Häftling in Texas Zu reich, um richtig und falsch zu unterscheiden?

Ethan Couch nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis im texanischen Fort Worth.

(Foto: Nick Oxford/Reuters)
  • Ethan Couch war 16, als er im Rausch vier Menschen totfuhr. Er kam mit Bewährung davon, auch weil er einer sehr reichen Familie entstammt.
  • Als er gegen Bewährungsauflagen verstieß, musste er doch noch ins Gefängnis.
  • Jetzt kam er frei, und die Debatte über das amerikanische Justizsystem lebt wieder auf.
Von Johannes Kuhn, Austin

Als Ethan Couch Anfang der Woche nach zweijähriger Haftstrafe das Gefängnis verließ, verschwand er schweigend in einem schwarzen Tesla. Der 20-Jährige wolle keine Aufmerksamkeit, ließen seine Anwälte ausrichten. Er bitte um die Achtung seiner Privatsphäre. Doch die zurückgewonnene Freiheit des jungen Texaners hat in den USA eine emotional geführte Debatte wieder aufleben lassen. Sein Fall gehört zu den umstrittensten der vergangenen Jahre und dokumentiert die Verwerfungen in der amerikanischen Gesellschaft und im Justizsystem.

2013 hatte der damals 16-Jährige in einem Vorort von Dallas betrunken den Geländewagen seines Vaters gestohlen und war in eine Fußgängergruppe gerast. Vier Menschen tötete er, neun weitere wurden teils schwer verletzt. Das legale Alter für Alkoholkonsum liegt in den USA bei 21 Jahren, Couchs Alkoholgehalt im Blut lag bei 2,4 Promille.

Couch stammt aus einer texanischen Millionärsfamilie, sein Vater hat es mit Blechverkleidungen zu Geld gebracht. Dass wohlhabende Amerikaner vor Gericht bessere Anwaltsteams und Aussichten auf eine mildere Bestrafung haben, ist statistisch erwiesen. Doch Couchs Verteidiger machten aus dem Wohlstand ein Argument für mildernde Umstände: Ein Psychologe, der von den Anwälten als Zeuge aufgerufen wurde, sagte aus, dass der Teenager so sehr von Reichtum und Materialismus geprägt sei, dass er nicht mehr zwischen gut und böse unterscheiden könne.

Das Phänomen trägt den Namen "Affluenza", eine englische Wortmischung aus affluent (reich) und influenza (Grippe). Unter Experten gilt sie als Pseudo-Diagnose. "Das ist vielleicht das erste Mal, dass es als mildernder Umstand gilt, es zu einfach im Leben gehabt zu haben", kommentierte der Psychologie-Professor Christopher Ferguson damals.

Texanische Gerichte schicken Teenager schon für Delikte wie Drogenbesitz ins Gefängnis, soziale Herkunft und Hautfarbe spielen bei diesen Urteilen häufig eine Rolle. Couch wurde dann auch nicht zu einer Haftstrafe verurteilt, sondern nach dem Jugendstrafrecht zu zehn Jahren auf Bewährung und einer stationären Psychotherapie. Die Familie weigerte sich später entgegen der ursprünglichen Zusage, die Therapiekosten komplett zu zahlen.

Der Mutter steht ein Prozess bevor

Die zweijährige Haftstrafe, aus der Couch nun entlassen wurde, ergab sich erst im Nachhinein: 2015 tauchten Handy-Videos auf, die Couch beim exzessiven Bierkonsum zeigten - ein Verstoß gegen die Bewährungsauflagen. Als die Polizei ermittelte, floh Couch mit seiner Mutter nach Mexiko. Dort fassten die Behörden die beiden, als sie über eine App Pizza bestellten.

Couchs Mutter muss sich in wenigen Tagen in diesem Zusammenhang wegen Fluchthilfe und Geldwäsche vor Gericht verantworten. Weil sie durch einen Drogentest fiel und damit gegen die Kautionsauflagen verstieß, sitzt sie seit einigen Tagen bereits im Gefängnis.

In den sozialen Medien wird Couchs Freilassung dem Fall von Crystal Mason gegenüber gestellt, um die Ungereimtheiten der texanischen Justiz zu dokumentieren. Die junge Afroamerikanerin war wegen Steuerbetrugs zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. Während der Bewährungszeit ging sie wählen und teilte ein Foto der Stimmabgabe im Netz. Dies ist nach texanischem Gesetz verboten, ein Gericht verurteilte sie dafür vergangene Woche zu fünf Jahren Gefängnis.

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