Trudering Der große Knall

An diesem Sonntag feiern die Original Truderinger Böllerschützen mit einem Festgottesdienst und einem großen Umzug ihr 25-jähriges Bestehen. Der Tipp für alle Zaungäste: Ohrenstöpsel schaden nicht

Von Renate Winkler-Schlang, Trudering

Der Schauplatz ist filmreif. Weites Niemandsland zwischen Messe und Autobahn, ein paar einsame Laster stehen auf brüchigem Asphalt, ein paar Zäune und Absperrungen kreuz und quer. Samstagnachmittag. Ein Auto nach dem anderen zweigt auf diese Fläche ab, die Fahrer parken nebeneinander ein. Kofferraumdeckel springen auf, schwere Waffen werden hergerichtet. Doch hier trifft sich niemand heimlich zum Duell, es dreht auch keiner einen Actionfilm. Die Frauen und Männer, alle im grünen Poloshirt mit Aufnäher, begrüßen sich mit festem Händedruck oder einer Umarmung. Sie freuen sich sichtlich, einander zu sehen. Sie lachen und scherzen. Ohrstöpsel werden aus Hosentaschen gezogen. Die Frontlinie steht: Übungsschießen der Original Truderinger Böllerschützen.

Das erste, was deren Vereinsvorsitzender Claus Siegel, Pressewart Volkmar Korsch und die anderen alten Böller-Hasen klarstellen: "Waffe ist eigentlich das falsche Wort. Es handelt sich um Böller, also um Lärmgeräte." Dieses Krachmachen sieht einfach aus, doch es will geübt sein. Diesmal ist die Teilnahme am Übungsschießen noch mehr als sonst Ehrensache, denn ein großes Jubiläum und ein großes Fest stehen an: Die Truderinger Böllerschützen gibt es seit 25 Jahren.

Ein reich verziertes Böller-Gerät.

(Foto: Florian Peljak)

Den alten Brauch des Böllerns pflegte man im Stadtteil schon viel länger, jedoch in einem anderen Verein, der dann im Truderinger Trachtenverein aufging. Manchem aber passte diese Fusion seinerzeit nicht - und so kam es zur Gründung derer, die nun seit 25 Jahren zur Unterscheidung von den anderen die Vokabel "Original" im Vereinsnamen tragen. Man komme aber schon miteinander aus, sagen einige der Männer in Grün hier auf der Sonderfreifläche der Messe, auf der sie üben dürfen, wenn dort keine Outdoor-Ausstellung stattfindet.

Claus Siegel ist seit 2009 im Verein, er kennt die alten Geschichten nur vom Hörensagen. Beigetreten sei er, als seine Knochen ihm das Fußballspielen übel nahmen - und weil sein Bruder bereits dabei war. Zum Vorstand machten sie ihn schließlich, weil sein Vorgänger sich in Köln in eine Faschingsprinzessin verliebte und an den Rhein umzog.

Beitreten und losböllern, das geht nicht, erzählt Siegel. Wer neu dazu kommt, braucht einen astreinen Leumund, das ist Voraussetzung. Nach einem Jahr, wenn der Verein den Beitrittswilligen für geeignet befindet, darf dieser beim Kreisverwaltungsreferat einen Antrag "gemäß Paragraf 27 des Sprengstoffgesetzes" stellen. Es folgt eine schriftliche Böllerprüfung, dann die praktische - und die ist einfacher. "Man böllert", lacht Siegel, "da ist noch keiner durchgefallen." Wer besteht und den Schein bekommt, darf im Waffengeschäft, im Internet oder beim jährlichen Oberbayerischen Böllertreffen sein Schwarzpulver kaufen. 20 Kilo müssen reichen für fünf Jahre. Dort gibt es auch die Zündhütchen und die Korken zu einem guten Preis. Die Genehmigung, so Siegel, gelte nicht unbegrenzt: 100 Euro kostet das Verlängern.

Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Gast bei den Original Truderinger Böller-Schützen

(Foto: privat)

Böllern ist kein billiges Hobby. Aus Eichenholz und Stahl ist jeder dieser mehrere Kilo schweren Handböller gefertigt, meist verziert und graviert mit Initialen oder Ranken; die Mitglieder zeigen die Prunkstücke mit großem Stolz. Qualität, die ihren Preis hat: von 600 Euro an aufwärts. Und ohne die selbst entworfene Fantasietracht samt Hut geht es auch nicht. Hinzu kommen die Kosten fürs Material und die Bürokratie.

Dennoch zählen die Original Truderinger Böllerschützen 35 Aktive; die Böllertruppe ist damit eine der größten im Umkreis. Und durch die mehr als 200 unterstützenden Mitglieder ist der muntere Verein einer der größten im Viertel. Nachwuchssorgen haben sie keine, denn so mancher Sohn tritt stolz in die Fußstapfen des Vaters.

Bemerkenswert ist, dass hier keiner den anderen anschreit, alle reden in normaler Lautstärke. "Wir hören alle noch gut", lacht Michael Schmidt, der im Verein die Kasse betreut. Die Gruppe auf der Brache übertrifft sich dabei, den Verein zu loben: "Eine tollte Kameradschaft haben wir", sagt einer. Man lerne bekannte Menschen kennen, die Merkel, den Beckstein, den Seehofer zum Beispiel. Die Bundeskanzlerin sei überrascht gewesen, dass auch Frauen dabei sind. "Das ist Bayern", habe Seehofer gesagt, "aber das sagt der immer". Man lerne aber auch nette und lustige Leute kennen, versichern Christine Niedermeier und Angelika Weiß.

Ein Böller-Gerät in Großaufnahme

(Foto: Florian Peljak)

Und dann Fasching, Ausflug, Weihnachten, das Schlachtschüsselessen in St. Peter und Paul, wo sie im Pfarrsaal auch ihre Vereinstreffen abhalten dürfen - die Böllerschützen lassen es auch im übertragenen Sinn gerne krachen. Vielen ist es auch wichtig, Brauchtum zu pflegen, sagt der Vorsitzende. Ursprünglich sei als Ehrenbezeugung für Könige geböllert worden, dann tat man's auch für kirchliche Würdenträger. Später kamen Hochzeiten, Beerdigungen, Geburtstage und festliche Anlässe aller Art dazu. "Es ging auch darum, den Winter oder böse Geister zu vertreiben", ergänzt Helmut Weber.

Sicherheit ist wichtig, daher stehen die Böllerschützen nicht dicht bei dicht, sondern mit Abstand. Damit der Eindruck stimmt, gibt es auch eine Art Choreografie. Die hat Siegel im "Kleinen Böller-ABC" niedergelegt. Er gibt die Kommandos: "Laden zur Salve - Böllerschützen Achtung - Böller auf - Gebt Feuer - Böller ab". Und wer zusieht, dem ist zu raten, sich die Ohren zuzuhalten. Kleine Stichflammen kommen aus den Waffen, dann Pulverdampf. Es regnet rußige Korken und Schwarzpulverstaub. Nachbarn werden hier nicht gestört, und wenn doch einer bei der Polizei anruft, ist die im Bilde: Sie wird vom Übungsböllern ebenso informiert wie das Beschussamt. Außer der Salve gibt es etwa noch das Doppelfeuer, das langsame Reihenfeuer oder das gegenläufige Reihenfeuer. Da muss jeder Schuss sitzen, das erfordert nicht nur Kraft, sondern auch Konzentration. Es wird geübt, gelacht, wieder geübt. Das Schwarzpulver haben sie portioniert in kleinen Röhrchen, die Korken warten zwischen den Zähnen, bis nachgeladen ist. Böllern, das geht auch bei Regen, versichert Angelika Weiß.

Unüberhörbar: Die Original Truderinger Böllerschützen feiern Jubiläum: Die Böller-Geräte werden mit Schwarzpulver und einem Korken geladen.

(Foto: Florian Peljak)

Dennoch hoffen sie auf gutes Wetter für ihren Jubiläumstag. Der beginnt an diesem Sonntag, 17. Mai, um 10 Uhr mit einem Festgottesdienst im Festzelt an der Wasserburger Landstraße, zelebriert vom geistlichen Rat Herbert Kellermann von St. Peter und Paul. Zum Festumzug werden Vereine aus dem Viertel und befreundete Böllerschützen zum Teil von weit her erwartet. Er führt die Festgemeinde über die Wasserburger Landstraße, Emmastraße, Königseestraße und Funtenseestraße zum Böllerplatz im Park an der St. Augustinus-/Feldbergstraße.

Übrigens: Ohrstöpsel können den Gästen nicht schaden.