SZ-Serie: "Münchner Freiheit", Teil 10 Jeder Tag ein Abenteuer

Wilde Pflanzen und wilde Bienen im Arnulfpark: In ihre Loggien im fünften Stock lockt Katharina Heuberger Wildbienen, Wespen, Wanzen und Vögel. In die selbstgebauten Nisthilfen etwa legen zehn verschiedene Arten von Wildbienen ihre Eier.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Katharina Heuberger hatte einen Balkon wie jeder andere. Dann entdeckte sie ihr Herz für Wildbienen. Nun summt und brummt es auf ihren beiden Loggien, die sie in ein Paradies für Wespen, Schmetterlinge und Vögel verwandelt hat.

Von Jasmin Siebert

Wenn die Männchen der Gehörnten Mauerbiene schlüpfen und aufgeregt im Schwarm auf den beiden Balkonen herumfliegen, erinnert das Katharina Heumann an Mofagangs aus ihrer Jugend - weil die Drohnen eben auch einen auf dicke Hose machen. Sie schlürfen ein wenig Nektar aus den kleinen lila Blüten der Traubenhyazinthen und wenn die Weibchen eine Woche später schlüpfen, stürzen sie sich auf sie. Fünf Männchen auf ein Weibchen, das sieht dann aus wie eine plüschige Kugel, die über den Balkon kullert. Und wenn es einer endlich geschafft hat, das Weibchen zu begatten, bleiben die anderen oft trotzdem noch oben drauf sitzen.

Heuberger ist keine Biologin, sondern studierte Literaturwissenschaftlerin. Doch seit die Wildbienen vor vier Jahren auf ihren Balkon im fünften Stock eines Neubaus im Arnulfpark kamen, hat es sie erwischt. "Ich erlebe jeden Tag Abenteuer auf dem Balkon", sagt die 52-jährige, die von Zuhause aus als freie Journalistin arbeitet. Von ihrem Schreibtisch aus blickt sie auf eine Loggia. Eine zweite, größere Loggia geht von der Küche ab.

Zehn verschiedene Arten Bienen kommen dorthin, allesamt Wildbienen, die alleine leben und auch keinen Honig produzieren. In Zinkkästen und Tontöpfen wachsen fast ausschließlich heimische Wildpflanzen wie Kornblume, Kamille oder Klatschmohn. Diese locken auch Wespen, Wanzen, Schmetterlinge und allerlei Vögel an. Die meisten Pflanzen sind mehrjährig oder säen sich selbst wieder aus. So ist der Balkon immer grün und Heuberger hat nicht viel Arbeit mit der Pflege. Seit sie eine Bewässerungsanlage installiert hat, kann sie sogar problemlos ein paar Tage verreisen.

Heuberger ist ein sehr genauer Mensch. In einer Tabelle dokumentiert sie, welche Pflanzen wann und wie lange blühen. Auf ihrem Schreibtisch vor dem Bürobalkon liegt eine Kamera mit Makroobjektiv bereit, um tierische Gäste zu fotografieren und anschließend zu bestimmen. Anfangs vernachlässigte sie sogar ihre Arbeit, so sehr war sie damit beschäftigt herauszufinden, ob es nun die Gehörnte oder die Rostrote Mauerbiene war, die gerade vorbeigeflogen ist.

Im Bücherregal sind Thomas Mann und Marcel Proust zugunsten von Wildpflanzen- und Bestimmungsbüchern in die zweite Reihe gerückt. Über ihre Erlebnisse und Erfahrungen mit wilden Pflanzen und Insekten schreibt Heuberger auch in ihrem Blog "Wilder Meter". Sie möchte andere Balkoninhaber inspirieren, ebenfalls auf ökologisch wertvolle Pflanzen mit Charakter umzustellen. "Gezüchtete Hybride aus dem Gartencenter sind für Insekten so wertlos wie Plastikblumen", sagt sie. Dabei ist es noch nicht allzu lange her, dass Heuberger selbst rein nach der Optik ging. Sie war Premiumkundin im Gartencenter, kaufte Geranien, Petunien und Oleander.

Ihr Erweckungserlebnis hatte sie vor vier Jahren: Auf ihrem Bürobalkon stand ein mit Stoff bespannter Holzliegestuhl. Aus einem Röhrchen, das den Stoff hielt, flog ein schwarz-gelbes Wesen heraus. Heuberger kreischte hysterisch, ihr Mann solle das "schlimme Tier" entfernen. "Wie eine Tussi war ich damals", sagt sie. Obwohl sie nie in ihrem Leben gestochen worden war, hatte sie panische Angst vor Wespen. Ihr Mann holte schließlich ein Nest mit einem Ei aus dem Liegestuhl und legte es in einen Blumentopf. Dann traute sich Heuberger einen Blick darauf zu werfen - und war fasziniert: das Ei war von leuchtend gelbem Löwenzahnpuder umgeben. Sie recherchierte im Internet und fand heraus: Das Tier ist eine Wildbiene und sie hatten gerade ihr Nest zerstört. Heuberger, die viel und ausdauernd erzählen kann, hält inne. Sie hat heute noch ein schlechtes Gewissen und schämt sich, dass sie bis dato nichts von der Existenz der Wildbiene wusste.

39 der 560 in Deutschland bekannten Wildbienenarten sind bereits ausgestorben, viele weitere stehen auf der roten Liste. Und so beschloss Heuberger, ihren Balkon auf ökologisch nachhaltige Weise zu gestalten und Insekten ein Zuhause zu bieten. Zwölf Nisthilfen hängen an den Wänden, stehen auf dem Boden und auf der Regentonne. Die Nisthilfen - den Begriff Insektenhotel lehnt Heuberger ab - sind alle aus verschiedenen Materialien selbstgebaut. Da gibt es Bambusröhrchen im Holzrahmen, Terrakotta-Ziegel und Blöcke aus Eiche, Buche und Esche mit verschieden großen Löchern. Die etwa 3000 Löcher mussten alle entgratet, also glatt geschliffen werden, damit sich die Insekten nicht an Holzfasern verletzen. Die Gehörnten Mauerbienen haben ihre Eier in die dicksten Löcher gelegt und mit einem mörtelähnlichen Gemisch aus Lehm und Speichel verschlossen.

Bald wird die Mofagang wieder schlüpfen - Heuberger freut sich schon auf das Spektakel. Auch die Ameisen sorgen für Unterhaltung. Die gewitzten Räuber tragen schon mal ein Wespenei davon - mitsamt der gelähmten Raupe, die die Lehmwespe eigentlich als Futter für ihren Nachwuchs hinterlassen hat.

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