Der Weiße Ring Ex-Leiter streitet Belästigungsvorwürfe ab

Gemeinnützige Organisationen wie der Weiße Ring sind wichtige Stützen des gesellschaftlichen Lebens. Sie helfen dort, wo der Staat mit seiner Fürsorgepflicht für die Bürger überfordert ist.

(Foto: Jens Büttner/dpa)
  • Detlef Hardt, der frühere Leiter der Außenstelle Lübeck des Weißen Rings, soll in seinem Amt hilfesuchende Frauen sexuell belästigt haben.
  • Hardt, der im Januar 2018 begleitet von wolkigen Formulierungen von seinem Amt zurücktrat, streitet die Vorwürfe ab.
Von Thomas Hahn, Hamburg

Für Roswitha Müller-Piepenkötter, die Bundesvorsitzende des Opferhilfevereins Weißer Ring, muss sich der Fall anfühlen wie ein Anschlag auf ihr gutes Gewissen. Detlef Hardt, der frühere Leiter der Außenstelle Lübeck, soll in seinem Amt hilfesuchende Frauen sexuell belästigt haben. Fünf Verdachtsfälle haben das Nachrichtenmagazin Der Spiegel und die Lübecker Nachrichten recherchiert, die Staatsanwaltschaft hat im NDR die Beschwerde einer Polizei-Mitarbeiterin vom Juli 2017 bestätigt. "Das mutmaßliche Fehlverhalten des Mitarbeiters ist ein unerträglicher Vorgang", sagt Roswitha Müller-Piepenkötter und kündigt Konsequenzen an: "Wir werden die Zusammenarbeit zwischen ehrenamtlichen Mitarbeitern und Bundesverband enger gestalten."

Gemeinnützige Organisationen wie der Weiße Ring (WR) sind wichtige Stützen des gesellschaftlichen Lebens. Sie helfen dort, wo der Staat mit seiner Fürsorgepflicht für die Bürger überfordert ist. Das Vertrauen in solche Organisationen ist groß, gerade der Weiße Ring mit seinen 420 Außenstellen und 3000 Helferinnen und Helfern genießt hohes Ansehen. Umso verwirrender ist der Verdacht gegen den pensionierten Polizeihauptkommissar Hardt, der zwölf Jahre lang der erste Mann beim Weißen Ring Lübeck war.

Beugt der Opferhilfe-Verein gut genug dem Vertrauensmissbrauch vor?

Hardt selbst streitet alles ab. "Das sind wirklich widerliche Vorwürfe", sagte er am Samstag im NDR. Er ließ seinen Anwalt aus Whatsapp-Nachrichten zitieren, die das gute Verhältnis zu einem mutmaßlichen Opfer zeigen sollen. Hardt erklärte sogar: "In meinen ganzen Jahrzehnten ist überhaupt nichts in diese Richtung gewesen." Das widerspricht allerdings den Medienberichten. Laut NDR hatte die Staatsanwaltschaft schon 2006 Hinweise auf ein Fehlverhalten Hardts. Der Spiegel berichtet, es habe 2012 Beschwerden gegeben, die den damaligen Lübecker Polizeichef zu Gesprächen mit Hardt und der Spitze des Landesverbandes Schleswig-Holstein veranlasst hätten. WR-Landesvorsitzender Uwe Döring sagt, er wisse von solchen Beschwerden seit November 2016. "Rückwirkend geblickt hätten wir da möglicherweise schneller reagieren müssen", sagte Döring am Samstag im Rahmen eines Pressetermins zum Fall. Wie sein Stellvertreter Uwe Rath erklärte er dabei seinen Rücktritt.

"Herr Döring und Herr Rath erleichtern mit ihrer Entscheidung die Aufarbeitung der Lübecker Ereignisse und einen klaren Neubeginn in Schleswig-Holstein", sagt Roswitha Müller-Piepenkötter. Sie verweist auf die "hohen ethischen Standards" des WR, die der Verein mit Selbstverpflichtungen und intensiven Schulungen absichert. Aber sie weiß auch, dass der aktuelle Verdachtsfall eine strenge Selbstanalyse erfordert. Beugt der Weiße Ring gut genug dem Vertrauensmissbrauch vor, den der Lübecker Hardt begangen haben soll?

Der Spiegel zitiert aus dem Erlebnisbericht von Diana M. aus dem April 2016, der beim Frauennotruf Lübeck protokolliert wurde: "Er ... hätte da so ne Idee, wie ich am allerschnellsten aus der ganzen Misere rauskommen könnte ... Ob ich schon mal als Prostituierte gearbeitet hätte ... und er kam dann zu mir und zog seinen Hosenlatz runter ..." Aber in Bedrängnis kam Hardt erst im Sommer 2017, als besagte Mitarbeiterin der Polizei erzählte, er habe sie sexuell bedrängt. Seinen Rücktritt im Januar 2018 begleiteten wolkige Formulierungen. Uwe Döring sagte damals: "Der Weiße Ring und Herr Hardt hatten in letzter Zeit unterschiedliche Auffassungen über die Betreuung von Opfern."

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