Internet Übergriffe in Köln als Hassvorlage in sozialen Netzwerken

Eine der radikalen Forderungen auf der Facebook-Seite des Sat 1-Frühstückfernsehens und Verharmlosungen in einem radikalen muslimischen Forum.

Auf Facebook und Co. wettern Hetzer gegen Fremde, Opfer oder Medien. Prominente Stimmungsmacher befeuern die Debatte.

Von Johannes Boie 

Bereits Stunden nach den Übergriffen von Köln entlud sich in den sozialen Netzwerken, insbesondere bei Facebook und Twitter, ein erstes Gewitter, das sich offenbar in den vergangenen Monaten, wenn nicht Jahren, zusammengebraut hatte. Es war noch kein Massenphänomen, doch der Zorn, die Verunsicherung, die Angst, aber vor allem der Hass und die Ressentiments, die sich während des Aufstiegs der AfD, während der großen Einwanderungswellen von Flüchtlingen, und solchen, die vorgeben, welche zu sein, während der Debatten um Pegida, Islam und Fremdenhass angestaut hatten, brachen sich ihren Weg durch die Schutzwälle aus Anstand, Zurückhaltung und Menschlichkeit. Die sind im Netz ohnehin eher zerbrechlich.

"JEDER Muslime unter Generalverdacht"

Dabei war und ist einerseits der Ton bemerkenswert. Wie man es früher nur aus virtuellen Gruppen irgendwelcher Radikalen kannte - egal ob Islamisten, Rechte oder Antifa - wird derzeit im Netz gehetzt, insbesondere in den Kommentarbereichen. Auf ansonsten eher belanglosen Facebook-Seiten, wie zum Beispiel auf jener des Sat-1-Frühstücksfernsehens, geifert eine anonyme Masse unter einem kurzen Videokommentar des Moderators Claus Strunz: "Auge um Auge, Zahn um Zahn! ... Für mich steht ... JEDER Muslime unter Generalverdacht ein Verbrecher zu sein." Liest man in Ruhe mit, keimt schnell der Verdacht, dass einige Kommentatoren sich nach den Kölner Übergriffen trauen, Rassismus, den sie schon länger in sich tragen, offen zu formulieren.

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Den Moderatoren dieser Seiten ist dabei kein Vorwurf zu machen, sie kommen bei der Flut der Kommentare schlicht nicht mehr hinterher. Auf vielen Facebook-Seiten, wie jener der Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker, hinterlässt die Masse auch seitenweise scharfe, aber im Ton maßvolle Kritik. Doch die Hetze sticht stets heraus: Auf diversen Nachrichtenseiten, die aus purer Not den Kommentarbereich unter Texten zu Köln geschlossen halten, lässt sich beobachten, wie die Kommentatoren ihren Hass auf Ausländer und Migranten auch unter einem Bericht zur Schwangerschaft der britischen Herzogin ablassen: "Eine schwangere Kate ist ja wunderbar, aber ... die Afrikaner, die Europa überfluten, sind der Müll Afrikas."

"Der Westen" habe es nicht anders verdient

In muslimischen Foren lässt sich eine andere Botschaft, zum Teil aber derselbe Ton finden. "Der Westen" habe es nicht anders verdient, ist da zu lesen. Oder die Übergriffe werden einfach negiert: "Als ob jemand grad mitten in der Menschenmenge jemand vergewaltigen koennte ... ich schau schon lang keine Fernsehnachrichten mehr." Egal welche Meinung vorherrscht, genereller Hass auf "die Medien" oder "die Politiker" geht immer. Da kommt es nur gelegen, wenn ein Ex-Bundesminister wie Hans-Peter Friedrich (CSU) öffentlich von einem "Schweigekartell" in Bezug auf "die Medien" fabuliert.

"Ein paar grapschende Ausländer"

Über das ewig aggressive Grundrauschen des Mobs erheben sich prominentere Hetzer, Stimmungsmacher und Verharmloser - alle getrieben davon, ihre eigene Ideologie im Windschatten der Übergriffe möglichst meinungsstark und öffentlichkeitswirksam zu präsentieren. Jakob Augstein, Miteigentümer des Spiegel und Kolumnist von Spiegel Online, verharmlost auf Twitter die Täter von Köln als "ein paar grapschende Ausländer", die zornigen Reaktionen auf die Übergriffe hingegen erscheinen ihm gleich als Risse im "Firnis der Zivilisation".

Damit steht der Journalist stellvertretend für viele im Netz, deren größte Sorge nach den Attacken auf Frauen der Umgang mit den Tätern, mit Flüchtlingen und Migranten im Allgemeinen ist. Dabei wird auch darüber diskutiert, ob Behörden und Medien Migrationshintergrund und Nationalität eines Menschen nennen sollten.

Exakt diese Haltung wiederum stachelt den Volkszorn noch mehr an und befeuert die Mär vom "Schweigekartell" der Medien. Viele Nutzer befürchten in den Kommentarspalten, dass Journalisten, die einen quasi pädagogischen Anspruch an ihre Arbeit haben, nicht wahrheitsgemäß über Attacken wie die auf der Kölner Domplatte berichten.

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