Landkreis Starnberg Schiffsunglück auf Starnberger See

Der Kapitän wollte mit der "Seeshaupt" nahe des Seerestaurants wenden, dann krachte das Heck des Luxusliners mehrmals in den Steg. Eine Panik bricht aus, fünf Gäste werden verletzt.

Von Christian Deussing und Sabine Bader

Es passierte am Freitagabend um 18.10 Uhr vor der Seepromenade. Die neue MS "Seeshaupt" hatte die letzte Fahrt gerade hinter sich, alle Passagiere waren bereits an Land, nur noch die Besatzung war an Bord. Der Kapitän wollte das Schiff nahe des Stegs am Seerestaurant Undosa wenden. Was dann geschah, hat ein Gast mit seiner Kamera aufgezeichnet:

Erst saßen die Restaurantbesucher noch ruhig auf dem terrassenartigen Steg am Wasser und beobachteten die Szene. Dann brach Panik unter den mehr als 20 Gästen aus, die ersten sprangen auf, alles schrie durcheinander. Und dann krachte die Seeshaupt auch schon mehrmals mit dem Heck gegen den Steg.

Die Holzkonstruktion vibrierte und ein 60-jähriger Tourist stürzte ins Wasser. Er erlitt laut Polizei eine Verletzung am Halswirbel. Eine 55-jährige Frau wurde von einem umstürzenden Sonnenschirm getroffen und verletzte sich am Rücken. Beide kamen ins Krankenhaus.

Insgesamt gab es bei dem Unglück fünf Verletzte. Polizei, Rettungskräfte und Feuerwehr waren im Großeinsatz. Die "Seeshaupt" lag zu diesem Zeitpunkt bereits im Hafen. Schon in den ersten Minuten nach der Havarie hatte der Kapitän entschieden, das Schiff möglichst schnell zurück zur Werft zurückzubringen, da er wohl annahm, dass durch den Aufprall größere Schäden am Heck entstanden sind.

"Lauft sofort weg vom Steg!"

Manuel Becker, 26, aus München ist einer der Gäste, die sich zur Unglückszeit auf dem Steg aufgehalten haben. "Ich saß gerade zwei Minuten am Tisch, wollte eben bestellen, da sah sich das Schiff immer näher kommen und dachte noch: Der will wohl hier einparken." Dann sprangen Becker und seine Schwester auf und rannten davon. Dabei verletzte sich der Versicherungskaufmann leicht. Der 13-jährige Marvin sprach von einem "riesen Rumms", sein Liegestuhl habe gewackelt und er haben seinen Vater noch schreien hören: "Lauft sofort weg vom Steg!"

Starnbergs Polizeichef Norbert Reller war als Einsatzleiter am Unfallort. Er hat das Video des Gastes, auf dem der Hergang der Havarie dokumentiert ist, beschlagnahmt. "Der Verlauf des Unglücks ist darauf gut zu sehen", sagt er zur SZ. Laut Reller setzte der Kapitän das Schiff zurück und wollte es vom Nebensteuerstand aus wenden. Nachdem er bemerkte, dass sich der Rückwärtsgang nicht mehr lösen ließ, wechselte er in den Hauptsteuerstand, aber auch hier war zunächst keine Vorwärtsfahrt möglich.

Ermittelt werde jetzt wegen möglicher fahrlässiger Körperverletzung. Allerdings spricht laut Reller derzeit vieles für einen technischen Defekt. Das Schiff sei beschlagnahmt und die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Über die Schadenshöhe an der "Seeshaupt" ließ sich noch nichts Genaues sagen. Der Geschäftsführer von "Orange Beach" am Undosa, Christian Sterr, sprach von einem erheblichen Sachschaden am Steg von womöglich bis zu 100 000 Euro. Die Statik sei schwer beschädigt.

Kindekrankheit des Luxusleiners

Die ersten Probleme mit dem 6,5 Millionen Euro teuren, neuen Luxusliner hatte es bereits drei Tage nach seiner Jungfernfahrt gegeben. Beim Anlegemanöver in Berg spielte die Elektronik verrückt. Von "Kinderkrankheiten", die das komplexe Steuerungssystem des Motorschiffes mit sich brächten, hatte damals Schifffahrtsdirektor Walter Stürzl gesprochen und die "Seeshaupt" für Tage aus dem Verkehr gezogen.

Als Stürzl am Freitagabend per Handy vom Unfall erfuhr, war er gerade auf dem Königssee unterwegs. In einer ersten Stellungnahme sagte er: "Ich gehe von einem technischen Defekt aus." Denn der Kapitän sei einer der erfahrensten Schiffsführer auf dem Starnberger See und hier seit 30 Jahren im Einsatz. Auch Reller erklärte, der Kapitän sei "absolut fahrtüchtig" gewesen.

Stürzl ist übrigens ein gebranntes Kind was Schiffsunfälle auf dem Starnberger See angeht: War doch im Mai 2004 der damals nagelneue Katamaran "Starnberg" mit 141 Passagieren an Bord frontal gegen die Ufermauer des Hotels Schloss Berg geprallt, vier Tage nach seiner Taufe. 22 Menschen erlitten Verletzungen. Der Sachschaden summierte sich auf 100 000 Euro, und die Staatsanwaltschaft schaltete sich ein, um die Ursache der Havarie zu ermitteln. Am Ende ergab ein Gutachten: Eine "technisch bedingte Antriebs- und Lenkstörung" habe zu dem Unfall geführt. Den damals suspendierten Kapitän treffe nur geringe Schuld.