Tocotronic in München Schall & Gähn

Digital ist besser: Tocotronic zeigen bei ihrem Konzert in der Tonhalle, dass sie schlechte Lügner - und eine schlechte Live-Band sind.

Von Lisa Sonnabend

Das Verhältnis der Hamburger Band Tocotronic zu München ist ein angespanntes. "Hallo, Roxy Munich", sagt Sänger Dirk von Lowtzow am Freitagabend in der ausverkauften Tonhalle - und man kann diese ausgesprochen freundliche Begrüßung nur als Provokation und glatte Lüge sehen. Schließlich machen Tocotronic in Interviews keinen Hehl daraus, dass sie für die Stadt an der Isar nicht allzu viel übrig haben.

Später an diesem Abend wird Lowtzow den Song "Aber hier leben, nein danke" ankündigen mit den Worten: "Jetzt kommt für euch ein Heimatlied."

Die einen werden ob dieser Hybris die Nase rümpfen, andere werden sie für berechtigt halten. Schließlich hat München in den vergangenen zwei Jahrzehnten keine annähernd erfolgreiche und einflussreiche Band hervorgebracht wie Hamburg mit Tocotronic.

Vor wenigen Wochen ist ihr neuntes Album erschienen. "Schall & Wahn" ist das erste Tocotronic-Album, das Platz eins der deutschen Charts erreicht hat. Und unstrittig ist: Es ist eines ihrer besten.

In einer Art Kunstsprache singt Lowtzow von Blut, Terror und der Liebe. Dass sich Tocotronic weiterentwickelt haben, erkennt man nicht nur daran, dass sie inzwischen blau-graue Hemden statt Adidas-Trainingsjacken tragen. Die Melodien sind raffiniert, die Texte noch poetischer als früher.

Natürlich gibt es auch wieder genug Textpassagen, die sich dafür eignen, sie auf T-Shirts drucken zu lassen: Hemden mit der Aufschrift "Keine Meisterwerke mehr", "Die Folter endet nie" oder "Mach es nicht selbst" liegen am Merchandise-Stand bereit.

Doch an diesem Abend in der Tonhalle überzeugen Tocotronic nicht restlos. Während auf CD ihre Songs eine magische Wirkung haben, kommt diese auf der Bühne nur in seltenen Momenten rüber. Zu aufgekratzt wirkt der Sound und der feierliche Gesang, die Texte verlieren sich in der Halle. Statt Poesie dominieren Gepose und Geschrammel. Digital ist besser.

Schmerzlich vermisst man bei "Let there be Rock" die Fanfare von Europes "Final Countdown". Der letzte Song des Abends "Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit" plätschert fast zehn Minuten lang arg kläglich dahin.

Da nützt es nichts, dass Lowtzow auf der Bühne hüpft und springt, bis sein Hemd völlig durchgeschwitzt ist. Tocotronic ist einfach keine Live-Band. An der Wertschätzung für die Hamburger ändert sich dennoch nichts - vorausgesetzt natürlich, sie hören auf, sich über München lustig zu machen.