Geplante Bergung der "Costa Concordia" Millimeterarbeit im Mittelmeer

Die Bergungsarbeiten an der "Costa Concordia" gehen in die letzte Runde.

(Foto: Getty Images)

Am Montag soll das havarierte Kreuzfahrtschiff "Costa Concordia" aufgerichtet werden. Die Behörden sprechen von einer beispiellosen Bergungsaktion. Die Liste der Dinge, die schiefgehen können, ist lang.

Die "Costa Concordia" ist gerade zweieinhalb Stunden unterwegs, als sie am Abend des 13. Januar 2012 vor der italienischen Insel Giglio einen Felsen rammt. Die 4229 Menschen, die an Bord gekommen sind, um im Rahmen einer Mittelmeerkreuzfahrt die Städte Marseille, Barcelona, Palma, Cagliari und Palermo zu besuchen, bekommen gerade ihr Abendessen serviert. Doch dann müssen sie miterleben, wie der Boden unter ihnen erzittert und das Schiff beginnt, sich zur Seite zu neigen. 32 Menschen kommen bei dem Unglück ums Leben, darunter zwölf Deutsche.

Jetzt, mehr als anderthalb Jahre nach der Havarie des Kreuzfahrtschiffs, sollen die Bergungsarbeiten in die entscheidende Phase gehen: Das knapp 300 Meter lange und 36 Meter breite Wrack soll aufgerichtet werden. Eine Maßnahme, die unbedingt notwendig ist, damit der Koloss abgeschleppt werden kann. "Wenn die Wetterverhältnisse es zulassen, wird der Einsatz am Montag um sechs Uhr beginnen", teilte Franco Gabrielli von der Zivilschutzbehörde mit.

Geplant ist, das Wrack mit Hilfe von Stahlseilen und Flaschenzügen in die Vertikale zu bringen - ein komplizierter, minutiös geplanter Einsatz, wie es ihn zuvor noch nie gegeben hat. Das Schiff müsse unbedingt noch im September aufgerichtet werden, betonte der Sprecher. Um bis zum Frühjahr 2014 zu warten, sei das Risiko zu groß: Das Ausmaß der Schäden an jener Stelle des Schiffs, die auf einem Felsen aufliegt, sei schließlich nicht bekannt. Es gebe auch keinen "Plan B" für den Fall, dass das Manöver scheitere.

Mögliche Szenarien

Die Verantwortlichen zeigen sich optimistisch. Wenn alles glatt geht, beginnt die Bergung um 6 Uhr morgens. Nach vier bis fünf Stunden müsste das Schiff in einem Winkel von 40 Grad stehen, nach zehn bis zwölf Stunden sollte der Einsatz beendet sein, ohne dass größere Schäden für die Umwelt entstanden sind.

Doch die Liste der Dinge, die schief gehen können, ist lang. Nach Einschätzung des südafrikanischen Einsatzleiters Nick Sloane, könnte sich zum Beispiel der Rumpf der "Costa Concordia" verbiegen und dabei krumm werden wie eine Banane. Ein mögliches Auseinanderbrechen des Schiffes wird dagegen ausgeschlossen. Laut Zivilschutzministerium könnte es aber passieren, dass sich der havarierte Kreuzer gar nicht erst drehen lässt. Das Schiff, das fast so lang ist wie die "Titanic" und so hoch wie ein elfstöckiges Haus, könnte sich als zu schwer erweisen. Es ist möglich, dass sich das Wrack - trotz der Berechnungen der Ingenieure - nicht von dem Felsen löst, auf dem es seit dem Unglück vor mehr als anderthalb Jahren liegt. Einige der Stahlseile, die das Schiff ziehen oder halten, könnten reißen.

Protokoll des Schiffsunfalls vor Italien Die Unglücksroute der "Costa Concordia"

Doch auch das Gegenteil könnte passieren und das Schiff könnte zu weit gezogen werden, das Gleichgewicht verlieren und auf die andere Seite kippen. Dies ist aber laut Sloane ein sehr unwahrscheinliches Szenario, denn die schwimmenden "Kisten", die auf der aus dem Wasser herausragenden Seite positioniert wurden, sollen die Bewegung abbremsen. Diese Kisten werden nach und nach mit Wasser befüllt, so dass das Schiff unter ihrem Gewicht kontrolliert gedreht werden kann.

Umweltschützer sorgen sich vor allem, dass beim Aufrichten des Wracks Farbe, Reinigungsmittel und Müll ins Wasser abgegeben werden, wodurch das Meeresschutzgebiet vor der Küste Giglios beschädigt werden könnte. Die Verantwortlichen sind jedoch überzeugt davon, dass eine Umweltverschmutzung verhindert werden kann. Sie haben ein Pumpsystem sowie Schutzvorrichtungen installiert.

Ein Unglück, das nicht hätte passieren dürfen

Sollte das Aufrichten klappen, muss das Schiff zunächst in der Vertikalen stabilisiert werden, erst Wochen oder Monate später kann es dann abgeschleppt werden. Die schon jetzt mehr als 600 Millionen Euro teure Bergung der "Costa Concordia" ist die aufwändigste, die es je für ein Passagierschiff gegeben hat. Bislang wurde das Wrack mit hunderten Zementsäcken und einer fußballfeldgroßen Metallplattform gestützt, damit es nicht vom Felsen ins tiefere Wasser abrutscht. Einsatzkräfte haben Treibstoff aus dem Wrack abgepumpt, um für den Fall eines Auseinanderbrechens eine Umweltkatastrophe zu verhindern.

Dass das Unglück vor anderthalb Jahren hätte verhindert werden können, das ist mittlerweile so gut wie sicher. Dem Kapitän der "Costa Concordia", Francesco Schettino, wird vorgeworfen, die Havarie mit einem riskanten "Grußmanöver" verursacht zu haben und viel zu nahe an der Toskana-Insel vorbeigefahren zu sein. Er ist wegen mehrfacher fahrlässiger Tötung, Verursachung von Umweltschäden und Verlassens eines Schiffes in Seenot angeklagt.