Geothermie in Gelting Vergebliche Bohrung

Die Firma Enex Power Germany erleidet einen herben Rückschlag beim Geothermie-Projekt: Statt 120 werden nur zehn Liter heißes Wasser pro Sekunde gefördert. Aufgeben will das Unternehmen dennoch nicht.

Von Wolfgang Schäl

Es ist mit 6036 Metern die tiefste Geothermie-Bohrung Europas, sie hat 35 Millionen Euro verschlungen, die Hoffnungen des gesamten Geretsrieder Energiekonzeptes beruhten auf ihr. Und jetzt - nach vier Jahren vorbereitender Arbeiten - die große Ernüchterung: Das Bohrloch am Breitenbach bei Gelting liefert nahezu kein heißes Wasser. Dies hat Robert Straubinger, der Geschäftsführer der Enex Power Germany GmbH, gestern im Beisein des 3. Bürgermeisters Robert Lug und des Geschäftsführers der Energie Geretsried GmbH, Jan Dühring, bekannt gegeben.

Mitte Juli dieses Jahres war die maximale Bohrtiefe erreicht worden, Ende Juli wurden die ersten Pumpversuche angestellt. Dabei stellte sich nach Straubingers Schilderung heraus, dass die Temperatur des Wassers mit 165 Grad "exorbitant hoch war". Ein eigentlich positives Ergebnis, dem aber ein schlechtes folgte: Statt der erwarteten 100 bis 120 Liter pro Sekunde, die für eine ökonomisch vertretbare Nutzung nötig gewesen wären, kamen in den ersten Augusttagen weniger als zehn Liter an die Oberfläche.

Nach Straubingers Vermutung ist dafür die besonders dichte Gesteinsstruktur in dieser Tiefe verantwortlich - durch den dort herrschenden großen Druck habe sich in das Kalziumgestein vermutlich Magnesium eingelagert, ein in der Geologie als Dolomitisierung bezeichneter Vorgang. Ob dies speziell an dieser Bohrstelle der Fall war oder ob dies ein Vorgang ist, der sich in solchen Tiefen zwangsweise abspielt, das wissen nach Straubingers Worten "nicht einmal die Geologen".

Der Grund für die mangelnde Durchlässigkeit des Gesteins werde derzeit untersucht, unter anderem an der Universität Erlangen. Vorwürfe oder Kritik von Seiten der Investoren oder der Rückversicherung, die für einen großen Teil des Schadens aufkommen muss, hat es Straubinger zufolge nicht gegeben. Dafür sei er sehr dankbar, alle Beteiligten, von den Investoren über die Spezialisten vor Ort bis hin zu den Fachberatern und den Verantwortlichen der Stadt, hätten hervorragend zusammengearbeitet.

An technischen Problemen, an denen es im Verlauf der Bohrarbeiten nicht mangelte, habe es jedenfalls nicht gelegen, teilt Straubinger mit. Denn insgesamt sei die Bohrung fachgerecht ausgeführt und der vorgesehene Bohrpfad exakt eingehalten worden. Auf eine weitere Ertüchtigung der technischen Anlagen werde man im Augenblick aber verzichten und die Arbeiten erst einmal einstellen. Die Flinte ins Korn werfen will Enex trotz der eingestandenen Enttäuschung allerdings nicht. In den kommenden Wochen und Monaten werden die gewonnenen Erkenntnisse erst einmal ausgewertet, danach geht es darum, Optionen zu prüfen, wie das Projekt doch noch gerettet werden kann.

Dazu gehört eine Ablenkbohrung, genannt "Side Track", in eine andere geologische Formation. Dieses Verfahren könnte vergleichsweise zeitnah, also in einigen Wochen, in Angriff genommen werden, verursacht aber weitere Kosten, über die zunächst mit der Versicherungsgesellschaft geredet werden muss. Weitere Optionen wären aufwendiger und würden Straubinger zufolge "einen anderen Zeithorizont" in Anspruch nehmen. In diesem Fall müsste das Bohrgestänge auf Gut Breitenbach erst einmal abgebaut werden. Auf jeden Fall wäre es aus Sicht der Enex "ein Unding, die Vorarbeit der letzten vier Jahre nicht zum Erfolg zu führen". Straubinger stellte bei der Gelegenheit auch klar, dass die Bohrstelle nahe dem Geltinger Tierheim erhalten bleibt.

In Zuversicht übt sich ungeachtet des herben Rückschlags auch die Stadt. "Wir hatten natürlich mit einer Einbindung geothermischer Wärme bereits ab 2014 gerechnet", sagte Lug, dies lasse sich nun nicht mehr realisieren. Die Energie Geretsried GmbH werde bis auf weiteres an den Planungen für ein Geothermie-Fernwärmenetz festhalten. Als ersten Schritt dazu nennen Lug und Dühring den Bau eines Blockheizkraftwerks am geplanten Hallenbadstandort. Eine ähnliche, dezentrale Energieversorgung sei für das Gebiet am Neuen Platz vorgesehen. Diesen Weg werde die Stadt auch dann beschreiten, wenn die Geothermie entgegen aller Hoffnung als Energieträger für die Wärmeversorgung ausfalle. An den Zielen des Klimaschutzkonzeptes - 40 Prozent weniger CO2 - werde " in jedem Fall festgehalten".