Studie des Deutschen Alpenvereins An der Schneegrenze

Laut einer neuen Studie des DAV sind die Skigebiete im Oberland auch mit massivem Einsatz von Beschneiungsanlagen nur noch etwa 20 Jahre für den Wintersport sicher.

Von Birgit Lotze

Die Ergebnisse einer vom Deutschen Alpenverein (DAV) in Auftrag gegebenen Studie über die Auswirkungen des Klimawandels auf den bayerischen Alpenraum sind wenig beruhigend für die Region. Das Oberland ist danach eines der ersten Gebiete, die den Skitourismus in der jetzigen Form wohl aufgegeben müssen. Nur ein Grad Erwärmung könne für das Brauneck gravierende Folgen haben, hieß es bei der Pressekonferenz des Deutschen Alpenvereins in München.

Selbst bei massivem Ausbau der Beschneiungsanlagen sei der Berg in 15 bis 20 Jahren nicht mehr schneesicher. Ein Grad plus reiche dafür schon. Spätestens 2040, ohne massive Anstrengungen gegen den CO2-Ausstoß bereits wesentlich früher, sei auch mit moderner Beschneiungstechnik keine für viele Skifahrer akzeptable Schneesicherheit mehr gegeben. Mehr als 40 Prozent der Pisten könnten trotz erheblichen Aufwandes für die Präparierung nicht über 100 Tage hindurch schneebedeckt erhalten bleiben.

Die Temperaturen steigen an den Alpen stärker als im globalen Durchschnitt. Mit den österreichischen Skigebieten in der Schweiz und Italien könne die gesamte Alpennordseite nicht konkurrieren, nicht nur wegen der Höhe, sondern auch wegen klimatischer Nachteile, sagte der Leiter der Studie Robert Steiger von der österreichischen Alps GmbH, die die Studie mit dem Institut für Geografie der Universität Innsbruck erstellte. Doch auch der Vergleich mit den bayerischen Skigebieten fällt für das Brauneck, den Blomberg und den Herzogstand schlecht aus. Die Nachbarn - Garmisch, Oberstdorf - können ein paar Jahre länger durchhalten.

Werner Weindl, Bürgermeister in Lenggries, welches das Brauneck als "Wirtschaftsberg" nutzt und stark vom Wintertourismus lebt, sieht derzeit keinen Anlass vom Rückzug aus dem Skitourismus. "Kann sein, dass der Schnee in den nächsten Jahren weniger wird. Aber momentan ist das überhaupt nicht der Fall." Auch der Geschäftsführer der Brauneck-Bergbahnen, Peter Lorenz, will seine Strategie nicht ändern: Die Brauneck-Bahnen rüsten derzeit gewaltig auf, haben nach dem Bau eines neuen 100 000 Kubikmeter Wasser fassenden Speicherteiches bereits in diesem Winter die Zahl ihrer Schneekanonen auf 45 verdoppelt und wollen in der kommenden Saison sogar 70 Beschneiungsanlagen hochfahren. "Das sind Prognosen, das ist doch Kaffeesatzleserei", kommentierte Lorenz die Studie. Angesichts des vielen Schnees in den vergangenen Jahre seien die Ergebnisse nicht nachvollziehbar. "Vor zwanzig Jahren hatten wir viele schlechte Winter. Doch in den vergangenen zehn hatten wir nur einen, der nicht gut war." Selbst die Abfahrt nach Wegscheid, die nicht künstlich beschneit wurde, sei heuer bis Saisonende Anfang April hervorragend befahrbar gewesen.

Der Herzogstand wird laut der DAV-Studie bereits bei einem halben Grad Erwärmung nicht mehr für den Pistenbetrieb nutzbar sein. Würden dort Schneekanonen aufgestellt, was in dem Flora-und-Fauna-Habitat nicht zulässig ist, wäre er langfristig schneesicherer als das Brauneck. Denn während bei einem Temperaturplus von zwei Grad nur noch Schneeflecken am Brauneck zu finden sind, die Produktion von Kunstschnee nicht mehr nachkommt, könnte am Herzogstand beinahe jede zweite Piste künstlich beschneit werden. Natürlicher Schnee liegt dann auch dort allerdings kaum mehr.

Auch die Schneelage im für die Liftbetreiber so wichtigen Weihnachtsgeschäft wird in der Studie eigens untersucht. In den vergangenen drei Jahrzehnten waren mit Unterstützung von Kunstschnee im Schnitt zwei von drei Brauneck-Pisten zum Weihnachtsfest nutzbar, bei nur einem halben Grad Erwärmung gelten nur noch eine von drei Pisten als schneesicher.

Teuer wird es auch: Denn der Schneebedarf steigt mit dem Klimawandel.Während am Brauneck derzeit 74 Zentimeter Schnee in der Saison Schneesicherheit garantieren, werden dafür laut der Studie bei einem Grad Erwärmung 97 Zentimeter benötigt. Bei zwei Grad steigt der Bedarf auf 1,33 Meter, bei 3,5 Grad wären es bereits fast zwei Meter. Der DAV nutzte die Pressekonferenz für Hinweise an die Politik in Bayern auf eine schnelle Umorientierung hin zum nachhaltigen Tourismus ohne Schnee. Brauneck-Bahn-Chef Lorenz scheint dann auch ein bisschen erleichtert, dass das Brauneck noch ein zweites, wenn auch nicht ganz so bedeutendes Standbein hat. "Das ist unser Vorteil gegenüber den österreichischen Skigebieten: Wir haben auch einen guten Sommerbetrieb."