SZ-Adventskalender Behinderung inklusive

An der Grundschule in Traubing werden beeinträchtigte Kinder in den Unterricht eingebunden, als wenn nichts wäre. Das funktioniert dank engagierter Lehrer und einer guten Ausstattung

Von Carolin Fries, Traubing

Das schwarze Gerät, das Camilla Adamovich an einem Band um den Hals trägt, sieht ein bisschen so aus wie ein zehn Jahre altes Handy. Für die Lehrerin an der Traubinger Grundschule gehört es zum Berufsalltag wie die laminierten Buchstaben, die im Zimmer der ersten Klasse an der Wand kleben. Schaltet Adamovich die sogenannte FM-Anlage ein, dann versteht Linus (alle Namen der Kinder von der Redaktion geändert) jedes ihrer Worte klar und deutlich. Der sechs Jahre alte Bub und seine Schwester, die ebenfalls die Traubinger Schule besucht, sind genetisch bedingt schwerhörig. Beide Kinder tragen Hörgeräte, die über einen Empfänger die Signale des Senders über Funk übertragen bekommen. "Voll praktisch", findet Linus, der seine Lehrerin sogar dann hört, wenn er zwischendrin auf die Toilette geht. "Ich muss Frau Adamovich nur immer erinnern, das Gerät auszustellen, wenn sie aufs Klo geht."

Linus und seine Schwester sind zwei von insgesamt vier hörgeschädigten Kindern an der kleinen Traubinger Grundschule, die bewusst beeinträchtigte und behinderte Kinder inkludiert, ohne den Titel Inklusionsschule zu tragen. Das vierköpfige Lehrerinnen-Team hält es einfach für selbstverständlich, auch "verhaltensoriginelle Kinder " wie sie hier heißen aufzunehmen und dafür zu sorgen, dass sie entsprechend ihrer Fähigkeiten am Unterricht teilnehmen können. So gehören Kinder mit ADHS-Diagnose, traumatisierte Kinder, körperbehinderte Kinder, Flüchtlingskinder, ein autistisches Kind und eben die hörgeschädigten Kinder einfach dazu. Die Inklusion funktioniere, weil sie hier gescheit angegangen werde, sagt Nicole Gasperetti, die den autistischen Mario als Schulbegleiterin betreut. "Die Kinder werden eingebunden, als wenn nichts wäre." Wenn Mario nervös mit dem Oberkörper zu schaukeln beginnt, dann legt ihm ein Mitschüler beruhigend die Hand auf die Schulter. Und Linus, der ganz vorne sitzt, sprechen seine Mitschüler schon lange nicht mehr aus den hinteren Reihen an. Anfangs hat sich der ein oder andere noch geärgert, wenn der Bub einfach nicht reagiert hat, längst wissen sie: Linus ignoriert sie nicht, er hört sie einfach nicht.

Es sind Kleinigkeiten, die das Miteinander stärken. So lernen etwa die Erstklässler, Buchstaben lautmalerisch mit Zeichen der rechten Hand vor dem Gesicht zu begleiten. Sprache kann mithilfe dieser "Momelsprache" nicht nur akustisch, sondern auch visuell wahrgenommen werden. Zudem schult es die Lesenden koordinatorisch und verknüpft die Gehirnhälften. Wenn nicht gerade gemeinsam laut gelesen wird, ist es auffallend leise in den Klassenräumen. Auf den Bänken liegen Arbeitsunterlagen, um das Rascheln des Papiers zu dämpfen. Vorhänge gibt es keine. Zusammen mit dem mobilen sonderpädagogischen Dienst (MSD), der die Schule regelmäßig besucht und Anregung aus den verschiedenen Bereichen gibt, wird ständig an einer möglichst idealen Umgebung für alle Beteiligten gearbeitet. Viele Verbesserungen lassen sich mit kleinstem Aufwand umsetzen, Maßnahmen zur Verbesserung der Akustik aber sind meist teuer. "Dafür profitieren alle Kinder", sagt Camilla Adamovich. Sie hat auf Vorschlag des MSDs finanzielle Unterstützung für den Kauf einer tragbaren Lautsprecheranlage beim SZ-Adventskalendeder beantragt. Das Soundsystem kostet 4500 Euro und besteht aus einem Lautsprecher, Mikrofonen und Zubehör. Die Lehrerin verspricht sich davon einen gleichmäßigen Klangteppich im Raum. Linus würde dann nicht nur sie über die FM-Anlage klar und deutlich verstehen, sondern auch seine Mitschüler. Besonders wertvoll aber wäre die Anlage für Veranstaltungen, bei denen alle Kinder zusammenkommen, wie etwa der monatlichen Schülerkonferenz. Von den Viertklässlern angeleitet werden hier von den Schülern angeregte Themen besprochen. Schulleiterin Michaela Walch ist es ein besonderes Anliegen, dass sie ihre Wünsche äußern können. Nicht selten entwickeln sich daraus dann Projekte wie beispielsweise Lesewochen. Oder aber zweisprachig aufwachsende Mitschüler werden gebeten, den Kindern eine fremde Sprache und Kultur vorzustellen. "Alle Schüler sollen die Möglichkeit haben, zu glänzen", sagt Walch.