Alltagsdroge Heroin Opium fürs Volk

New Yorker Zeitungen berichten am Dienstag nach dem Tod des Schauspielers Philip Seymour Hoffman von dessen Bekenntnis zu seiner Drogensucht, erst wenige Wochen zuvor

Es ist billig und überall zu haben - manchmal sogar im Happy Meal von McDonald's: Heroin ist in Amerika zur Alltagsdroge geworden. Alle 19 Minuten stirbt dort ein Mensch an Drogen, viele an Heroin.

Von Kathrin Werner, New York

Und er ist nicht der Einzige. Als man Philip Seymour Hoffman am Sonntag tot auf dem Badezimmerfußboden in seiner Wohnung in Manhattan fand, steckte die Nadel noch in seinem linken Arm. Der Schauspieler trug nur Boxershorts, neben ihm lagen fünf leere Heroin-Beutel. Ace of Spades und Ace of Hearts, Pik-Ass und Herz-Ass, so heißen die Heroin-Sorten. Über seine Wohnung verteilt waren Spritzen und fast 50 Beutel, manche leer, manche voll. Hoffman war 46 Jahre alt.

Über seinen Drogentod schreibt die Weltpresse. Über die vielen anderen Fälle in den vergangenen Wochen schreibt kaum einer. Immer häufiger sterben Menschen an einer Überdosis oder an verunreinigtem Heroin - vor allem an der Ostküste. In Philadelphia starben 2011 251 Junkies, 2010 waren es 138. Heroin, dem das Schmerzmittel Fentanyl untergemischt war, brachte seit September im kleinen Bundesstaat Maryland mindestens 37 Menschen um und in Pittsburgh und umliegenden Städten in Pennsylvania innerhalb einer Woche 22. Dealer verkaufen es mit ironischen Namen wie "Theraflu", was eigentlich ein Grippemedikament ist, oder "Income Tax" - Einkommensteuer. Alle 19 Minuten stirbt ein Amerikaner an Drogen, ein großer Teil von ihnen an Heroin.

"Überdosen werden zur Werbung für ein starkes Produkt"

Und jeder Fall von einer Überdosis oder von vermischtem Heroin zieht weitere nach sich, erklärt der Sozialarbeiter und Journalist Jeff Deeney, der selbst süchtig war: Die harten Abhängigen machen sich auf die Suche nach den besonders potenten Beuteln, wenn es Nachrichten über ihre Markennamen wie Ace of Hearts oder Ace of Spades gibt. "Überdosen werden zur Werbung für ein starkes Produkt."

Heroin ist inzwischen fast eine Alltagsdroge in Amerika. In New York gibt es das Zeug an jeder Straßenecke, ja man kann es sich von Kurierdiensten an die Haustür bringen lassen. Hier ist die Zahl der Überdosis-Opfer zwischen 2010 und 2012 um 84 Prozent gestiegen. 382 Menschen.

Die Nutzer werden immer jünger

Während der Konsum in Deutschland seit Jahren sinkt, steigt er in den USA. 2007 nahmen 373 000 Amerikaner Heroin - in etwa so wie in den Jahren zuvor. 2012 waren es schon 669 000. Von ihnen gelten 467 000 als abhängig - fast doppelt so viele wie 2002, heißt es in einer Studie des US-Gesundheitsministeriums. Und die Nutzer werden immer jünger: 2009 war man beim ersten Schuss im Schnitt 25,5 Jahre alt, 2012 nur noch 23.

"Die Sucht betrifft alle demografischen Gruppen", sagt Gil Kerlikowske. Er arbeitet für das Weiße Haus, offiziell nennt man ihn Direktor des Office of National Drug Control Policy, inoffiziell heißt er Drogenzar. "Wir dachten lange, Heroin sei ein Problem der Innenstädte, aber inzwischen sehen wir es im ganzen Land, in allen Bevölkerungsgruppen und allen Altersklassen."

Einer der Hauptgründe für den Anstieg ist, dass Heroin recht unkompliziert und billig zu haben ist. Vor ein paar Tagen hat die Polizei in Pittsburgh eine McDonald's-Mitarbeiterin verhaftet, die Heroin verkaufte. Ihre Kunden sind zum Drive-in-Schalter gefahren, bestellten "ein Spielzeug" und bekamen ihr Tütchen in den Boxen von Happy Meals. Heroin ist billig, vor allem wegen steigender Produktion in Mexiko, heißt es bei der Anti-Drogenbehörde Drug Enforcement Administration (DEA). Die DEA nennt Heroin schon eine Epidemie. Die mexikanischen Dealer hätten ihre Netzwerke in jüngster Zeit auch in den Mittleren Westen und Nordosten der USA ausgedehnt. An der Grenze zu Mexiko haben die US-Behörden 2012 1855 Kilo Heroin beschlagnahmt, das ist ein Anstieg von 232 Prozent im Vergleich zu 2008 - und natürlich finden die Polizisten nur einen Bruchteil der Ware.