Berlin Berliner Polizei ermittelt bei Taschendiebstählen nur noch im Ausnahmefall

Die Zahlen steigen, dennoch werden in Berlin Taschendiebstähle nur noch verfolgt, wenn es Aussicht auf Erfolg gibt. Konkret heißt das: so gut wie nie.

Von Verena Mayer, Berlin

Der Rempel-Trick, der Drängel-Trick, der Beschmutzer-Trick, der Stadtplan-Trick, der Antanz-Trick. Wenn Michael Böhl vom Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) über Taschendiebe spricht, hat seine Stimme etwas fast Anerkennendes. Weil es so "unglaublich professionell" sei, wie man zum Stolpern gebracht, im Bus abgedrängt, mit Schmutz bespritzt, mit einem ausgebreiteten Stadtplan um Rat gefragt oder von jemandem umarmt wird, und wenige Sekunden später sind der Geldbeutel und das Handy weg. Auch sehr beliebt: die Rolltreppe. Zwei Leute stellen sich auf die Rolltreppe, ein dritter drückt den Notfallknopf. In der Verwirrung werden von oben nach unten Hosentaschen und Rucksäcke geleert.

Doch Böhls Stimme wird schnell alarmistisch, wenn es um die Zahlen geht. Kein Delikt boomt in Deutschland so sehr wie der Taschendiebstahl. Während Gewalttaten eher weniger werden, vermiest der Taschendiebstahl jeder Großstadt regelmäßig die Kriminalstatistik. Besonders schlimm ist es in Düsseldorf, Köln und Berlin. In der Hauptstadt zählte die Polizei im vergangenen Jahr 40 400 Fälle - ein Viertel mehr noch als im Jahr zuvor, ein neuer Rekord. Dazu kommt eine enorme Dunkelziffer, man schätzt, dass nur jeder zehnte Taschendiebstahl überhaupt angezeigt wird.

Berlin, Hauptstadt der Taschendiebe. Das ist nicht neu, schon Erich Kästners Roman "Emil und die Detektive" aus dem Jahr 1929 beginnt damit, dass der nette Mann im Zug nach Berlin, der sich als Grundeis vorstellt, nur darauf aus ist, Emil seine 140 Mark Reisegeld aus dem Anzug zu ziehen. Neu ist allerdings die Art, damit umzugehen. So hat der Berliner Polizeipräsident Klaus Kandt entschieden, Taschendiebstähle nur mehr dann zu verfolgen, wenn es eine Aussicht auf Erfolg gibt. Konkret heißt das: so gut wie nie.

Aus der Sicht der Polizei ist das nachvollziehbar. Es gehört zum Wesen von Taschendiebstahl, dass die Opfer ihn nicht bemerken. Es gebe keine Täterbeschreibung, meistens nicht mal einen genauen Ort, heißt es bei der Berliner Polizei. Die meisten Anzeigen, die man erhalte, würden in etwa so lauten: "Ich war gestern auf dem Ku'damm einkaufen, und irgendwann habe ich bemerkt, dass mein Geldbeutel weg ist." Man setze daher auf Großeinsätze und Razzien, so wie vergangene Woche. Da liefen 230 Polizisten am Stuttgarter Platz im Berliner Westen auf. Der war früher bekannt für Rotlicht, Drogen und Lokale mit dem Namen "Stutti Frutti", heute leben in den günstigen Hostels reisende Taschendiebe. Die sind bestens organisiert, die Polizei fand Geldbeutel, dazu Überweisungsträger, mit denen das Geld weitergegeben wird. 17 Leute wurden verhaftet.

Die Diebe müssen mindestens 300 Euro am Tag erbeuten

Etwa ein Drittel der Täter kommt der Statistik zufolge aus Rumänien, wo organisierte Taschendiebbanden ihren Sitz haben. Im Frühjahr hat ein Prozess in Berlin diese Strukturen erstmals ausgeleuchtet. Wie Jugendliche und junge Männer in Rumänien erst ausgebildet und dann quer durch Europa geschickt werden. Zuerst nach Paris, wo viele asiatische Touristen sind, von denen es heißt, sie hätten viel Bargeld bei sich. Dann geht es weiter nach Westdeutschland, nach Köln und Düsseldorf, wo ihnen inzwischen allerdings Banden aus Marokko das Terrain streitig machen.

Letzte Station ist Berlin. Die Diebe müssen mindestens 300 Euro am Tag erbeuten. Das Verfahren hieß "Scara Rulanta", Rumänisch für Rolltreppe. Wegen des Rolltreppen-Tricks. Auch beliebt: spätnachts Leute zu bestehlen, die vom Feiern kommen und in der S-Bahn einschlafen.

Nur vier Prozent aller Taschendiebstähle werden in Berlin aufgeklärt

Das sind dann allerdings eher Gelegenheitsdiebe, der andere Tätertyp, sagt Klaus Böhl vom Bund Deutscher Kriminalbeamter. Allen Taschendieben ist gemeinsam, dass sie so gut wie nie gefasst werden. Nur vier Prozent aller Taschendiebstähle werden in der Hauptstadt aufgeklärt. Böhl hält trotzdem nicht viel von der Strategie des Berliner Polizeipräsidenten, Anzeigen nicht nachzugehen. Weil es ein falsches Signal sei, Delikte nicht zu verfolgen, die den Opfern jede Menge Ärger und Rennerei bereiten. Und weil man selbst durch vage Anzeigen Informationen gewinnen könne.

Andere Städte sind da weiter. In Hamburg wurde das Phänomen durch gemeinsame Einsätze von Hamburger Polizei und Bundespolizei eingedämmt, dort gehen die Zahlen der Taschendiebstähle nun erstmals zurück. In Dortmund wiederum hat die Polizei kleine Glöckchen verteilt, die man an die Handtasche oder den Geldbeutel hängen kann. Die waren angeblich schon in den Niederlanden und Schottland das Mittel der Wahl, um Taschendiebe abzuschrecken.

Emil aus Kästners Roman wird geholfen, weil der Berliner Gustav mit der Hupe seine Kiezjungs auf den Taschendieb ansetzt. In der Berliner Wirklichkeit vertraut man indessen auf Graffiti und Twitter. So hat die Berliner Polizei zur Warnung jetzt neonfarbene Symbole auf die Bürgersteige gesprüht. Und im vergangenen Jahr hat man einen Einsatz in den sozialen Netzwerken begleitet. "Ei, ei, ei, der Dieb kam schnell herbei", twitterte die Polizei da. Immerhin der Humor funktioniert in Berlin immer.

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