Ausgezeichnetes Talent Von Icking nach Oxford

Gerade lässt es sich der 18-jährige Ickinger in Costa Rica gutgehen. Sebastian d'Huc lernt dort Spanisch, genießt aber auch die Zeit am Strand.

(Foto: oh)

Sebastian d'Huc studiert von Herbst an an einer der Elite-Universitäten in England. Sein Potenzial zeigte sich schon am Rainer-Maria-Rilke-Gymnasium, als er nach seinem Abitur den Förderpreis bekam.

Von Julian Erbersdobler

Als Sebastian d'Huc in Oxford sitzt, starren ihn zwei Männer mit Mienen aus Stein an. Sie wollen ihn provozieren, stellen ihm Rätsel und Fragen über soziale Netzwerke, über die Grenzen der Meinungsfreiheit, über Utilitarismus und Deontologie. Sie reden über Türen hinter denen sich entweder eine Ziege oder ein schickes Auto befindet. Wahrscheinlichkeitstheorie.

Die Männer sind seine neuen Professoren. Aber das weiß d'Huc damals noch nicht. Er glaubt, dass seine Antworten den hohen Ansprüchen in Oxford nicht genügen. Er glaubt, dass er scheitern wird. Er glaubt, dass er mindestens eine der vielen Hürden im Kampf um die wenigen Plätze an der Elite-Universität reißen wird. Als er nach zwei zähen Bewerbungsgesprächen wieder zurück nach Icking kommt, hat er kaum Hoffnung. "Innerlich hatte ich Oxford schon abgehakt", wird er später sagen.

Am 10. Januar öffnet d'Huc am Vormittag sein Mail-Postfach. Eine neue Nachricht. Er rechnet mit einer Absage. Aber er findet das Wort einfach nicht. In der Mail steht, dass Sebastian d'Huc, heute 18 Jahre alt, ab Herbst auf dem Corpus Christi College in Oxford studieren kann. Seine Fächer: Philosophy, Politics und Economics, kurz PPE. An der 1517 gegründeten Uni ist er einer von sechs neuen Studenten mit dieser Kombination. Malala Yousafzai studiert auch PPE. Das ist die Pakistanerin, die mit 15 Jahren den Friedensnobelpreis bekommen hat. D'Huc will diese Information loswerden. "Wenn man sich das klarmacht, merkt man wie klein man selbst ist", sagt er.

Was er denkt, wenn ihn alle loben? "Ich freue mich, schaue kurz beschämt zu Boden und mache einfach weiter"

Es ist noch gar nicht so lange her, als der Ickinger selbst ausgezeichnet wurde. Als erster Schüler des Rainer-Maria-Rilke-Gymnasiums bekam er den Förderpreis. Natürlich haben auch die Lokalzeitungen darüber berichtet. Der damalige Stufensprecher könne Brücken zwischen Lehrern und Schülern bauen, hieß es auf der Verleihung. Er sei ein "bemerkenswertes Talent" mit "beeindruckender Leistungsfähigkeit".

Sebastian d'Huc hat einen gravierten Füller geschenkt bekommen. Die Botschaft dahinter: Von dem Jungen erwarten wir noch Einiges. Das Schöne ist, dass der Ickinger mit dem 1,2-Abitur damit entspannter umgeht, als einige Menschen um ihn herum. Über die Lobhudelei sagt er: "Ich freue mich, schaue kurz beschämt zu Boden und mache einfach weiter."

Wer ihn nach seinen Lieblingsfächern in der Schule fragt, bekommt eine längere Liste als Antwort. Aber auch den Hinweis, wie wichtig das Engagement außerhalb des Unterrichts sei. Sebastian d'Huc war nicht nur Stufensprecher, sondern auch im Technik- und Videoteam. Er hat zusammen mit seinen Mitschülern an Jahresrückblicken gebastelt und war oft einer der Letzten, der das Gymnasium nach Konzerten oder Theateraufführungen verlassen hat.

Es sei ein Irrglaube, sagt er, dass nur die guten Schüler die Zeit hätten, sich nebenher noch einzubringen. Gerade Jugendliche mit schlechteren Noten könnten davon profitieren, weil "die Schule das Feindliche verliert". Am Ickinger Gymnasium hat d'Huc auch das Drehen gelernt, den Umgang mit der Kamera, mit Schärfe und Belichtung.

Im Juni 2017 hat Sebastian d'Huc den Förderpreis am Rainer-Maria-Rilke-Gymnasium bekommen.

(Foto: oh; Stefan Berez/oh)

Ohne die Erfahrungen hätte ihn die Historikerin und Dokumentarfilmerin Sybille Krafft wahrscheinlich auch nicht gefragt, ob er sie begleiten will. Im Dezember reisten sie nach Israel, um Zeitzeugen zu interviewen, die im ehemaligen Lager Föhrenwald waren. "Ich habe schon einige Praktikanten erlebt. Sebastian ist eine singuläre Erscheinung", sagt sie. Krafft hatte einen Artikel über den Ickinger Schüler gelesen und ihn auf einer Veranstaltung angesprochen. Von da an arbeitete er für ihren Verein "Bürger fürs Badehaus".

"Ich wusste, wenn ich mich nicht woanders engagiere, werde ich verrückt", sagt er über seinen Eintritt bei der SPD

Die Zeitzeugengespräche haben d'Huc besonders bewegt. "Ich hatte bei vielen das Gefühl, dass sie ihre Geschichte zum ersten Mal erzählen." Föhrenwald war nach der Befreiung ein Lager für jüdische Displaced Persons (DP). Menschen, die den Holocaust überlebt hatten und nach Israel oder in die USA auswandern wollten. Sebastian d'Huc sagt: "Für viele war Föhrenwald der erste Ort, an dem sie keine Nummer waren, sondern Menschen." Viele seiner Sätze klingen so geschliffen, als hätte er die Worte schon Tage vorher zurechtgelegt.

Mit 17 trat er in die SPD ein, Ortsverein Icking. Wenn man so will als Ersatz für die Schule, in der er viel Zeit verbracht hat. So viel Zeit, dass Mitschüler überlegt hatten, den Artikel "Sebastian sucht ein neues Zuhause" in die Abizeitung zu schreiben. "Ich wusste, wenn ich mich nicht woanders engagiere, werde ich verrückt." Mittlerweile bildet er gemeinsam mit Max-Ferdinand Meißauer das Sprecher-Duo der Jusos.

Beim SPD-Mitgliedervotum hat Sebastian d'Huc gegen die große Koalition gestimmt. Ihm wäre eine Minderheitsregierung lieber, sagt er, weil dann im Parlament wieder mehr diskutiert würde. Mit Politik kam er zum ersten Mal in den USA in Berührung. Damals, als Barack Obama 2008 zum ersten schwarzen Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde. Als "Yes we can" mehr als nur ein Wahlkampfslogan war. Insgesamt verbrachte Sebastian d'Huc vier Jahre mit seinen Eltern in Amerika. Sein Vater arbeitet als Manager bei Siemens, die Mutter ist Apothekerin.

Und der Sohn? Ob er mal Berufspolitiker wird? "Man kann das Land auf viele Arten gestalten ohne im Bundestag zu sitzen", sagt d'Huc. Zum Beispiel im diplomatischen Dienst.