Neckarline in Baden-Württemberg Größer, länger, Rottweil

"So filigran wie möglich" soll sie werden: Ein Entwurf der geplanten Fußgänger-Hängebrücke des Investors Günther Eberhardt in Rottweil. Dank Naturpanorama und freiem Wlan soll der perfekte Ort für Selfies entstehen.

(Foto: kts innovations)

Die Stadt in Baden-Württemberg bekommt nach der höchsten Aussichtsplattform Deutschlands auch noch die längste Fußgänger-Hängebrücke der Welt. Ein Fall von deutschem Provinz-Größenwahn?

Von Josef Kelnberger, Stuttgart

Das Faszinierende an einem sehr hohen Gebäude ist zunächst einmal seine Höhe, und der spektakuläre Aspekt eines sehr langen Bauwerks, ist, nun ja: seine Länge. So gesehen leistet die Stadt Rottweil derzeit ganze Arbeit: Nach der höchsten Aussichtsplattform Deutschlands, die angebracht wird auf dem höchsten Gebäude Baden-Württembergs, genehmigt man sich dort nun die "längste Fußgänger-Hängebrücke der Welt". Am Sonntag brachte ein Bürgerentscheid 72 Prozent Zustimmung. Ein typischer Fall von deutschem Provinz-Größenwahn auf den ersten Blick. Schließlich verfügt Rottweil als älteste Stadt Baden-Württembergs über ein schmuckes historisches Zentrum. Passt das wirklich zusammen?

Oberbürgermeister Ralf Broß will nicht eingehen auf den hin und wieder geäußerten Verdacht, hier werde Politik nach "typisch männlichen Kriterien" gemacht: Wer hat den größten und längsten? Es gehe darum, die 25 000-Einwohner-Stadt, 90 Kilometer südlich von Stuttgart gelegen, zukunftsfähig zu machen. Aber eine Faszination hegt er schon für seine Projekte.

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Durch sein Küchenfenster sieht er, wie der 246 Meter hohe Turm von Thyssen-Krupp samt Plattform seiner Vollendung entgegenstrebt. Das Gebäude, das im Herbst eingeweiht werden soll, dient zum Testen von Aufzugsystemen. Broß nimmt von der Küche aus aber ebenso gern den 700 Jahre alten Stauferturm in den Blick. In seinem Büro wiederum steht ein Modell der Hängebrücke, die nun zur Abstimmung stand: "eine Verbindung zwischen Alt und Neu", wie Broß findet.

606 Meter lang soll die Brücke werden, für die Kosten von rund sechs Millionen Euro steht ein privater Investor gerade. Vorbild ist highline179, eine Hängebrücke in Reutte, Tirol, entsprechend soll das Rottweiler Werk Neckarline heißen. Bis zu 40 Meter hoch über dem Neckartal wird die Brücke verlaufen. Wenn das weitere Genehmigungsverfahren glatt läuft, könnte sie nächstes Jahr eröffnet werden. Die Brücke soll Besucher des neuen Turms dazu verleiten, mit einem schaurig-schönen Blick in den Abgrund die Altstadt zu besuchen. Sie müssen dafür allerdings eine Maut von voraussichtlich neun Euro zahlen.

Rottweil lebte lange Zeit vom öffentlichen Sektor. Gerichte, Polizei, Schulen, Post. Der Oberbürgermeister will nun eine neue Dynamik entfachen. In der Stadt regt sich durchaus Protest. Von Ausverkauf, von Verschandelung ist die Rede, Rottweil werde zum Rummelplatz. Aber die Mehrheit ist Broß gefolgt. Der Turm, ein Entwurf der Architekten Helmut Jahn und Werner Sobek, hat mittlerweile eine beträchtliche Zahl von Fans. Die einen empfinden ihn als überdimensionale Kerze, die anderen als gigantischen Bohrer. Jedenfalls war die Mehrzahl der Bürger überzeugt, dass der Turm nur samt Brücke Sinn ergibt.

Mehr Touristen und zugleich mehr Industrie sollen Turm und Brücke in die Stadt locken. Die Dinge seien bereits in Bewegung geraten, sagt Broß, Investoren würden merken: Die Rottweiler haben mehr als ihre Historie, mehr als den "Narrensprung" zur Fasnet und die Geschichte des gleichnamigen Hundes. Stolz ist der Oberbürgermeister aber vor allem auf die Art und Weise, wie er die Rottweiler in die Entscheidungsfindung einbezogen hat. Gern würde er deshalb einen weiteren Superlativ für seine Stadt in Anspruch nehmen: "die beste Bürgerbeteiligung".

Vom Landesverband "Mehr Demokratie" erhielt die Stadt jedenfalls vor kurzem die "Demokratie-Rose" für die Beteiligung ihrer Bürger an der Planung einer neuen Justizvollzugsanstalt. Noch so ein Bauwerk, das demnächst in Rottweil entstehen wird.

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