlich häufiger als andere Muslime angeben, sie wären eher nicht oder gar nicht gläubig. Viele von ihnen sind religionskritische Intellektuelle. Verfolgt von der islamischen Theokratie flohen sie ab dem Regimewechsel 1979 nach Deutschland.

Das Gebet gehört neben dem Fasten, dem Spenden, Pilgern und Glaubensbekenntnis zu den fünf Säulen des Islam. Laut Religionsvorschriften sollen Muslime fünfmal am Tag in Richtung Mekka beten. Verschiedene Glaubensgruppen halten diese Vorschrift unterschiedlich ein. Sunniten beten durchschnittlich am häufigsten. Bei Schiiten polarisiert das Einhalten und Entsagen von der Gebetspraxis. Unter den Aleviten findet sich der größte Anteil an Muslimen, die nie beten. Die Studie zeigt auch, dass muslimische Frauen häufiger und gewissenhafter als Männer beten, aber seltener die Moschee aufsuchen.

Schwangerschaftsabbrüchen stehen mehr Muslime ablehnend gegenüber als Christen oder Konfessionslose - vermutlich hat diese Einstellung mit der Strenge des Glaubens zu tun. Ähnlich ist es bei der Homosexualität. Es gibt hier unterschiedliche Haltungen, je nachdem, welche muslimischen Gelehrten in den Institutionen und Gemeinden den Ton angeben. Die Ablehnung der Ehe zwischen Homosexuellen ist unter Muslimen in Deutschland aber deutlich größer als unter Nichtmuslimen. Sie stellen hier die konservativste religiöse Gruppe.

Deutlich häufiger als bei Christen finden sich bei Muslimen traditionelle Erwerbskonstellationen, bei denen der Mann arbeitet und die Frau sich um den Haushalt und die Kinder kümmert. Hierarchien, bei denen Männer über Frauen stehen, lehnt jeder fünfte Muslim auch nicht ab. Und in mehr als zehn Prozent der muslimischen Haushalte entscheiden Männer tatsächlich allein über eine Erwerbstätigkeit der Frauen.

Je religiöser Muslime sind, desto stärker sind die Geschlechterrollen traditionell geprägt und desto eher kümmern sich Frauen nur um Kinder. Dabei wünscht sich die Mehrheit der Muslime genau wie der Christen, dass beide Partner in Vollzeit arbeiten können. Und höhere Bildungsabschlüsse bei Frauen und Männern führen zu einer stärker ausgeglichenen Verteilung von Haushaltsaufgaben.

Demokratien leben von Vielfalt und dem Zugeständnis politischer Teilhabe. Dieses Zugeständnis Muslimen gegenüber ist viel häufiger bei Jugendlichen zu finden als bei Erwachsenen. Studien deuten darauf hin, dass jüngere Menschen in Deutschland zwar mehr Zukunftsängste plagen als ältere. Feindseligkeit gegenüber anderen gesellschaftlichen Gruppen sind aber dafür weniger ausgeprägt. Das liegt vermutlich daran, dass Muslime vor allem für jüngere Menschen in Deutschland inzwischen zum Lebensalltag gehören. Sie wachsen gemeinsam mit ihnen auf, nehmen sie als normalen Teil der Gesellschaft wahr und erkennen sie als Mitbürger an.

Große Teile der muslimischen Bevölkerung noch immer räumlich und sozial stark getrennt von der Mehrheitsbevölkerung. Die Zahl und die Größe an Schnittstellen zwischen beiden Gruppen nehmen aber zu. Immer mehr Menschen in Deutschland pflegen regelmäßigen Kontakt zu Muslimen.

Am häufigsten treffen sie im Arbeitskontext und im Freundes- und Bekanntenkreis aufeinander. Am seltensten kommt es in der Nachbarschaft und in der Familie dazu. Das Wissen über Muslime beziehen Nichtmuslime gleichermaßen aus Medien und persönlichen Gesprächen. Und: Je häufiger sie persönliche Kontakt zu Muslimen haben, desto weniger Vorurteile hegen sie.

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